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Schreiend wachte ich auf. Ich saß senkrecht in meinem Bett, Schweiß verklebte meinen Körper mit meiner Decke zu einem undefinierbaren Knäuel und meine Lunge fühlte sich an, als wäre ich gerade einen Marathon gelaufen.
„Was ist passiert?" Das Licht im Flur ging an und kurz darauf öffnete sich die Zimmertüre, wodurch unser Zimmer von Helligkeit getränkt wurde und ich kurz schmerzgeblendet meine Augen schließen musste. Als sie sich langsam an das Licht gewöhnten, öffnete ich sie wieder und sah Frau Griesgram, die Besitzerin des Waisenhauses, schnaufend im Türrahmen stehen. Ihre grauen, dünnen Haare waren in ein großes Handtuch eingewickelt und ihre hässliche knallpinke Katzenaugen-Brille hing etwas schief auf ihrer Nase. Sie trug einen deprimierend grauen Bademantel, dessen Gürtel tief in ihren wabbeligen Bauchspeck einschnitt. Diese unvorteilhafte Figur wurde durch das an ihr vorbei strömende Licht noch einmal extra betont. Der Gestank nach Rosenshampoo und Schimmelkäse drang in meine Nase, als sie sich breitbeinig neben mein Bett stellte.
Eigentlich war ihr Name Müller, aber die Kinder des Waisenhauses hatten ihr aufgrund ihrer immer schlechten Laune diesen Namen gegeben.
Ich fasste mir an die Stirn und konnte spüren, wie sie vor Schmerz pulsierte.
„Ich...ich... hatte wieder einen Albtraum", stammelte ich.
„Du solltest wirklich mal zu einem Psychiater gehen!", rief Frau Griesgram ärgerlich, bevor sie die Zimmertür so fest zuknallte, dass die dünnen Wände wackelten.
Ich ließ mich wieder in die Kissen sinken.
Das Mädchen, Marie, mit dem ich das Zimmer teilte, hatte während des ganzen Vorfalls nichts gesagt. Sie sagte generell nie etwas. Vermutungen zufolge lag ihre Schweigsamkeit an ihrer Vorgeschichte, jedoch kannte diese keiner, weshalb mir das Mädchen immer ein Rätsel bleiben wird.
Ich kann mich nicht erinnern, je keine Albträume gehabt zu haben. Ich bekam sie schon mein ganzes Leben lang. Man könnte denken, dass man sich an etwas gewöhnt, das immer wieder kam, doch das war nicht der Fall. An so etwas kann man sich nicht gewöhnen. Es war immer wieder aufs Neue schrecklich. Jedes Mal hatte ich Angst, aber sobald ich aufwachte, konnte ich mich an nichts mehr erinnern. Gar nichts. Nur an die Tatsache, dass sie irgendwie schrecklich sein mussten.
Ich konnte von meinem Bett aus nicht aus dem Fenster sehen, doch ich wusste, dass die Bäume dort draußen ihre Herbstmäntel herausgeholt hatten. Diese bunte Pracht bedeutete für mich jedoch nur eins, mein Geburtstag rückte näher. Vor fast dreizehn Jahren, als die Welt im Tiefschnee versunken war und sich die meisten Familien in ihren Häusern verbarrikadierten, wurde ich in einem Wald neben der Leiche einer Frau gefunden. Die Frau war an einer Schusswunde in der Brust gestorben. Sie hatte jedoch keine Papiere dabei gehabt und der Fall, wer sie war und wer sie getötet hat, konnte nie aufgeklärt werden. Alles was ich über sie wusste, hatte mir das Ehepaar erzählt, das mich gefunden und hier abgegeben hatte, bevor sie mit ihren vier Kindern aus Deutschland in das sommerlich warme Südfrankreich gezogen waren.
Die Frau sah mir ähnlich. Sie hatte das gleiche schwarze, glatte Haar und die gleiche blasse, fast weiße Haut wie ich. Nur ihre Augen waren anders. Sie hatte hellblaue Augen gehabt, wie Eis. Meine jedoch waren von einem bernsteinfarbenen Braun, das ich sonst noch bei niemandem gesehen hatte.
