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„Ist es nicht so? Du hast sie verraten und gehofft, ich würde im Schnee erfrieren! Doch Pech für dich, dass ich gefunden wurde." Ich konnte die Wut nicht mehr zurückhalten. Sie blubberte aus mir heraus und ich wusste, dass er sie in meinen Augen flackern sah. Langsam erholte er sich von seinem Schock und Hass trat an dessen Stelle.
„Oh ja, das habe ich. Und was für einen Genugtun es mir bereitet hat, dieses widerliche Weib loszuwerden." Ich wollte auf ihn springen und ihn in Stücke reißen.
„Und dann? Dann hast du Wolfe aus aller Welt geholt und verkauft?"
„Einen Polarwolf, einen Timberwolf, einen ägyptischen Wolf, einen arabischen Wolf und schließlich noch einen indischen Wolf. Wobei letzterer uns einmal entwischt ist, bis er eines Tages ganz zufällig vor unserer Tür stand. Weißt du, dieses illegale Geschäft bringt eine Menge Geld ein." Der Stolz, der in seiner Stimme mitklang verursachte mir ein Gefühl der Übelkeit.
„Du hast genug geredet. Es wird Zeit, dass du die kleine Göre entfernst", unterbrach der Mann mit der kratzigen Stimme sein Prahlen Gespräch.
„Das werde ich tun." Der Mann, der mein Vater hätte sein sollen, grinste. Ich wollte rennen, weglaufen, mich in Sicherheit bringen, doch meine Beine bewegten sich nicht.
Mit einer schnellen Bewegung griff der Mann sich ein an der Wand hängendes Gewehr und schoss. Wie in Zeitlupe beobachtete ich die Kugel, wie sie durch die Luft auf mich zuflog. Die Wucht warf mich nach hinten und ich spürte, wie mein Körper auf dem Boden aufkam. Es fühlte sich so unwirklich an, dass ich keinen Schmerz wahrnahm. Ein Summen machte sich in meinen Ohren breit. Erst ganz leise, dann immer lauter. Wie von weit her hörte ich noch die kratzige Stimme genervt sagen: „Sie versaut den ganzen Fußboden." Ich spürte, wie mir das warme Blut über die Brust lief, während sich meine Finger krampfhaft um das Medaillon in meiner Hand schloss, dann wurde alles schwarz.

„Lillith. Lillith!"
„Bin ich tot?" Meine Stimme klang seltsam hohl. Als ich die Augen öffnete, war alles um mich herum schwarz und doch gab es Licht. Ich sah an mir herunter und stellte überrascht fest, dass ich leuchtete. Von meiner Haut ging ein leichtes, weißes Licht aus.
Ich blickte auf und sah eine Frau vor mir. Sie war groß und schlank, hatte weiße Haut und schwarze Haare.
„Mama?" Das Wort fühlte sich seltsam auf meiner Zunge an. Und auf einmal wurde mir wieder klar, wer ich war. Ein zwölfjähriges Mädchen, eine Waise.
„Mama, bin ich gerade gestorben?" Tränen traten mir in die Augen.
„Nein, mein Schatz. Du bist nicht tot. Ich bin es, aber du nicht. Du hast noch eine Chance." Die Frau trat näher und nahm mich in den Arm. Als ich sie berührte, fing sie auch an zu leuchten.
„Ich habe Angst", flüsterte ich.
„Ich weiß, mein Schatz. Ich weiß", flüsterte sie zurück und strich mir beruhigend übers Haar.
„Stimmt es, dass du ihn nur geheiratet hast, um Marie zurück zu bekommen?" Meine Mutter schob mich etwas von sich weg, damit sie mich ansehen konnte. Ihre Augen waren hellblau.
„Nein, nicht nur. Ich habe ihn wirklich geliebt. Ich liebe ihn immer noch. Obwohl ich weiß, dass er diese Liebe nicht verdient hat." Eine kurze Weile war es still, dann erhob meine Mutter wieder ihre Stimme: „Du musst gehen, wenn du noch weiter leben willst.
"Warte! Was ist das hier? Wie kannst du tot sein und ich nicht?", fragte ich, als ich bemerkte, wie meine Mutter langsam durchsichtig wurde.
"Das hier ist nicht real. Ich bin tot und an dem Ort, an den die Seelen der Verstorbenen wandern."
"Dann bilde ich mir das nur ein?"
"Das habe ich nicht gesagt."
"Ich verstehe nicht. Werde ich mich daran erinnern können? Oder werde ich das hier vergessen, wie meine Alpträume?"
"Nein. Das hier lasse ich dir. Deine Träume habe ich gelöscht, weil sie schrecklich waren."
"Du warst das? Aber wie? Und warum? Du bist doch gar nicht real!", verzweifelt griff ich nach ihr, doch meine Hand glitt durch ihren Arm hindurch, als wäre sie gar nicht da.
"Du musst aufwachen. Bring zu Ende, was du angefangen hast", flüsterte sie, dann verschwand sie vollends und ich war alleine im Dunkel mit meinen Gedanken und dem schwachen Leuchten meiner Haut.
Und dann wachte ich auf.

SilbermondWo Geschichten leben. Entdecke jetzt