Der Sonntag nahte und ich freute mich darauf, endlich wieder aus dem Haus zu kommen. Auch wenn es nur kurz war, der Waldrand war die einzige Stelle, an der ich der erdrückenden Trostlosigkeit des Waisenhauses entfliehen konnte.
Die Sonne stand schon hoch am Himmel, als es endlich soweit war. Ich war nicht die einzige, die ungeduldig an dem großen Tor im Zaun vor dem Waisenhaus wartete. Viele, die hier wohnten, mochten dieses Leben nicht besonders. Sie waren alle nur hier, weil es keine bessere Alternative gab, weshalb auch viele hier froh darüber waren, sonntags zumindest der Illusion von Freiheit näher zu kommen.
„Aus dem Weg!", schrie jemand. Es war Frau Griesgram. Sie bahnte sich unsanft einen Weg durch die Kindermengen zum Tor, die ihr keinen Platz machten, sondern sich nur noch enger in Richtung Freiheit drückten.
Kaum, dass das Tor offen war, strömten die Kinder hinaus. Ich ließ mich von der Masse mittragen und atmete genießerisch die Luft ein, die außerhalb des Zaunes irgendwie freier schmeckte.
Die Erzieher umkreisten uns, wie die Hunde eine Schafherde. So bewegten wir uns in Richtung Wald.
Am Waldrand angekommen, breiteten die Erwachsenen mehrere riesige Picknickdecke aus, auf die wir uns alle setzten und packten dann Massen von Essen aus, die sie anschließend an alle Kinder verteilten.
Wie immer schob ich mich so lange an den anderen vorbei, bis ich so nah wie möglich am Wald saß. Die Bäume waren nur etwa fünf Meter von mir entfernt. So nah und doch so weit weg. Denn direkt vor mir saß eine der Erzieher.
Seit ich mehrmals versucht hatte, wenigstens für kurze Zeit in den Wald zu flüchten, behielt mich immer einer von ihnen im Auge.
Wie immer aß ich nichts von dem, was man mir reichte. Ich war verloren. Schon wieder. Ich hatte mein Herz vergeben. An den Wald. Meine Augen verliefen sich zwischen den kräftigen Stämmen der Bäume und blickten sehnsüchtig auf das Moos auf dem Waldboden, das so weich aussah, dass ich mich am liebsten darin gewälzt hätte.
Die Stimmen der Erzieher und der anderen Kinder schienen von ganz weit weg zu kommen. Ich hörte nur noch die Geräusche des Waldes. Das Rascheln der Blätter. Das Zwitschern der Vögel. Das Pfeifen des Windes. An jedem Tag, den ich im Waisenhaus verbrachte, sehnte ich mich nach ihm. Ich hatte mir schon viele Pläne überlegt, um zu fliehen, doch sie waren alle gescheitert. Doch ich wollte nicht aufgeben. Ich würde einen Weg finden. Irgendwann.
Die Sonne war über den Himmel gewandert und begann nun, eben jenen langsam in ein helles Orange zu verwandeln. Das meiste Essen war schon verputzt und viele begannen zu frieren.
Ich beobachtete gerade ein braun-weiß geflicktes Kaninchen, das im Unterholz verschwand, als ich etwas entdeckte.
Zwei Augen aus bernsteinfarbenem Braun. Sie blickten mir direkt in die Seele.
Neben mir wurden die Kinder auf einmal unruhig. Ein Mädchen löste sich aus der Masse, entwischte den Erziehern und rannte auf den Wald zu. Ich schaute zurück zu den Augen, doch sie waren verschwunden. Da erst erkannte ich das Mädchen. Doch da war es bereits zu spät.
Ich schrie auf, als ein sandfarbener Körper aus dem Wald sprang und auf Marie zuflog. Ihre Augen weiteten sich und ihr Mund war zu einem Schrei geöffnet, als der Wolf sie in die Wade biss.
Die anderen Kinder schrien panisch durcheinander, wichen zurück und stolperten in Richtung Waisenhaus.
Auch die Erzieher waren starr vor Schock. Ich war die Erste, die etwas unternahm. Ich sprang auf und rannte auf den Wolf zu.
„Stopp!", schrie ich. Der Wolf ließ von Marie ab, die kraftlos und mit schmerzverzerrtem Gesicht auf den Boden sackte.
Dann wandte er sich mir zu. Man sah seinem Körper an, dass er mal kräftig gewesen war, doch nun war er abgemagert und schwach.
Seine Schultern reichten mir nur auf etwa die Mitte meiner Oberschenkel, doch die entblößten spitzen Zähne und das Knurren, das tief aus seiner Kehle zu kommen schien, machten seine Größe wieder wett.
