Seit heute morgen um 7 herrscht schon reges Treiben in der Villa.
Konditormeister, Essenlieferanten, Partyplaner, Handwerker, Floristen und Alfred rennen wie wild durcheinander. Und mitten drin bin ich in Hausschuhen und Jogginghose, etwas überfordert, was genau hier eigentlich abgeht.
Das Wohnzimmer wurde komplett leer geräumt, die weißen Sofas und Dekopflanzen stehen draußen auf der Veranda, die Bar wird mit frischem Alkohol beliefert. Die großen Fenster zum Garten sind zur Seite geschoben, sodass man vom Haus direkt auf die Terrasse und zum Pool kann. Vor dem großen Bildschirm an der rechten Wand wird eine kleine Bühne mit Podest aufgebaut. Ich hatte angenommen die Gala ist in einem Konzerthaus oder im Rathaus, aber anscheinend findet sie hier in der Villa statt. Kein Wunder ist Sally nach NewYork geflohen.
Freddy hat an alle Säulen, Stehtische und Türen schöne Blumengestecke angebracht, sodass in dem ganzen Gewusel ein Duft von frischen Blumen in der Luft liegt. Das heute Abend muss ein riesiges Fest werden, viel größer, als ich es mir vorgestellt habe.
Zwischen dem ganzen Trubel erscheint ein entspannter Nathe in Jogginghose und T-Shirt. Seine Haare sind verstrubbelt, was ihn irgendwie aussehen lässt wie Maxi, wenn er morgens zum Frühstück kommt. Wie immer beobachtet er erst einmal die Situation. Als er mich sieht, nickt er mir kurz zu und verzieht sich dann in die Küche.
Berta will dich jetzt sicher auch nicht sehen, die ist nervöser als alle anderen hier zusammen. Die arme Frau ist seit Tagen schon am Essen kochen, backen und vorbereiten. Zwar hat Ivona extra ein Essenslieferanten bestellt, aber um die kleinen Gebäcke führ die Stehtische und tonnenweise Salate lässt sich die Köchin nicht bringen.
Alfred hechtet auf mich zu mit kurzen aber schnellen Schritten und beauftragt mich einen Teil der Partyservicedeko auszusuchen, um Ivona die Auswahl leichter zu machen. Ich dachte, das ist ein lockerer Job, aber jetzt steh ich vor einer Auswahl an Farben, die selbst Ivonas Kleiderschrank einfarbig abstempeln würde. Eine Auswahlbox mit Servietten lässt mich verzweifeln. Zwischen Lavendel, Alpinblau und Weißer Flieder sehe ich kaum Unterschied, genauso wenig wie zwischen Designerblau und Neutralblau.
Während ich an solch einer leichten Aufgabe innerlich verzweifle und mich wieder ins Bett wünsche, spüre ich einen Blick in meinem Rücken.
„Rot."
Berta muss Nathe aus der Küche geschmissen haben. Genüsslich kauend steht er mit einem Nutellabrot vor mir.
Rot? Ich tendiere zu weiß oder beige. Etwas unauffälliges, die Deko soll ja wohl nicht im Mittelpunkt stehen.
„Weinrot.", er deutet mit seinem Brot auf die entsprechende Farbe. „Es wird sich aus der schwarz-weißen Masse herausheben, ist kräftig, betont, aber nicht grell und verkörpert gleichzeitig noch das Familiensymbol."
Das Nutellabrot wird auf den großen Bildschirm hinter der aufgebauten Bühne gelenkt, worauf ein S mit dunkelrotem Hintergrund abgebildet ist. Um das S schlängelt sich eine silberne Schlange mit offenem Maul und scharfen Eckzähnen. Dieses Wappen habe ich unterbewusst schon ein paar Mal auf den Eingangstüren der Villa wahrgenommen, mir aber nichts weiter dabei gedacht. Ich wusste nicht, dass es noch so etwas altmodisches wie Familienwappen gibt. Auch war die Schlange auf Nathes Tagebuch vorne drauf, die sich um das N geschlängelt hat. Aber an diesen Tag möchte ich lieber nicht mehr zurück denken.
Mein Blick richtet sich wieder auf die Farbauswahl vor mir.
Bordeauxrot, Kirschrot... oder doch Weinrot?
„Ich wäre für eine schlichtere Farbe.", murmele ich vor mich hin, während ich die drei Rottonservietten mit drei Beigen auf den Tisch auslege .
Ich kann sein spöttisches Lächeln aus dem Augenwinkel sehen: „Klar, du kommst ja auch aus einer schlichteren Gegend."
Verärgert drehe ich mich zu ihm um und schnappe nach Luft um ihm zu Augen, was ein arroganter Arsch er doch ist, als ich Ivona auf uns zukommen sehe. Zum ersten Mal seit dem ich hier wohne in Sneakers, ein etwas ungewohnter Anblick.
„Ah Caitlin, danke schon mal fürs aussuchen.", ihr Blick fliegt über meine Auswahl, oder wohl eher, über die Auswahl von Nathe. „Ich muss sagen, du hast Geschmack, rot finde ich besonders passend. Sag dem Partyservice, die sollen alles in Weinrot herrichten."
