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Ich spürte die Angst des Tieres, als ich mich mit einem großen Satz auf es stürzte und es mit meinen Vorderpfoten auf den Boden drückte. Braunes Fell versperrte mir die Sicht, als das Kaninchen mit den starken Hinterläufen nach mir trat. Ich biss zu und sofort hörte das Zappeln auf. Ich schmeckte das süße Blut des Tieres und leckte mir die dicke, warme Flüssigkeit von den spitzen Zähnen.
Der indische Wolf blieb neben mir stehen. Er sah mir tief in die Augen und ich spürte wieder eine Botschaft in meinen Geist sickern.
Gut gemacht.
Es war mein elfter Versuch gewesen. Kaninchen waren unglaublich schnell.
Doch ich war noch immer verwundert, wie der Wolf es schaffte, mir diese Nachrichten zukommen zu lassen. Inzwischen war es einfacher, sie zu empfangen, doch ich hatte es bisher noch nicht geschafft, ihm eine Botschaft zu übermitteln.
Inzwischen war der Wald in Dunkelheit getaucht. Ich kauerte mich neben meine Beute und versenkte meine Zähne in dem rohen Fleisch. Der indische Wolf legte sich neben mich. Ich schob das Kaninchen mit einer Pfote in seine Richtung und er stürzte sich förmlich darauf. Nach kurzer Zeit waren nur noch die Knochen übrig und das dickflüssige Blut, das auch mir am Gebiss klebte, überdeckte das Weiß seiner spitzen Zähne.
Er streckte sich und legte schließlich den Kopf zwischen die Vorderläufe, um sich auszuruhen.
Ich hingegen stand auf. Ich hatte etwas vergessen. Mein Rucksack.
Es war nicht viel Wertvolles darin, aber meine Jacke mit meinem Medaillon war noch dort! Ich sprintete los. Ich wusste nicht wohin, aber meine Instinkte übernahmen mal wieder die Kontrolle.
Ich lief im Zickzack, in eine Richtung. Ich hatte keine Ahnung, wo ich war oder wo ich hin rannte, aber ich vertraute auf dieses Gefühl, das die Bewegungen meines Körpers steuerte und mich führte.
Und dann war ich da. Ich stoppte direkt vor meinem Rucksack. Ich wollte danach greifen, doch ich konnte nur mit meinen Krallen über den Stoff kratzen. Da ich nicht wusste, wie ich mich zurückverwandeln sollte, legte ich mich auf den Boden, neben den Rucksack.
Sobald ich lag, überrollte mich die Erschöpfung und ich spürte die Müdigkeit, die ich vorher verdrängt hatte.
Ich war schon fast eingeschlafen, als der indische Wolf zwischen den Bäumen hervorkam. Er trabte auf mich zu, ließ sich neben mir zu Boden sinken und legte seinen Kopf auf meinem Rücken ab.

Etwas Nasses berührte mein Gesicht und ich öffnete die Augen.
Bernsteinfarbene Augen schwebten direkt über mir. Dahinter leuchtete der Himmel in wunderschönen Rot, Orange und Gelbtönen.
Mit einer Hand schob ich sanft seinen Kopf weg, dann richtete ich mich auf. Erst da fiel mir auf, dass ich wieder ein Mensch war.
Und nackt. Meine Klamotten hatte ich ja nach meiner Verwandlung abgestreift. Jetzt merkte ich auch, wie kalt es war. Ich sah mich um.
Neben meinem Rucksack lagen meine Jacke, meine noch heile Hose und mein zerstörtes Oberteil. Die Hose konnte ich noch tragen, aber der Pullover war nicht mehr zu gebrauchen. Ich stopfte jedoch beides zusammen mit meiner Jacke in meinen Rucksack, da ich nicht vorhatte, lange ein Mensch zu bleiben.
Im nächsten Moment fiel mir wieder meine Wunde ein. Ich fasste mir an den Hals, doch alles, was ich ertasten konnte, war eine Kruste aus getrocknetem Blut. Keine Schwellungen mehr, keine Wunden. Nur ein paar leichte Hubbel, die sich anfühlten, als würden Narben meine Haut zieren.
Ich konnte es nicht verstehen. Wie konnte es sein, dass eine Wunde, und dann noch eine an meinem Hals, innerhalb eines Tages vollständig verheilte?
Ich konnte keine plausible Antwort finden, also kratzte ich nur das getrocknete Blut weitestgehend von meiner Haut und kämmte dann noch meine offenen Haare mit den Fingern durch und befreite sie weitgehend von Zweigen und Blättern. Anscheinend hatte ich auch mein Haargummi bei meiner Verwandlung verloren.
„Na? Wollen wir uns was zum Frühstück besorgen?", fragte ich, als ich schließlich fertig war. Der indische Wolf heulte übermütig.
„Wie verwandle ich mich jetzt?"
Ein stechender Schmerz zuckte durch meinen Kopf und mir wurde schwarz vor den Augen. Dann tauchte ein Bild vor meinem inneren Auge auf.
Ein Wolf. Ein Grauwolf. Das war ich. Erneut spürte ich eine Nachricht des indischen Wolfes ankommen.
Sehe dich, wie du als Wolf bist. Spüre dich, wie du als Wolf bist. Sei du, wie du als Wolf bist.
Und genau das tat ich.

SilbermondWo Geschichten leben. Entdecke jetzt