Kapitel 21 (Shooting)

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„Wir werden das alles überschminken müssen.", murmelt Ivona so leise, sodas man es wegen dem Motorsummen des Porsches kaum hören kann. Ich bin überrascht wie unsensibel die sonst so einfühlsame Ivona auf die Situation reagiert hat. Sie war weder bereit dazwischen zu gehen, noch hat sie ihren Mann zur Rede gestellt. Und das einzige was Nathe zu hören bekommt sind Vorwürfe wegen seines Aussehens. Das bestätigt für mich die Vorwürfe, dass Ivona ihn für ihre Firma ausnutzt und sich sonst nicht groß weiterhin für ihn interessiert. Klar, er war sicherlich kein einfaches Kind, und zu dem das einzige in dieser Familie dass nicht von ihr ist. Aber das bei ihm ihre Mutter Gefühle so kalt bleiben ändert meine Sicht auf sie.
Nathe hat sich das Blut so gut es ging aus dem Gesicht gewaschen und dreht sich zu mir auf die Rückbank um.
„Was machst du hier?"
Sein schönes Gesicht sieht ziemlich entstellt aus. Eine aufgeplatzte Lippe, Blut läuft immer noch aus der Nase, seine linke Gesichtshälfte ist leicht geschwollen und seine Augenbraue aufgeschrammt. Mutig von ihm, so zu einem Photoshooting zu gehen.
„Sie wird uns ein wenig unter die Arme greifen. Außerdem ruft die Presse jede halbe Stunde an um mit ihr ein Interview zu führen", erklärt ihm Ivona. „Es ist das Beste für sie, wenn wir ein Photoshooting mit ihr machen, das kann einen nach einer Mobbingattacke wieder aufmuntern. "
„Du meinst, es ist das Beste für dich!", stellt Nathe trocken fest. Ausdruckslos mustert er mein Outfit bevor er sich zu seiner Stiefmutter dreht. „Du nutzt auch alles und jeden aus, sobald es dir einen Vorteil bringt. Wie Dad."
„Nathanael Silver, jetzt ist es aber genug! Hör endlich auf mit deinen Unterstellungen. Ich weiß nicht, was Jacob darüber sagen wird, wenn er aber auch die Chance sieht, dass Caitlin's Geschichte groß rauskommen kann, dann ist das eine gute Gelegenheit für sie."
„Und eine noch bessere Gelegenheit für dich!"
„Für jemand, der gerade verprügelt wurde, hast du eine ganz schön große Klappe!"
Das war der letzte Satz für die komplette Autofahrt. Noch nie habe ich mich so falsch am Platz gefühlt wie in diesem Moment.

