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Ich öffnete vorsichtig die Tür. Blendendes Weiß strahlte mir entgegen, als ich das Zimmer betrat. Es war immer noch nur ein Bett belegt.
Ich trat heran und ließ mich auf dem Stuhl nieder, der neben dem Bett stand.
„Wie geht es dir?" Marie lächelte.
„Besser. Es wird sicher nicht mehr lange dauern, bis ich das Krankenhaus verlassen kann", antwortet sie mit ihrer wundervollen Stimme.
„Wie bist du hierhergekommen?"
„Ich bin gelaufen", antwortete ich
Eine Weile schwiegen wir beide. Ich sah aus dem Fenster auf die Straße. Autos fuhren vorbei, Fußgänger eilten an den Häusern vorbei und Radfahrer klingelten sich durch den Verkehr. Dann unterbrach Marie die Stille.
„Es tut mir leid, dass ich dich letztes Mal im Dunkeln tappen ließ. Ich konnte nicht mehr sagen. Ich konnte nicht riskieren, dass es wieder jemand hört. Sonst..."
„...sonst wärst du wieder dem Bann unterworfen worden", beendete ich ihren Satz. Überrascht sah sie mich an.
„Der indische Wolf hat es mir erklärt. Warum du nie gesprochen hast. Und warum du auf ihn zu in den Wald gelaufen bist. Konntest du eigentlich gedanklich mit ihm kommunizieren?"
„Ja. Er hat mich gehört und mir geholfen. Hast du dich schon verwandelt? Wo ist der Wolf jetzt? Wieviel weißt du schon?"
Ich lächelte. Dann begann ich zu erzählen.
Wie ich nach meinem ersten Besuch im Krankenhaus Frau Griesgram entwischt war. Wie ich dem Wolf im Wald begegnet war. Wie er mir das Verwandeln, das Kommunizieren und das Jagen beigebracht hatte. Wie ich in die Stadt gegangen war und dort den Antiquitätenladen besucht hatte. Wie die Bilder aus dem Gedächtnis des indischen Wolfes auf mich eingestürmt warnen. Wie ich ihn gesucht und gefunden hatte. Wie ich aus der Villa entkommen war. Wie ich meinen Vater der Polizei ausgeliefert hatte.
Ich erzählte ihr alles. Alles, bis auf meine Begegnung mit Mutter. Ich wusste noch nicht, was das gewesen war. Vielleicht war das das nächste Rätsel, das ich zu lösen hatte.
Als ich geendet hatte, schwieg sie eine Weile.
„Das ist ganz schon viel", sagte sie schließlich.
„Das ist noch nicht alles. Ich habe noch etwas vor. Vielleicht könntest du mir dabei helfen?"
„Ich helfe, wenn ich kann. Ich wünschte, ich hätte dir bei allem, was du ohne mich durchgestanden hast, auch schon helfen können."
Ein kurzer Moment der Stille trat ein. Doch da gab es noch etwas, das ich nicht wusste, aber unbedingt erfahren wollte.
„Wie... wie war sie so... als Mutter?", fragte ich zögerlich. Meine Stimme brach und ich konnte nur mit Mühe einen Schluchzer unterdrücken.
„Ich weiß es nicht. Ich war erst zwei Jahre, als sie mich weggab."
„Aber, wie hast du dann von der ganzen Wolfsmenschen-Sache erfahren?", fragte ich überrascht.
„Sie konnte es mir nicht persönlich sagen. Aber sie hat mir einen Brief hinterlassen. Darin hat sie mir geschrieben, was ich bin und was ich kann. Und, warum sie mich weggegeben hat. Ich war erst zwei Jahre alt, als mein Vater bei einem Autounfall starb. Er wusste nicht, was meine Mutter war. Sie hatte aber keinen Job, da sie mich mit ihrer Jagdbeute versorgen wollte. Ihr wurde das Sorgerecht für mich entzogen. Und ich kam in eine Pflegefamilie."
„Und wie hast du dich dann zum ersten Mal verwandelt? Und warum warst du mit dem Bann belegt?", fragte ich weiter.
„Ich war mit meiner Pflegefamilie im Zoo. Da war ich etwa fünf Jahre alt. Ein Wolf dort hat mich gebissen und ich wurde ohnmächtig. Im Krankenhaus habe ich mich dann zum ersten Mal verwandelt. Das hat eine Krankenschwester gesehen und ich wurde mit dem Bann belegt. Weil ich nicht mehr mit ihnen redete, haben mich meine Adoptiveltern weggegeben. Ich bin in dem Waisenhaus gelandet." Wieder trat Stille ein.
"Und woher wusstest du, dass ich deine Schwester bin?"
"Dein Medaillon." Marie griff sich an die Brust und zog etwas aus ihrem Ausschnitt. Ein goldenes Medaillon an einer goldenen Kette.
"Mutter hatte auch so eins. Wenn du genau hinschaust, dann siehst du einen Wolf auf der Rückseite. Hier, diese Schnörkel da ergeben einen Wolfskörper."
Sie zeigte mit den Fingern auf die entsprechende Stelle und als ich mich über das Bett zu ihr hin beugte, konnte ich es auch erkennen. Schließlich zog ich meines aus meiner Jackentasche und tatsächlich war auch auf dessen Rückseite ein Wolf zu erkennen, den man jedoch nur erkennen konnte, wenn man wusste, dass er dort ist.
"In meinem Medaillon ist ein Foto von mir, Mutter und meinem Vater. Was ist in deinem drin?", fragte neugierig.
Statt einer Antwort öffnete Marie ihr Medaillon und hielt es mir hin. In seinem Inneren befand sich auf der einen Seite ein Foto von Marie als kleines Neugeborenes, das von einer Frau mit schwarzen Haaren und weißer Haut und einem Mann mit braunen Haaren gehalten wurde.
"Ist das dein Vater?" Marie nickte.
"Wahrscheinlich."
"Warum hast du mir nicht früher davon erzählt? Von dem allen? Du hättest bestimmt einen Weg gefunden, ohne sprechen zu müssen!" Marie seufzte.
"Du warst nicht gerade gut auf andere zu sprechen. Außerdem hättest du mir niemals geglaubt, wenn ich dir aus dem Nichts erzähle, dass du dich in einen Wolf verwandeln kannst, oder? Du musstest das einfach für dich selbst herausfinden."
„Ja, vielleicht musste ich das. Trotzdem bin ich froh, dass ich jetzt dich habe."
Marie lächelte. Dann richtete sie sich im Bett auf und steckte die Arme aus. Vorsichtig umarmten wir uns.
Als Marie wieder zurück in die Kissen sank, stand ich auf.
„Warte mal! Wolfsmenschen haben doch besondere Fähigkeiten. Ich kann mich heilen, wenn ich mich verwandle. Kannst du das auch?", fragte ich aufgeregt. Dieser Gedanke war mir vorher nicht gekommen, doch falls es so war, konnte das ihren Krankenhausaufenthalt deutlich verkürzen.
„Ich weiß es nicht. Nach meiner ersten Verwandlung war ich mit dem Bann belegt. Ich kann es aber mal versuchen. Ich weiß nur nicht, wie."
„Als ich mich das erste Mal kontrolliert verwandelt habe, hat mir der indische Wolf gesagt, wie es geht. Und ich könnte es nicht besser beschreiben. Sehe dich, wie du als Wolf bist. Spüre dich, wie du als Wolf bist. Sei du, wie du als Wolf bist."

SilbermondWo Geschichten leben. Entdecke jetzt