1101 | Die Wohnung der Nachbarin

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„Theo?" Ein Keuchen verlässt meine Brust, als ich ihn erkenne. „Was machst du hier?"

„Nette Begrüßung", grinst er und beugt sich nach dem Schlüssel, der zwischen uns liegt. „Du warst heute Morgen einfach verschwunden und ich habe mir Sorgen gemacht", meint er und hält mir die Hand mit dem kleinen, glänzenden Metallstück hin.

„Ich... war verwirrt heute Morgen. Ich...", stammele ich, total überfordert von der Situation. Was macht Theo hier? Wieso ist er gekommen und woher weiß er überhaupt, wo er mich finden kann? „Wollen wir nicht lieber hoch gehen?", schlage ich spontan vor, als ich sehe, wie die Polizisten ihren Van verlassen.

„Klar, gehen wir zu dir", meint Theo und ich schließe die Haustür auf. Gemeinsam betreten wir das Treppenhaus und ich erkläre Theo, dass der Fahrstuhl kaputt ist, aber nicht, dass dies nicht mein Haus ist. Sein plötzliches Auftauchen macht mich stutzig und mein Körper sendet mir widersprüchliche Signale. Ist es süß und lieb, dass er hier ist? Oder ganz schön creepy?

Ein wenig erschöpft schließe ich die Tür im sechsten Stock auf und bitte Theo hinein. Er schaut sich kurz um und guckt mich dann schief grinsend an. „Ich bin überrascht von deiner... sehr geschmackvollen Einrichtung", sagt er in Anspielung auf die Häkeldeckchen auf dem Couchtisch aus Nussholz und den Blümchenvorhängen.

„Danke sehr", antworte ich möglichst überzeugend und gehe in die Küche. Dort stelle ich die Kekse auf den Küchentisch und sehe das große Messer, das auf einem Schneidebrett auf der anderen Seite des Tresens liegt. Ich habe noch gar nicht ganz verstanden, was mein Gehirn in diesem Moment beschließt, aber meine Beine bewegen sich instinktiv in die Richtung, in der die Waffe liegt. Sie zieht mich wie magisch an. Leuchtet, wie ein Schatz, den ich unbedingt besitzen will. Meine Hand bewegt sich wie von selbst darauf zu, als eine Stimme mich aufhält.

„Darf ich auch ein paar Kekse haben?", fragt Theo und greift in die Dose. Mit einem Keks im Mund und einem in der Hand, geht er zum Tresen und stellt sich auf dessen andere Seite, so dass er mich im Blick hat.

„Was machen wir jetzt, Simi?", fragt er mit seiner tiefen Stimme und seine Augen funkeln mich an.

„Wie wäre es, wenn du mir erzählst, woher du weißt, wo ich wohne?", platzt es aus mir heraus. Sicherlich nicht die cleverste Taktik, aber ich habe so ein komisches Gefühl, dass Theo nicht zufällig hier aufgetaucht ist.
„Du hast es mir doch erzählt", meint er betont gelassen und beißt nun auch vom zweiten Keks ab.

„Ach ja, wann soll das gewesen sein?", frage ich herausfordernd.
„Gestern Abend natürlich. Nachdem wir... du weißt schon", meint er und grinst mich an.
„Nein", beharre ich und spüre, wie mein ganzer Körper sich anspannt. „Ich glaube dir kein Wort! Ich glaube nicht, dass ich dir erzählt habe, dass ich hier wohne."

„Aber Simi", meint Theo sanft und sieht mich viel zu liebevoll an. „Ich bin doch dein Freund. Ich weiß, wir kennen uns noch nicht so lange. Doch eines würde ich ganz sicher nie tun: Dich anlügen." Ein kalter Schauer erfasst mich. Hat er das grade wirklich gesagt?

„Alex hat gar keinen Kanarienvogel", sage ich aus einer Eingebung heraus.
„Was?", fragte Theo irritiert.
„Sie hat keinen Kanarienvogel. Sie hat einen Wellensittich. Du hast es selbst gesagt", werfe ich ihm vor.

„Habe ich, weil du es mir erzählst hast", meint Theo, doch er sieht etwas unsicher aus. Ich hingegen fühle mich großartig. Ich habe endlich verstanden, was mich die ganze Zeit so irritiert hat.

„Ich habe nie gesagt, was sie für einen Vogel hat. Und ich war deshalb der Meinung, dass es ein Kanarienvogel ist, weil ihr Profilbild bei THE BLIND SITE ein gelber Vogel ist. Aber du hast ihn gesehen," werfe ich ihm vor, „den echten Vogel. Den, der in ihrer Wohnung vor dem Fenster steht", platzt es laut aus mir heraus.

„Das kannst du gar nicht wissen, du warst überhaupt nicht da", meint Theo überheblich. Ich lächele.

„Du schon", sage ich leise. Theo starrt mich an. Dann lässt er seine Maske fallen. Seine Lippen umspielt ein unheimliches Grinsen.

„Ich dachte, du freust dich über eine zweite Chance und das Herzchen!"

THE BLIND SITE - ONC 2023Geschichten, die süchtig machen. Entdecke jetzt