Kapitel 4

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~I see humans, but no humanity~

***

Ich probiere mir die Regeln wieder ins Gedächtnis zu rufen. Mein Blick schweift nach oben. Gerade noch rechtzeitig kann ich die Kugel erkennen, die langsam aus einem Rohr zu rollen droht. Auch über dem anderen Feld ist so eine Konstruktion befestigt.  Und bevor die eine Kugel den Kopf des Mannes neben mir treffen kann, greife ich nach seinem Arm und ziehe ihn mit einem Ruck zu mir. Knapp verfehlt das Objekt seinen Kopf und kommt dann mit einem dumpfen Knall auf dem Boden auf. 
Erleichtert atme ich aus. 
,,Das war aber eine knappe Sache", sagt der Mann nur, bevor er die Kugel, die ihn gerade noch zu erschlagen gedroht hat, aufhebt. Ich werfe von der Seite auch einen Blick auf das schwarze, runde Objekt.
In der Kugel scheint eine Anzeige eingebaut zu sein. Ein Timer. Dieser tickt ununterbrochen weiter. Sekunde für Sekunde vergehen. Gerade ist noch knapp eine halbe Minute übrig.
Ich denke über den Sinn dieses Spieles nach. Theoretisch müsste man einfach nur warten, bis der Timer fast abgelaufen ist. In den letzten Sekunden schmeißt man die Bombe dann auf das gegnerische Feld. Aber da beide Seiten eine Kugel haben, macht das Spiel so wenig Sinn, wie mit sich selbst Uno zu spielen. Sagen wir mal jede Minute würde jeweils ein Mensch auf einer Seite sterben. Am Ende würde das zu einem Gleichstand beziehungsweise einem Game Over für beide Seiten führen.
Der Mann läuft langsam auf die Spielgrenze zu. Nur noch wenige Meter trennen ihn von den Gegnern. Er schaut noch mal auf die Kugel, bevor er sie in einer schwingenden Bewegung zu unseren Gegnern wirft. Kurze zeit später ertönt ein Ton, der wie eine Explosion klingt. Mein Blick heftet sich an die Bombe.
Die geworfene Kugel wird immer langsamer, bevor sie endgültig anhält. Aber auch nachdem sie eigentlich explodiert sein sollte, passiert nichts. Stattdessen blinkt sie nur kurz auf.
Ich nehme ein ersticktes Einatmen wahr. Mein Blick schweift zu einem Mann, der von der Bombe nicht weit weg steht. Er selbst hält die zweite Bombe in der Hand und- dann nicht mehr. 
Sein Griff lockert sich. Seine Muskeln erschlaffen und sein lebloser Körper fällt mit einem gedämpften Laut zu Boden. Ich erstarre. Alle Blicke in diesem Raum schweifen zur Leiche. Eine Leiche... Ich atme tief ein und aus. Schließe meine Augen und habe sofort meine Mutter im Kopf. Ihr Lächeln.
Schnell reiße ich meine Augen wieder auf. Keine gute Idee in Gedanken abzudriften. Nicht, während mein Leben so kurz vor dem Ende steht.
Ich muss logisch denken.
,,Warum ist die zweite Bombe nicht explodiert?", flüstere ich. Anscheinend sind die Timer, die auf den Bomben stehen, rein zufällig und gar nicht identisch, so wie ich am Anfang vermutet hatte. Das macht es natürlich noch mal ein bisschen anders. 
Nun kommt das Spiel mir wie ein reines Glückspiel vor. Und Glück hatte ich heute anscheinend noch nicht. Sonst währe ich ganz bestimmt nicht hier.

Plötzlich ertönt erneut der Explosionssound. Nun fällt eine Frau zu Boden. Auch eine aus dem anderen Team. Durch den Tod des Mannes hat niemand mehr auf die Bombe geachtet, die immer noch tickend neben der Leiche verweilt hat. Bereit, einen Menschen in den Tod zu reißen. 
Während ich die Erleichterung von Team Rot quasi spüren kann, sehe ich dem anderen Team an, wie gestresst sie sind. 
Zehn zu zwölf. Noch haben die anderen nicht verloren. Es kann noch alles passieren. Wen sie jetzt die anderen zwei Bomben richtig werfen, haben sie schon ausgeglichen. 
Ich laufe ein paar Schritte nach hinten. Entferne mich immer weiter von den Gegnern. 
Mir fällt erneut das kleine Kind ins Auge. Es bewegt sich auch immer weiter nach hinten. Aber eine Sache macht er anders als ich. Er hält nicht an, bevor er die Grenze übertritt. 
Ich will gerade etwas sagen. Ihm irgendwie helfen. Aber bevor ich auch nur dazu komme, irgendetwas zu tun, schießt ein roter Laserstrahl aus dem Himmel. Seine Augen sind aufgerissen. Sein Mund zusammengepresst.
Schnell drehe ich mich weg. 
Ich darf das Atmen nicht vergessen. Einfach immer weiter atmen.
Jetzt sind wir nur noch elf. 

Weitere Minuten vergehen, die sich eher wie Sekunden anfühlen. Ich habe das Zeitgefühl verloren. Immer wieder sind Menschen gestorben. Mal von Team rot, mal von Team blau. Niemand hat mehr auf die anderen geachtet. Alle haben ohne Gewissensbisse gemordet. Als währen die anderen Leben nichts wert. Und ich bin nicht besser. Ich habe mich rausgehalten. Habe zugelassen, dass die anderen sterben, um selbst nicht in Gefahr zu geraten.
Jetzt sind es insgesamt nur noch fünf. Und zu meinem Leidwesen hat unser Team nur noch zwei Teammitglieder und ist somit in der Unterzahl. Der Mann mit der Badehose.
Seine Freunde, die ja Teil des anderen Teams waren, sind bereits gestorben. 
Ich fahre mir übers Gesicht. 
,,Vielleicht passiert ja ein Wunder."

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A/N:

Und das nächste Kapitel.

Falls ihr es noch nicht bemerkt habt, wird diese Story definitiv relativ slowburn (Also auf eine bestimmte Art und Weise aber ich darf nicht zu viel sagen, sonst Spoiler ich)

Was ich damit andeutet wollte: Bitte seid noch ein paar Kapitel geduldig, mit Chishiya wird in der nächsten Zeit wahrscheinlich noch nicht viel passieren. 
Erstmal wollte ich mich auf Yuna konzentrieren. (Also ihren Charakter ausarbeiten, vorstellen und sie euch näher bringen)

Und jetzt wünsche ich euch noch einen Schönen Tag/ Nacht/ etc :D

Sick LiesWo Geschichten leben. Entdecke jetzt