Seit über 10 Minuten stehe ich am Treppengeländer vor meinem Schlafzimmer und traue mich kaum zu Atmen, in der Angst man könnte mich hören. Jedes kleine Geräusch lässt mich zusammenzucken. Ein Türknarren, ein Scheppern in der Küche. Aber von Victors Büro höre ich nichts. Seit einer gefühlten Ewigkeit sind die zwei da jetzt schon drin.
Mit großem Fragezeichen hat Alfred mir den Koffer ins Zimmer zurückgestellt. Ich bin mir sicher, dass er mit Berta darüber jetzt in der Küche spekuliert, was vorgefallen sein muss.
Ich würde mich ja gerne dazugesellen und sie aufklären, aber ich möchte auf Nathe warten und ihm vorwerfen, wie er nur so dumm sein konnte seine Freiheit für mich zu opfern. Nervös beginne ich auf und ab zu laufen, wäre nicht der rote Teppich hätte ich ein Loch in den Mamor gelaufen. Als die Türe endlich aufgeht verziehe ich mich zu meiner Zimmertüre, den Türgriff in der Hand, um in jedem Moment schnell in mein Zimmer zu verschwinden.
Das laute Seufzen verrät mir, dass keine Gefahr besteht, und nicht Victor sondern Nathe die Treppe hoch kommt. Ich kann es einfach nicht abwarten und laufe ihm entgegen. Vor dem Treppenabsatz stoppe ich und sehe direkt in die dunkelgrünen Augen. Durch das abgedunkelte Licht sehen sie aus wie das aufgewühlte Meer wenn sich ein Sturm zusammen zieht.
Nathe zieht mich hinterher in sein Zimmer und schließt vorsichtig die Türe.
Ich möchte tausende Fragen stellen, kann mich aber in dem Moment nicht auf Eine konzentrieren. Das muss er mir angesehen haben, denn er streckt sein Handgelenk in mein Sichtfeld. Ein silbernes Armband in Form einer Schlange schlängelt sich enganliegend darum. Der Kopf und der Schwanz liegen einige Millimeter auseinander, der schuppige Körper ist nicht breiter als ein Zentimeter, aber der Schlangenkopf biegt sich dem Arm entlang nach vorne Richtung seines Handgelenkes.
„Victor hat dir Schmuck geschenkt?", frage ich völlig verdattert nach, weil ich keine Ahnung habe, wie er mit dieser Gestik all meine Fragen beantworten möchte. In Nathes Gesicht kann ich keine Anzeichen von einem Scherz sehen. Um genau zu sein, ist in seinem Gesicht gar nichts zu sehen. Er hat seine Gefühle hinter einer dicken Wand gepackt.
„Das ist ein Tracker. In dem Kopf der Schlange sitzt ein GPS Gerät."
Ein GPS was? Damit Victor seinen eigenen Sohn verfolgen kann? Ich dachte, der Typ ist schon krank, aber er überrascht mich jedes Mal aufs Neue.
„Nathe, es tut mir leid...", beginne ich und lege meine Hand auf seine.
„Ursprünglich hat mein Onkel diese Art von Halsbändern für Hunde erfunden. Anscheinend lässt er es aber mit genügend Geld auch für Psychopaten anfertigen."
Mit eingefallenen Schultern steht er vor mir und schaut auf seinen Arm. Es tut mir so weh ihn in diesem Zustand zu sehen.
„Und das ist noch nicht alles..."
Oh Gott, was kommt jetzt noch?
„Ich musste ihm mein Wort geben, dass ich dich nicht berühren werde."
Ich hatte schlimmeres erwartet. Erleichtert lächele ich ihn an. „Er kann nicht sehen was hinter verschlossenen Türen passiert."
Ich lege hoffnungsvoll eine Hand auf seinen Arm um die Schlange zu überdecken. GPS hin oder her, was hier zuhause passiert wird Vic schon nicht mitbekommen wenn wir besser aufpassen.
Nathe zuckt zurück als hätte ich ihm einen Stromschlag verpasst. „Nein, du verstehst das nicht Caitlin. Ich hab ihm mein Wort gegeben."
Ich blicke in die grünen Augen in denen sich Ernst und Kummer widerspiegeln. Aber etwas sehe ich ganz deutlich. Stolz. Diesen Stolz, den ich in den Prügeleien immer bewundert habe. Aber das hier ist anders. Dieser Stolz bindet Nathan an sein Wort. Das würde er niemals brechen.
Also ist es besiegelt. Victor hat es geschafft.
Von einer Sekunde auf die andere überrollt mich eine Wut, sodass ich mich auf dem Absatz umdrehe.
„Cait, was hast du vor?"
„Ich werde meinen Koffer packen und von hier verschwinden. Ich kann nicht zulassen, dass dir Victor auch noch das letzte bisschen Freiheit nimmt, was du besitzt!"
Nathe, unfähig mich körperlich aufzuhalten, überholt mich und versperrt mir den Weg.
„Vergiss es! Du kannst ohne dem Geld nicht auf der Medizin bleiben."