Wenn ich so darüber nachdachte, wer und wie meine Mutter wohl gewesen war, dann fragte ich mich auch, wer mein Vater war. Wo war er gewesen, als meine Mutter starb? War er auch tot oder lebte er noch irgendwo da draußen und wusste gar nichts von mir?
Manchmal war ich unbeschreiblich wütend auf ihn, weil er meine Mutter nicht beschützt hatte und dann merkte ich, wie unfair diese Einstellung war, da ich nichts über seine damalige Situation wusste.
Meine Grübeleien wurden unterbrochen, als Marie plötzlich aus ihrem Bett stieg. Sie lief zum Fenster und schaute hinaus. Das Licht des Mondes ließ ihre helle Haut blass wirken und ihre braunen Haare schimmern. Ich schätzte sie auf sechzehn.
Sie sah aus wie ein gewöhnliches, schüchternes Mädchen. Die meisten Kinder dieses Waisenhauses sahen gewöhnlich aus.
Ich war eine Ausnahme. Wegen meiner blassen Haut und meinen schwarzen Haaren wurde ich immer „das Vampirmädchen" genannt. Ich wurde immer gemieden, hatte noch nie Freunde gehabt und war oftmals sehr einsam gewesen. Doch irgendwann lernte ich, damit umzugehen, auch wenn es nicht einfach gewesen war. Ich war stark. Stärker, als man es mir zutrauen würde.
Doch Marie war nur ein kleines einsames Ding. Sie wirkte so schwach mit der Stille, die sie umgab. Dass sie sich nie wehrte, wenn sie beleidigt wurde, verstärkte dieses Bild noch.
„Was ist? Ist alles okay?", fragte ich sie. Sie antwortete nicht. Wie immer. Sie blieb einfach nur so stehen und starrte aus dem Fenster. Als sie sich schließlich umdrehte, enthielten ihre Augen eine Botschaft. Sie sah mich an, als würde sie mir etwas sagen wollen, etwas Wichtiges, doch dann drehte sie sich wieder zu dem Fenster.
Verwirrt, aber gleichzeitig neugierig sprang ich aus meinem Bett und lief zu ihr ans Fenster. Auf dieser Seite konnte man den gesamten Hinterhof des Waisenhauses erblicken. Das Grundstück war mit einem hohen Zaun abgegrenzt, auf dem Stacheldraht angebracht war. Hinter dem Zaun erstreckte sich ein Wald ins Unendliche.
Frau Griesgram und die anderen Erzieher erzählten uns immer Geschichten über blutrünstige Wölfe und brutale Eber, damit wir nicht versuchten, uns vom Grundstück zu schleichen.
Mir hatte der Wald aber immer gefallen. Ich liebte seine Dunkelheit und Unvorhersehbarkeit. Und ich liebte seine Freiheit.
Nur einmal in der Woche, am Sonntag, gingen Frau Griesgram und die anderen Erzieher mit allen Kindern hinaus aus dem Waisenhaus. Dann gingen wir zum Waldrand, dort, wo es noch hell war, und machten ein Picknick im Gras.
„Was ist da?", fragte ich Marie, in der Hoffnung, ich hatte mir ihren stummen Versuch einer Konversation nicht nur eingebildet.
Marie sah mich an. Sie öffnete den Mund, als wollte sie etwas sagen. Ihr Blick glitt noch einmal aus dem Fenster, dann schloss sie ihren Mund wieder und schüttelte leicht den Kopf, während sie mich entschuldigend ansah, und schlüpfte schließlich zurück ins Bett unter ihre bestimmt sehr warme Decke.
Verärgert schüttelte ich den Kopf. Was war nur los mit ihr? Ein letztes Mal betrachtete ich den Wald, bevor auch ich mich wieder schlafen legte.

SilbermondWo Geschichten leben. Entdecke jetzt