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Der Duft von frisch gebackenen Plätzchen wehte durch das Waisenhaus, das mit Girlanden, Lichterketten und Mistelzweigen geschmückt war. In der Eingangshalle stand ein riesiger Tannenbaum, der mit Plastikkerzen, Kugeln, Engeln und allerlei anderem Schmuck behängt worden war.
Doch das Schönste war das Lächeln auf den Lippen der Kinder, das nun, da Frau Griesgram nicht mehr da war, überall zu sehen war.
Inzwischen gab es eine neue Besitzerin und neue Erzieher. Sie waren allesamt nett und freundlich, besonders die neue Besitzerin. Auch sie hatten einen Spitznamen bekommen, der allerdings von ihrer Freundlichkeit herrührte. Die kleinsten Kinder aus dem Waisenhaus nannten sie Frau Engel.
Marie und ich wohnten wieder in unserem alten Zimmer, doch sonst hatte sich vieles verändert.
Das Essen war lecker, da nun bessere Lebensmittel eingekauft wurden. Das ganze Gebäude war freundlicher, da die Zimmer alle geschmückt wurden. Unsere Kleidung war hochwertiger und bequemer. Auf dem Gelände wurde ein Spielplatz errichtet. Der Sonntagsausflug blieb, doch wir durften nun auch in den Wald, solange wir entweder alt genug waren und mindestens zu zweit gingen oder mit einem der Erzieher gingen.
So ging ich öfter zusammen mit Marie in den Wald und ich brachte ihr bei, wie sie sich verwandeln konnte, wie sie mit mir und anderen Wölfen kommunizieren konnte und wie man jagte.
Die anderen Wölfe sahen wir so auch öfter und mit der Zeit freundeten wir uns mit dem Rudel an. Das wichtigste, das sich in dem Waisenhaus verändert hatte, war aber die nun vergangene Feindseligkeit, das Misstrauen.
Die Kinder, egal welches Alter und egal welches Geschlecht, waren mir dankbar. Sie hatten keine Angst oder Abscheu mehr. Sie waren freundlich zu mir.
Also fast alle. Der Tyrann war immer noch ein Tyrann. Nachdem er zweimal andere Kinder geschlagen hatte, wurde er aber in ein Waisenhaus für schwierige Kinder geschickt, worüber er natürlich nicht besonders glücklich war.
Danach kehrte Ruhe ein. Seine Freunde, die bei den Schlägereinen meist nur angefeuert hatten, trauten sich alleine nicht und so herrschte Frieden.

Am Weihnachtsabend versammelten sich alle zuerst in der Cafeteria, wo es ein Festessen gab, dass aus einer Auswahl aus verschiedenen Gerichten bestand.
Es gab Kartoffelsalat, Gänsebraten, Rouladen, Eintopf und Fondue und zum Nachtisch gab es Schokoladenweihnachtsmänner, Marzipanstollen, Lebkuchen, Spekulatiuskekse, Zimtsterne, Vanillekipferl und Dominosteine.
Es war köstlich. So etwas hatte es hier lange nicht mehr gegeben.
Danach versammelten sich alle in der Eingangshalle um den Tannenbaum und sangen gemeinsam Weihnachtslieder.
Anschließend wurden die Geschenke, die wir und gegenseitig gemacht bzw. gekauft hatten, ausgepackt. Auch das war hier weniger bekannt.
Als Marie mir vor den funkelnden Weihnachtsbaum ein Päckchen überreichte, war ich so glücklich wie noch nie.
„Danke", hauchte ich und umarmte sie. „Du weißt doch noch nicht einmal was es ist. Vielleicht gefällt er dir gar nicht."
„Und selbst wenn, wäre das nicht wichtig. Dass ich eine Schwester habe, ist das beste Geschenk, das mir je jemand machen könnte." Marie traten Tränen des Glücks in die Augen und ihr strahlendes Lächeln schien den Raum noch heller zu erleuchten.
In dem kleinen Päckchen lag eine kleine blaue Schatulle. Als ich sie öffnete blinkte mir eine goldene Kette entgegen. Sie hatte die gleiche Farbe wie mein Medaillon, jedoch war sie dicker und stabiler als die Kette, die es bisher getragen hatte. Ich lächelte.
„Der Für dein Medaillon. Die andere Kette ist dir doch gerissen.", erklärte Marie. Ich holte den Anhänger aus meiner Hosentasche, in der ich sie bisher mit mir herumgetragen hatte, und fädelte die Kette ein, bevor ich sie mir um den Hals hängte.
„Vielen Dank!", murmelte ich an Maries Schulter, nachdem ich sie in eine Umarmung gezogen hatte.
Dann überreichte ich ihr mein Geschenk. Es war ein Foto. Daumennagelgroß zeigte es uns zwei lächelnd vor den Bäumen des Waldes. Wir hatten es bei einem Sonntagsausflug geschossen und ich hatte es daraufhin zweimal in genannter Größe drucken lassen.
„Für dein Medaillon", sagte ich, nachdem ich Marie gezeigt hatte, dass das gleiche Foto in meinem Medaillon Platz gefunden hatte. Das Lächeln auf Maries Gesicht, als sie sich bedankte, machte den Raum noch ein bisschen heller.
Gerade wollte ich aufstehen, da landete noch ein Päckchen in meinem Schoss. Verwundert blickte ich auf.
„Du hattest doch Geburtstag", sagte Marie mit einem schüchternen Lächeln.
„Was?" Ich war völlig perplex.
„Na ja ich weiß nicht genau wann, aber im Winter eben. Und da dachte ich, gebe ich dir das auch an Weihnachten."
„Das wäre doch nicht nötig gewesen!" Marie winkte ab.
„Jetzt mach schon auf!", rief sie aufgeregt. In dem Päckchen war ein Buch eingewickelt gewesen. Ein Sachbuch über Wölfe.
„Du liest doch so gerne. Und die Bibliothek des Waisenhauses gibt nur sehr spärliche Auskunft über Wölfe." Ich lächelte.
„Danke."

Nachdem der Trubel sich auflöste und sich alle in ihre Zimmer zurückzogen um schlafen zu gehen, standen Marie und ich in unserem Zimmer am Fenster und betrachteten den Wald.
Hier hatte alles begonnen. Und ich war mehr als gespannt, was noch kommen würde.
Doch egal, wie schwer es werden konnte, ich war nicht mehr alleine. Ich hatte nun eine Schwester. Und zusammen würden wir alles schaffen.

SilbermondWo Geschichten leben. Entdecke jetzt