Das Gebäude der >Modelstar< steht am Rande der Stadt, Nahe der Slums. Ein großer Fluss trennt das Gewerbeviertel von den Slums. Eine Brücke verbindet beide Viertel der Stadt miteinander. In dem Fluss, der für manche der einzige Zugang zu fließend Wasser ist, landen die Abfälle von Fabriken, die wie eine unschöne Skyline eine weitere Abgrenzung der beiden Vierteln ist. Früher bin ich an dem Hochhaus mit dem silberleuchtendem „M" zwei mal am Tag mit dem Zug vorbei gefahren. Wer hätte gedacht, dass ich es mal von innen sehen werde.
Nathan verschwindet am Eingang in der Herrentoilette ohne mit uns beiden ein Wort zu wechseln. Ich nehme das aber kaum wahr weil mich diese riesige Eingangshalle beinahe umhaut. Der hell erleuchtet Raum besteht ausnahmslos aus Glaswänden, einem weißglänzendem Marmorboden, vereinzelnden Sofas und Pflanzen. Der Einfluss von Ivona ist nicht zu verkennen, es erinnert mich an das Wohnzimmer in der Villa der Silvers.
Im Foyer werden Ivona und ich von einem Securitymann abgetastet und durchleuchtet, bevor wir zum Aufzug zugelassen werden. Ivona drückt die letzte der Nummern auf der Fahrstuhlanzeige.
„Es tut mir leid, dass du das heute sehen musstest.", unterbricht sie die Stille, während der Aufzug sich in Bewegung nach ganz oben setzt.
Da ich keine Ahnung hab was ich darauf sagen soll, starre ich auf dem gespiegelten Aufzugboden und zucke leicht mit den Schultern. Wie kann sie so einen Mann lieben? Einen Kolleriker. Schläger. Der seinen eigenen Sohn misshandelt.
Sie seufzt einmal auf und umklammert ihre Handtasche fest: „Weißt du Cat, Nathes Mutter und Victor waren nie verheiratet. Er ist ein uneheliches Kind. Das war in der adligen Familie Silver gar nicht gerne gesehen. Durch seinen „Bastard-Sohn" ist er im Familienrang herunter gerutscht, durfte die Firma seines Vaters nicht übernehmen und wie das dann so ist, bekam er immer das kleinste Stück vom Kuchen. Aber er war glücklich mit Freya, so viel weiß ich. Sie starb vor 8 Jahren, als sie einen Herzfehler hatte, kurz vor der Geburt ihres zweiten Kindes. Victor war gerade auf Geschäftsreise, nur Nathe war bei ihr. Diesen Verlust hat er nur schwer verkraftet. Er sagt immer, Nathe erinnert ihn von seinem Aussehen und Charakter sehr an sie. Ich denke, dass es ihn manchmal verrückt macht, sie in seinem Sohn zu sehen... an den Verlust ständig erinnert zu werden...Vor allem seine Augen...wenn Nathe einen guten Moment hat, dann scheinen seine Augen förmlich zu glühen. Ich kann mir gar nicht vorstellen was für eine besondere Frau sie gewesen sein musste, wenn Victor das Leben mit ihr über das seiner Familie gestellt hat." Ivona streicht sich eine Haarsträhne hinters Ohr. „Nach Freyas Tod, hatte er alles verloren. Seine Frau für die er alles das aufgegeben hatte was ihm in die Wiege gelegt wurde. Sein zweites Kind und das Ansehen seiner Familie. Also kam er als gebrochener Mann wieder auf sie zu. Der Tod von Freya hat ihm nur klar gemacht, dass alles, was von der Linie der Silvers abweicht nichts Gutes mit sich bringt. Victor musste sich das Ansehen in der Familie Silver zurück erkämpfen, aus einem Hauch von Nichts. Er hat es schlussendlich auch geschafft, aber unter welchen Preis... Ich kann dir gar nicht aufzählen wie viele Nächte er durchgemacht hat, wie viele Freunde er entlassen musste die ihm in den Rücken gefallen sind und was für eine Last Nathan für ihn gleichzeitig war. Aber Victor hat es geschafft, er hat sich alles materielle zurück geholt, was er durch die Liebe zu Freya verloren hatte.
Deswegen versucht er krampfhaft Nathe in seine Fußstapfen zu zwingen, das er nicht das selbe durchmachen muss. Er will ihn bei sich haben und mit sich ziehen und gleichzeitig kann er ihn nicht ansehen. Weißt du, wie es ist, den wichtigsten Menschen zu verlieren, aber ihn jeden Tag in einer anderen Person zu sehen ? Ständig an deinen Verlust erinnert zu werden?
Dazu war Nathe auch noch kein einfacher Teenager, auch in ihm ist etwas kaputt gegangen. Die ganze Schuld die er sich an dem Tod seiner Mutter gibt. Er wurde unberechenbar. Ich erinnere mich noch sehr gut an die Zeit... Es war sehr schwer für Victor... er konnte ihn nur durch harte Strafen und Konsequenzen im Zaum halten. Nathe hat sich Nachts aus dem Haus geschlichen, Hausparties gefeiert, sich bei Familientreffen nicht blicken lassen, was für die Silvers ein No Go ist, ist betrunken zu Meetings erschienen und zudem hat er noch für viel Unruhe in der Schule gesorgt. Fast täglich kamen Anrufe wegen Hofprügeleien, Mobbingbeschuldigungen, Wutausbrüchen... Er musste ein paar mal schon Schule wechsel. Ich weiß gar nicht wie viel Geld wir in die Medicin gesteckt haben, dass er auf dieser endlich bleiben kann."
Das bedeutet, dass Nathe auch noch nicht lange auf der Medicin High ist, wenn er so oft Suspendiert wurde. Das erklärt auch, warum Feli seit dem Heimunterricht bis vor kurzem noch einen Crush auf ihn hatte.
Sie hat ihn in der Unter- und Mittelstufe nicht mehr gesehen und nicht mitbekommen, wie sich ihr netter Spielkamerad zu einem komplett anderen Menschen verändert hat.
„In dieser schweren Zeit hat Victor unkontrolliert angefangen Alkohol zu konsumieren. Ich weiß, dass er mit Nathe Dinge anstellt die nicht in Ordnung sind, aber es haben sich dadurch auch Dinge ins positive entwickelt. Nathe sieht nun seine Pflicht die Kanzlei eines Tages zu übernehmen. Er erscheint bei den Familienfeiern und ist pünktlich bei den Meetings. Auch, dass er die Verantwortung als Kaptain vom Football übrnimmt... das hätte ich mir vor 5 Jahren noch nicht erträumen können."
Das ist der Grund also, warum Ivona sich nicht in den Streit mit eingemischt hat vorhin. Weil sie die Erziehungs Maßnahmen als notwendiges Übel sieht um ihrem Stiefsohn in den Griff zu bekommen. Weil es bis jetzt so funktioniert hat.

Between two worlds Geschichten, die süchtig machen. Entdecke jetzt