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Am nächsten Morgen konnte ich mich nur mit Mühe aus dem Bett quälen. Wie immer nach einem Albtraum hatte ich Stunden gebraucht, um wieder einzuschlafen. So war es kein Wunder, dass ich Ringe unter den Augen hatte, als ich in der Cafeteria in der Schlange zur Essensausgabe stand.
„Da ist aber jemand müde. Na, wer war letzte Nacht dein Opfer, Vampirmädchen?", ertönte eine Stimme hinter mir.
Ich kannte sie nur zu gut. Sie war gerade im Stimmbruch und mit einem leichten Kratzen versehen, das davon kam, dass ihr Besitzer regelmäßig mit seinen Freunden die Zigaretten rauchte, die sein älterer Bruder ihm jede Woche getarnt in Pralinenschachteln schickte. Er war schlaksig, groß, fast fünfzehn Jahre alt und der selbsternannte Tyrann des Waisenhauses.
Er hatte vor niemandem Angst und auch sein Respekt hielt sich in Grenzen. Er tat, was er wollte, und niemand traute sich, ihn davon abzuhalten. Diese Einstellung vieler hing vielleicht mit dem Kaninchen zusammen, das er einmal vor aller Augen gehäutet hatte, um es dann großzügiger Weise in der Küche abzugeben und ein Abendessen daraus kochen zu lassen.
Nicht einmal Frau Griesgram konnte ihn eindämmen. Und so ging er den lieben langen Tag seiner Lieblingsbeschäftigung nach – andere Kinder ärgern. Viele von den Kleineren gingen ihm bewusst aus dem Weg, auch wenn das hieß, dass sie manchmal das Essen ausfallen lassen mussten. Ich war einer der Einzigen, die er, egal wie lange er stichelte, nicht zum Heulen bringen konnte, was mir einen der ersten Plätze auf seiner roten Liste beschert hatte.
Wie immer ignorierte ich ihn und setzte mich alleine an einen Tisch, an dem mir Marie kurz darauf Gesellschaft leistete.
Eigentlich war ich nicht gläubig. Aber ich glaubte daran, dass meine Mutter mich jetzt sehen konnte. Oder zumindest wollte ich daran glauben.
Was dachte sie wohl? Wie automatisch griff ich mir an den Hals. Dort hing eine feingliedrige Goldkette mit einem Medaillon der gleichen Farbe. Das war das Einzige, das mir von meinen Eltern geblieben war. Es war auch das einzig Wertvolle, das ich besaß, was wohl der Grund dafür war, dass ich so penibel darauf aufpasste und es nie aus der Hand gab.
Im Inneren des Medaillons war nur auf der einen Seite ein Foto zu sehen. Es zeigte eine Frau mit schwarzen, glänzenden Haaren und schneeweißer Haut neben einem Mann mit ebenso weißer Haut wie Haaren. Beide sahen lächelnd in die Kamera, während ihre Arme liebevoll um ein Kind geschlungen waren. Das Neugeborene hatte die gleiche helle Haut wie ihre Eltern und die gleichen schwarzen Haare wie ihre Mutter, jedoch in weit kleinerer Menge.
Ich war mir sicher, dass das nur meine Eltern sein konnten, die mich als Neugeborenes im Arm hielten.
Während ich noch weiter darüber nachdachte, begann ich zu essen. Ich verabscheute das Essen hier. Die Nudeln waren zu fest, das Brot zu weich, die Soßen schmeckten nach Spülwasser und die Pfannkuchen nach Pappe.
Die Erzieher sagten uns immer, dass wir dankbar dafür sein sollten, dass wir überhaupt etwas zu essen bekamen und ein Dach über dem Kopf hatten.
Doch ich konnte nicht anders, als mir das Essen zurück zu wünschen, das wir bekommen hatten, als Frau Griesgram noch nicht hier gearbeitet hatte. Vier Jahre ist es erst her, seit sie das Waisenhaus übernommen hatte und auf einmal alles billiger und minderwertiger wurde, was man auch in der Pflege des einst majestätischen und anmutigen Hauses erkennen konnte, das nun nur noch alt und heruntergekommen war.
Ich wollte das nicht essen, doch was blieb mir anderes übrig?
Einmal, als das Essen besonders eklig geschmeckt hatte und ich nichts davon herunterwürgen konnte, war ich in der Nacht in die Cafeteria zurückgekommen und hatte Frau Griesgram dabei beobachtet, wie sie aus einem zweiten Kühlschrank lecker aussehendes Essen gegessen hatte. In der nächsten Nacht hatte ich versucht, etwas davon zu stehlen, doch Frau Griesgram hatte mich erwischt und die Woche danach waren meine Mahlzeiten noch spärlicher ausgefallen.
Und als ich ihr gedroht hatte, sie zu verraten, war sie ausgerastet und hatte mir gedroht, sie würde mir für zwei Monate den Sonntagsausflug streichen, was ich auf keinen Fall riskieren wollte. Dieser Ausflug war das einzige, was mich hier am Leben hielt.
Außerdem machte es die Sache nicht besser, dass alle anderen Erzieher auch von dem zweiten Kühlschrank wussten und sich ebenfalls dort bedienten. Also behielt ich ihr Geheimnis für mich.
Das und die Sache mit meinen Alpträumen hatte mich bei ihr unglaublich unbeliebt gemacht. Es war für mich nichts Neues, nicht gemocht zu werden, doch diese Tatsache machte mir mein Leben natürlich nicht leichter.
Das einzige, was ich tun konnte, war, ihr und auch sonstigem Ärger aus dem Weg zu gehen und zu warten, bis ich achtzehn war und von hier verschwinden konnte.

Als der Unterricht in einem der Klassenzimmer, die sich im obersten Stockwerk des Waisenhauses befanden, begann, lag ich halb auf meinem Schreibpult, den Kopf auf die Arme gelegt und versuchte, zu schlafen. Meistens gelang mir das auch, nur heute war meine Klasse besonders laut, was mir mein Nickerchen erschwerte.
Die Lehrer ließen mich meistens in Ruhe. Die meisten mochten mich nicht, hielten mich für die unbeliebte Außenseiterin, die ich ja auch war, und ich würde sogar behaupten, dass einige der Lehrer Angst vor mir hatten. Vielleicht, weil ich immer leise war. Weil ich immer nur unauffällig im Hintergrund existierte.
Was sie jedoch nicht wussten, war, dass ich alles mitbekam. Jedes Detail, jedes Geräusch, jede Information. Ich ließ mir nichts entgehen, sammelte Wissen und wartete geduldig auf den Moment, in dem ich dieses Wissen als Joker einsetzen konnte. Und ich wusste, der Moment würde kommen.
Vielleicht war ich egoistisch, weil ich so auf meinen eigenen Vorteil bedacht war, dass mir alles andere egal war. Doch das war der einzige Weg, auf dem ich in diesem Umfeld überleben konnte. Denn wenn ich nicht auf mich achtete, tat es keiner.
Manchmal überlegte ich, ob ich vielleicht weniger gleichgültig anderen gegenüber geworden wäre, wenn ich mehr Liebe oder vielleicht sogar eine Familie gehabt hätte. Doch ich hatte weder Liebe noch eine Familie. Ich war halt da. Einfach nur da.

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