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Ich lag in dem kaputten Käfig und atmete erleichtert auf, als ich Schritte im Flur hörte. Die Tür wurde aufgerissen. Jemand rüttelte an meiner Schulter. Ich reagierte nicht. Erneutes Rütteln. Ich öffnete langsam die Augen.
„Wo bin ich?", fragte ich verwirrt. Ich blickte in das Gesicht eines Mannes mit Atemschutzmaske. Er überlegte nicht lange. Ich konnte gerade noch nach meinem Rucksack greifen, bevor er mich hoch nahm und aus dem Haus trug.
Vor dem Haupteingang der Villa hatte sich eine Menschentraube gebildet. Die Feuerwehr, die Polizei, verängstigte Nachbarn, die Hausangestellten und Herr Hansen.
Als ich ihn sah, stieß ich einen spitzen Schrei aus und klammerte mich an den Mann, der mich gerade auf den Boden gestellt hatte. Ich war selber überrascht, wie gut meine Schauspielkünste waren. Das hätte ich mir selbst nicht zugetraut.
Wenige Minuten später kamen weitere Einsatzkräfte der Feuerwehr aus dem Haus.
„Das Feuer ist gelöscht", verkündete einer von ihnen.

„Ich habe die schöne Villa gesehen und wollte ein paar Fragen über das Alter der Villa stellen.", erklärte ich dem Polizisten, der mir in seinem Büro auf dem Polizeirevier gegenüber saß. Er hatte seine verschränkten Finger auf einem Stapel Papier abgelegt, der auf dem sonst blitzblank aufgeräumten Schreibtisch, der zwischen uns stand. Auch der Rest des Büros war wie klinisch rein. Kein Staubkörnchen, keine Bilder an der Wand, keine persönlichen Gegenstände. Nur eine Uhr an der sonst leeren, weißen Wand und eine metallic blaue Schreibtischlampe, die nun, da das Licht durch die großen Fenster schien, ausgeschaltet war. Schon während der ganzen Befragung blickte der Polizist mich konzentriert durch seine Brille hindurch an, während ich alle meine Schauspielkünste nochmal hervorkramte und mich bemühte, so viel Wahrheit wie nur möglich in meiner Geschichte zu verpacken.
„Nachdem ich geklingelt hatte, machte mir eine Frau auf, die Köchin vermute ich, sie trug eine weiße Kochmütze. Sie hat mich reingelassen und in die Küche geführt, wo sie mich kurz allein ließ, um den Besitzer zu holen."
„Die Köchin hat dich reingelassen?", unterbrach mich der Polizist. Ich nickte selbstbewusst, doch das Blut rauschte mir durch die Ohren und erinnerte mich an meine Lüge.
„Sie hat aber erzählt, du wärst durch das Fenster hinein geklettert und sie hätte dich zum ersten Mal gesehen, als du ihrem Gulasch gegessen hast."
Blut schoss mir in die Wangen.
„Das Gulasch roch so lecker! Ich konnte nicht widerstehen, aber ich bin nicht eingebrochen. Klettern ist nicht so meins, außerdem würde ich niemals unerlaubt ein Haus betreten!"
Der Polizist versuchte einen neutralen Gesichtsausdruck zu bewahren, doch ich konnte ihm ansehen, dass er mir glaubte. Warum sollte ein zwölfjähriges Mädchen auch lügen?
„Was ist dann passiert?", fuhr er mit der Befragung fort.
„Als die Köchin wiederkam, hatte sie einen Mann dabei. Er war so wütend, dass es mir Angst machte.
Er hat mich gepackt und in den ersten Stock hoch getragen. Dort hat er sich einmal gedreht, ich weiß nicht ob absichtlich oder unabsichtlich, und ich bin mit dem Kopf gegen die Wand geknallt.
Mir ist schwindelig geworden und ich habe auf einmal unscharf gesehen. Dann hat er mich in einen Raum getragen, in dem Wölfe in Käfigen lagen. Er hat mich in einen der Käfige geworfen. Ich habe nur noch gehört, wie er den Käfig abgeschlossen hat, bevor ich ohnmächtig geworden bin."
„Weißt du, warum der Käfig, indem du lagst, so aufgebrochen war?", fragte der Polizist, während er sich neugierig über den Schreibtisch bückte.
„Nein. Ich bin erst wieder zu mir gekommen, als der Feuerwehrmann aufgetaucht ist."
„Sonst hast du nicht gemacht? Du hast das Feuer nicht gelegt?"
„Nein! Ich wollte doch nur etwas über die Villa wissen!"
Ich brach in Tränen aus und begann heftig zu schluchzen.
„Ich wollte doch nicht, dass das alles passiert."
Ich nahm das Taschentuch, das der Polizist mir reichte entgegen und schnäuzte mir die Nase.
„Ist ja gut. Das war es dann mit deiner Befragung. Du darfst gehen.", entließ er misch schließlich.
„Er begleitete mich zu der Tür seines Büros, doch bevor er sie hinter mir schließen konnte, fiel mir noch etwas ein.
„Was passiert mit den Wölfen?"
Der Polizist hielt inne.
„Sie werden zurück nach Hause gebracht."
„Und was ist mit dem Besitzer der Villa?"
„Der bekommt eine saftige Strafe. Freiheitsberaubung. Körperverletzung. Illegaler Tierbesitz. Da kommt einiges zusammen."

SilbermondWo Geschichten leben. Entdecke jetzt