Langsam wich ich zurück, als er auf mich zukam. Hunger spiegelte sich in seinen bernsteinfarbenen Augen, die den meinen so sehr ähnelten.
Doch ich sah auch noch etwas anderes in ihnen. Angst. Verzweiflung. Einsamkeit.
Und unbändige Wut.
Und auf einmal hatte ich keine Angst mehr.
Ich blieb stehen und ging vorsichtig, um ihn nicht zu erschrecken, in die Hocke. Ich streckte meine Hand aus, die der Wolf mit aufmerksamen Augen beobachtete. Er sah jede meiner Bewegungen. Gerade hob er die Pfote für einen weiteren Schritt in meine Richtung, als ich eine Stimme hinter mir hörte: „Hau ab du dreckiges Vieh!"
Frau Griesgram kam mit einem Picknickkorb in der Hand auf den Wolf zu und schlug damit nach ihm.
Er flüchtete. Doch kurz vor dem Waldrand blieb er stehen und schaute noch einmal zurück. Er sah mich an. Mit bernsteinfarbenen Augen. Dann verschwand er.
Eine Viertelstunde später war die Front des Waisenhauses blau erleuchtet, als der Krankenwagen auf das Gelände fuhr. Die Kinder hinterließen Fettspuren auf den Fenstern, an denen sie sich die Nasen platt drückten, um Marie dabei zuzusehen, wie sie in das Auto verfrachtet wurde. Erst als das Martinshorn langsam verklang, kehrte wieder Ruhe ein.
Diese Ruhe nutze ich, um zu lesen. Als ich die schwere Holztür zu der kleinen Bibliothek öffnete, musste ich erst einmal husten. Der Staub, der daraufhin nur noch mehr aufgewirbelt wurde, war der Beweis dafür, dass Wissen und Intelligenz in diesem Haus wohl als Überbewertet angesehen wusste.
Staubflocken legten sich auf meine Kleidung als ich langsam die vollgestopften Bücherregale entlang ging, auf der Suche nach passender Literatur.
Die Bücher zerfielen fast in meinen Händen, so alt war das in Leder gebundene Papier. Doch schließlich fand ich, was ich suchte. Ein Buch über die Wolfsarten der Welt.
Nach einigem Blättern, bei dem ich mehr als einmal fast Seiten aus dem fragilen Buch herausgerissen hatte, stieß ich schließlich auf ein Bild eines sandfarbenen Wolfes mit bernsteinfarbenen Augen. Ich begann zu lesen.
Name: indischer Wolf
Verbreitung: Indien, Pakistan (z.B. Halbwüsten Gujarats)
Größe: ca. 90 cm lang, ca. 66 cm hoch
Aussehen: gelbbraunes, sandfarbenes oder rötliches Fell; kurzes, dichtes Fell
Gefährdung: stark gefährdet, steht in Indien seit 1972 unter Schutz
Das war er! Doch wie war er hierher gekommen? Es war klar, dass er das nicht alleine geschafft haben könnte. Warum sollte ein Wolf, der eigentlich in einer heißen Wüste lebt, auch ins kalte Deutschland kommen? Also musste ihn jemand hierher gebracht haben. Nur, wer? Und warum?
Ich wusste es nicht. Aber ich nahm mir vor, es herauszufinden.
Ich saß auf einer Picknickdecke am Waldrand. Durch die Bäume starrten mich zwei bernsteinfarbene Augen an, da sprang ein Mädchen neben mir auf und rannte auf den Wald zu. Die Augen verschwanden.
Kurz darauf schoss ein Wolf aus dem Dickicht, stürzte sich auf das Mädchen und biss ihr in die Wade. Sie fiel zu Boden und ich konnte erkennen, dass es Marie war.
„Nein!", schrie ich. Der Wolf ließ von ihr ab und kam nun knurrend auf mich zu. Da ertönte auf einmal ein Schuss. Er traf Marie noch im Fallen in die Brust.
Ich ignorierte den Wolf und lief entsetzt auf Marie zu. Ich kniete mich neben sie und sah plötzlich nicht mehr das Gesicht meiner Zimmergenossin vor mir, sondern das einer erwachsenen Frau mit blasser Haut und schwarzen Haaren.
„Das ist alles deine Schuld!", sagte sie mit der barschen Stimme von Frau Griesgram. Verzweifelt drehte ich mich um. Und dann sprang der Wolf auf mich zu.
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Silbermond
FantasyHast du dich jemals alleine gefühlt? Niemand war für dich da? Niemand steht hinter dir? Alle sind gegen dich oder mobben dich sogar? Dann weißt du, wie ich mich mein ganzes bisheriges Leben lang gefühlt habe. Nach dem rätselhaften Tod meiner Mutter...
