FÜNF

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Meinte sie das ernst? Sie wusste doch selbst, was zwischen uns vorgefallen war. »Ich war nicht wirklich in der Verfassung, irgendjemandem zu antworten«, erwiderte ich. »Nicht so kurz nach Rosas Tod.«

»Du hast Delia geschrieben.«

»Das mag sein«, sagte ich. »Aber mit dir war ich nicht befreundet. Mit Delia schon.«

Thi seufzte. »Du warst eine meiner besten Freundinnen. Zumindest, bis du dich dazu entschieden hast, es nicht mehr zu sein.«

»Du hast mir absichtlich Sand ins Gesicht geschmissen«, erinnerte ich sie. »Wer macht sowas überhaupt? Das ist einfach nur fies.« Ich merkte gar nicht, dass ich wieder dabei war, durch einen Geist zu laufen, bis ich schon halb durch ihn hindurch war.

»Ich habe dir nie Sand ins Gesicht geschmissen«, sagte Thi. »Warum sollte ich so etwas machen?«

»Was weiß ich, warum du das gemacht hast? Vielleicht warst du eifersüchtig. Aber es ist ja nicht so, als hätte ich dir keine zweite Chance gegeben. Du hast mich einfach immer wieder hintergangen.«

Thi verschnellerte ihre Schritte. »Wie du meinst.« Erstaunlicherweise machten die Geister einen Bogen um sie, während ich immer wieder damit zu kämpfen hatte, welchen auszuweichen, unsicher, ob es sich bei ihnen wirklich um Geister handelte.

Wir bogen um eine Ecke und hielten vor einem Torbogen, dessen Rahmen mit zwei goldenen Löwen verziert war. Darüber war mit großen Buchstaben das Wort »Schlafstuben« angebracht.

»Dein Zimmer findest du alleine, oder?«, fragte Thi. »Die Nummer steht ja auf deinem Schlüsselbund.« Sie drehte sich so schnell um, dass ihre Haare durch die Luft flogen, und verschwand in der Richtung, aus der wir gekommen waren.

Ein wenig hilflos blieb ich stehen und betrachtete den Schlüssel in meiner Hand. Zimmer SC301 stand auf dem kleinen salbeifarbenen Anhänger. Ich betrat die Schlafstuben und ging den Gang entlang. Zu meiner rechten befanden sich weitere Türen, zu meiner linken eine Wand aus Holz. Ich lief vorbei an Zimmer SC001, SC002 und nach dem dritten Zimmer ging ich durch einen weißen Türrahmen, wohinter die Wand nicht mehr aus Holz bestand, sondern von einer hellblauen Tapete verziert wurde.

»Oh, hier bist du!«, erschien auf einmal Colins Stimme hinter mir. »Warum hast du nicht auf mich gewartet?«

Ich ging weiter, ohne mir die Mühe zu machen, mich zu ihm umzudrehen. »Vielleicht liegt das daran, dass du ein Stalker bist und ich nichts mit dir zu tun haben will.«

»Hey!«, sagte Colin und huschte rückwärts durch meinen Körper hindurch, seine Unterlippe gekränkt vorgeschoben. »Das verletzt meine Gefühle!«

»Und du verletzt unendlich andere Sachen«, erwiderte ich. »Meinen persönlichen Raum zum Beispiel.«

Colin glitt ein weiteres Mal quer durch mich hindurch. »Was für einen persönlichen Raum? Ich bestehe aus Luft, wie kann ich da deinen Raum verletzen?«

»Du weißt genau, was ich meine. Du nervst mich, wenn ich sage, dass ich meine Ruhe brauche, du schreibst mir deine blöden Gedichte und du küsst mich. Das alles sind Grenzen, die du überschritten hast.«

»Ich habe dich nie wieder geküsst, nachdem du gesagt hast, dass du es nicht willst«, sagte Colin. »Außerdem dachte ich, du magst meine Gedichte.«

»Ich habe dir schon mehrmals gesagt, was ich von ihnen halte«, entgegnete ich. »Mach dich doch wenigstens mal nützlich und schau nach, wo Raum SC301 ist.«

»Wird gemacht, Herrin«, sagte Colin und flog geradewegs nach oben, bis seine Füße in der Decke verschwanden.

Mittlerweile war ich vor einem Treppenhaus angekommen. Ich machte mich auf den Aufstieg und hatte die dünne Steintreppe gerade einmal bis zur Hälfte bewältigt, als Colin bereits zurück kam.

Die Geister von Schloss ElinarWo Geschichten leben. Entdecke jetzt