Schnell läuft sie weiter zur nächsten Baustelle. Ich will gerade nicht in ihrer Haut stecken. Obwohl ich mich in meiner ebenso unwohl fühle, weil Nathe triumphierend in sein Brot beißt.
Ohne ihn weiter zu beachten, packe ich alle Servietten zurück in die Auswahlbox und will mich so schnell wie möglich irgendwo anders hin begeben.
„ Swany!"
Ich setze meinen genervten Gesichtsausdruck auf und drehe mich zu ihm um. Lässig sitzt er auf dem Tisch der Serviettenbox und lässt seine Beine in der Luft baumeln.
„Hast du mir nicht was zu sagen?", fragt er mich und nickt mit dem Kopf in Richtung der Servietten.
Ernsthaft?!?
„Danke für deine Hilfe." Auf meine Aussage folgt ein spöttischer Knicks meinerseits.
„Ich bitte dich, sei nicht albern, ich helfe dir nicht einfach so." Er springt vom Tisch runter und verkleinert den Abstand zwischen uns, sodass nur ich diese Worte nun hören kann:"Du schuldest mir was."
Bitte was?
Verständnislos lache ich auf: „Man kann sich also untereinander nicht mal mehr helfen, ohne einen Hintergedanken zu haben?!"
Nathe kommt näher an mich ran, wobei ich mich zwingen muss nicht zurück zu weichen, und flüstert: „Willkommen in meiner Welt."
Er steht nur wenige Zentimeter von mir weg und schaut auf mich herunter. In seinem Blick liegt pure Arroganz.
„Was willst du Silver?", frage ich und versuche meinen gesamten Körper mit Gedanken in Ordnung zu bringen.
Seine Augen funkeln spielerisch auf als ich auf ihn eingehe. Das kann nichts gutes Bedeuten.
„Sei heute Abend meine Abendbegleitung."
Normalerweise habe ich zu viele Gedanken, die in meinem Kopf hin und her schwirren und mich nicht mehr klar denken lassen. Aber in diesem Moment ist pure Leere. Und genauso muss ich aussehen, denn Nathes Grübchen kommen zum Vorschein.
Okay okay okay, versuche ich mich zu konzentrieren.
Hat er mich jetzt ernsthaft gefragt, ob ich mit ihm auf das Fest heute Abend mitgehen will? Oder wohl eher, fordert er es von mir, als danke für die Dekofarbauswahl.
Hat Sally ihn dazu beauftragt, damit ich nicht alleine bin?
Hat ihm Victor so hart gegen den Kopf geschlagen, sodass er nicht mehr klar denken kann?
Oder hat er Hintergedanken und kann aus der Situation selbst profitieren?
„Warum?", kommt es mir unkontrolliert über die Lippen.
Seine buschige Augenbraue zieht sich fragend nach oben.
„Jedes andere Mädchen würde mir um den Hals fallen und du fragst, warum?"
„Ich bin nicht jedes anderen Mädchen."
„Allerdings", sagt er und sein Blick landet belustigt auf meinen gelben Hausschuhen. Bei mir zuhause ist es normal Hausschuhe zu tragen, der Boden ist kalt und die Füße sollen es eben nicht sein. Ohne meine Hausschuhe kann ich nicht in einem Haus leben. Klar, sie sind nicht die Schönsten und passen absolut nicht in dieses Haus, aber das ist wie Bertas Schürze und über die macht er sich schließlich auch nicht lustig.
„Kein Kommentar zu meinen Hausschuhen oder du kannst heute Abend alleine gehen.", warne ich ihn mit ausgestrecktem Zeigefinger vor.
„Das heißt also ja?" In seinem Pokerface kann ich kein Anzeichen von Freude über mein Zustimmung sehen. Entweder er zeigt es nicht oder es geht ihm nicht um mich.
Natürlich geht es ihm nicht um dich, er ist immer noch Nathan Silver!, wirft meine innere Stimme ein.
„Hör zu Silver. Ich bin nicht eines deiner Girls die du dir für einen Abend anlachst und danach wegwerfen kannst. Ich bin weder blond noch reich, arbeite für deine Familie obwohl du das ätzend findest, bewaffne mich mit Nagelscheren wenn ein Einbrecher kommt, lese dein Tagebuch und trage bunte Hausschuhe die in diese triste Welt so wenig reinpassen wie ich. Und zu allem Überdruss weiß ich viel mehr über dich als du über mich, also pass verdammt noch mal auf mit wem du hier Spielst!"
Zu meinem Erstaunen löst sich sein Pokerface und seine Augen schimmern im hellen Grün.
„Glaub mir Swany. Dich nur zum spielen zu benutzen wärst du mir nicht wert. 20 Uhr. Zieh was passendes an."
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Between two worlds
Romance„Du schuldest mir was, Swany!" Wie ich diesen dämlichen Spitznamen hasse! Verständnislos lache ich auf: „Man kann sich also nicht mal mehr untereinander helfen, ohne einen Hintergedanken zu haben?!" Nathan Silver kommt schmunzelnd auf mich zu und r...