„Ich will das dreckige Geld von deinem Vater nicht!", schreie ich ihn an. „Ich kann nicht jeden verdammten Tag in der Schule sitzen mit dem Wissen, dass ich hier nur sein kann, weil er dir alles wegnimmt. Er kontrolliert dich jetzt völlig, Nathan!"
„Denkst du, dass weiß ich nicht?", seine Hände ballen sich zu Fäusten. „Ich will in dieser Welt aber nicht ohne dich sein." Die letzten paar Worte sind nur noch ein Hauchen.
Plötzlich knistert es zwischen uns, wie ich es noch nie erlebt habe. Das ganze Zimmer scheint unter Strom zu stehen. Meine Schmetterlinge fliegen bis in meinen Kopf und schlagen dort Loopings.
„Weil ich dich liebe, Swany."
Meine Welt dreht sich. Es scheint nur noch ihn und mich zu geben. Ich vergesse alle unsere Probleme und Sorgen. Ich vergesse Vic, Sofie, Nessa, Neal, das Armband. Es gibt nur ihn und mich. Ich greife in sein T-Shirt und ziehe mich an ihn. Unsere Lippen verschmelzen ineinander, in mir explodiert alles. Dieser Moment soll niemals aufhören.
Aus dem Nichts zieht sich Nathe von mir zurück und stößt mich grob zur Seite.
„Cait! Du kannst doch nicht..."
„Dich einfach küssen?", führe ich seinen Satz fort. „Ich habe mein Wort nicht Vic gegeben, dass ich dich nicht anfassen werde. Das ist unser Schlupfloch."
Doch so schnell meine Hoffnung aufgekeimt ist, so schnell wird sie zu Nichte gemacht, da Nathe den Kopf schüttelt.
„Tut mir Leid, Kleines, es ging um keinerlei Berührungen... und sobald du mich berührst berühre ich auch dich..."
Einige Augenblicke herrscht Schweigen zwischen uns.
Den folgenden Satz bringe ich nur mit zitternder Stimme hervor. „Nein, mir tut es Leid, Nathan. Weil ich dann für uns keine Zukunft sehe. Du hast dein Wort gegeben, dann musst du mit dieser Entscheidung auch leben."
Ich spüre wie mir die Tränen die Wangen runterlaufen, weswegen ich mich weg drehe und an ihm vorbei sein Zimmer verlasse.
„Cait..." Ich höre wie er mir nachgeht aber es schafft es nicht nochmal mich aufzuhalten. Oben Umwege gehe ich in mein Zimmer und greife nach dem Koffer.
„Cait, bitte, tu das nicht."
Ich kann in seinen Augen sehen wie er sich gerade beherrschen muss um keine glasigen Augen zu bekommen.
„Du hättest mich vorhin einfach gehen lassen sollen."
„Dich gehen lassen sollen? Damit mein Vater dir keinen Cent mehr zahlt? Ich hab das nur für dich gemacht.", zischt er. Seine grünen Augen treffen auf meine. Ich kann seine Wut und Enttäuschung nachvollziehen. „Ich wollte, dass du deinen Traum erfüllen kannst. Weil wenigstens einer von uns die Möglichkeit hat, seine Zukunft frei zu gestalten."
„Vielleicht solltest du wieder anfangen nur an dich selbst zu denken. Du siehst ja, wohin es dich gebracht hat." Ich schaue abfällig auf die Schlange an seinem Arm. Automatisch legt Nathe schützend eine Hand um das Armband und funkelt mich böse an. Aber ich bin noch nicht fertig. „Und das ich eine freie Zukunft habe war mir schon immer klar. Deine allerdings war noch nie frei. Und mit mir ist sie weniger geworden. Kurz gesagt: deiner Zukunft sieht ohne mich besser für dich aus. Es tut mir Leid, dass ich diese Entscheidung noch nicht früher getroffen habe. Das hätte dir so manche Probleme erspart."
Ich gehe auf ihn zu, sodass er mir ausweichen muss und versuche so selbstbewusst wie möglich aus dem Zimmer zu laufen. Aber innerlich zittere ich vor Angst, was meine Worte anrichten können. Aber wie sollen wir jemals uns auseinander leben, wenn ich die nette, kleine Caitlin bleibe die hofft, dass sich alles in der Zukunft regeln wird? Ich werde hier nicht bleiben um Nathes Freiheit zurück zu ergattern. Ohne mich wird er weniger Probleme haben. Er muss keine Prügel von Vic oder Charles einstecken wegen mir, noch muss er sich dann von Victor wie ein Hund kontrollieren lassen.
Und für mich gilt: Ich werde keine Nacht länger in diesem Haus bleiben!
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Between two worlds
Romance„Du schuldest mir was, Swany!" Wie ich diesen dämlichen Spitznamen hasse! Verständnislos lache ich auf: „Man kann sich also nicht mal mehr untereinander helfen, ohne einen Hintergedanken zu haben?!" Nathan Silver kommt schmunzelnd auf mich zu und r...
