10001 | Der Therapieraum

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Der fremde Mann mit Theos Stimme stellt sich als Benedict vor und begleitet mich in einen kleinen, abgeschieden Raum, in dem wir, wie es das Protokoll vorsieht, über meine Erfahrungen der letzten Stunden sprechen können.

„Setz dich, Simone", bittet Benedict und deutet auf einen bequemen Sessel. Widerspruchslos komme ich seiner Bitte nach und lasse neugierig meinen Blick durch den Raum schweifen. Das Zimmer ist in warmen Orange- und Gelbtönen dekoriert und durch die längsgestreiften Vorhänge neben dem halboffenen Fenster, fallen ein paar Sonnenstrahlen. Von der Straße dringt Lärm des Verkehrs hinauf und ich frage mich, warum mir während der Simulation nicht aufgefallen ist, dass diese Alltagsgeräusche fehlen. Plötzlich sieht alles hier so normal aus.

„Wie fühlst du dich grade, Simone?", beginnt Benedict das Gespräch und holt mich aus meinen Gedanken. „Aus Erfahrung kann ich dir sagen, dass es durchaus eine Zeitlang dauern kann, bis sich unsere Protagonisten wieder in dieser Welt einfinden. Die Erfahrung aus der Simulation ist intensiv und muss erst verarbeitet werden", erklärt er.

Angestrengt versuche ich zu verstehen, was der Mann, der mir nun gegenüber auf einem Stuhl sitzt, mir zu sagen versucht. Mit den Gedanken bin ich immer noch zu einem Teil gefangen in den letzten Stunden, die sich wie Tage angefühlt habe.

Zögernd sehe ich den Fremden an, der außer Theodors Stimme und seinen schwarzen Haaren, auf den ersten Blick nichts mit dem Mann aus meinem Spiel gemein hat. Seine Augen sind dunkelbraun, seine Statur gedrungen und auf der Nase sitzt eine runde Brille mit schwarzem Rahmen, durch dessen Gläser er mich nun interessiert mustert. Nur mein Gefühl sträubt sich noch dagegen, diesem Menschen ganz zu vertrauen. Zu groß war die Enttäuschung bei Theodor.

„Ich fühle mich ganz gut", antworte ich schließlich und fahre mir kurz über die Augen. Die Brille, die ich die letzten Stunden getragen habe, hat einen unangenehmen Phantomschmerz hinterlassen, der noch immer auf meine Pupillen drückt. „Deine Stimme irritiert mich noch", gebe ich zu, als Benedict weiter schweigt und wohl einen ausführlicheren Bericht von mir erwartet. "Ist es Absicht, dass du meine... ähm... Sitzung übernimmst?", hake ich nach, als er mich anlächelt und sich ein kurzes Deja Vue in meinem Gehirn meldet.

Benedict schmunzelt und rückt seine Brille zurecht. „Das ist in der Tat die gängige Vorgehensweise. Aus der Erfahrung heraus hilft es den Probanden sehr, sich mit ihrem Peiniger über das Erlebte auszutauschen, um ihre Erfahrung zu verarbeiten", erklärt er. „Du kannst mich jetzt also alles fragen, was du wissen möchtest. Oder mir erzählen, was du erlebt hast. Ich höre dir zu und beantworte deine Fragen."

„Was meinst du damit, dass ich dir erzählen soll, was ich erlebt habe?", frage ich irritiert. „Du warst doch dabei!"
Benedict schüttelt ablehnend den Kopf. „Auch wenn meine Stimme in deiner Simulation dabei war, bin ich die ganze Zeit hier gewesen und habe von außen auf dich aufgepasst."

„Das heißt, deine Stimme war nur ein Upload für Theodor und die KI hat ihn selbstständig gesteuert?", frage ich nach.
„Genauso wie die Stimme deines Bekannten, die bei deinem Protagonisten hinterlegt wurde. Du selbst hast ja die Datei hochgeladen."

„Aber es fühlte sich so.... echt an mit dir... also, mit Theo", korrigiere ich schnell. Das alles ist doch sehr verwirrend, finde ich.
„Die KI ist darauf programmiert, sich an deine Aussagen, deine Gefühle und deine Stimmlage anzupassen. Sie erkennt Muster in deinem Verhalten und hat entsprechend reagiert. Dabei hat sie sich an den Vorgaben aus deinem Steckbrief orientiert, der, wie ich hier mal erwähnen muss, ziemlich herausfordernd für uns war."

„Oh", mache ich. „Warum war mein Steckbrief herausfordernd? Weil ich als Mann spielen wollte?", vermute ich. Doch Benedict winkt ab.
„Das kommt tatsächlich häufig vor, in die eine oder andere Richtung. Das ist kein Problem für uns."
„Was ist es dann?"

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