Als wir am Waisenhaus ankamen, wollte ich aus dem Auto springen und in den Wald rennen, doch die Erzieherin hatte das anscheinend bereits kommen sehen.
Bevor ich auch nur einen Schritt tun konnte, hatte sie meinen Arm in einem eisernen Griff gepackt, der mir alle Adern abschnürte. Erst als wir innerhalb des Zaunes waren, ließ sie mich los.
Ich sprang das zugeschlossene Tor an und versuchte hinaufzuklettern, doch es war zu hoch. Ich rutschte immer wieder hinunter. Das Metall der Stäbe brannte kalt an meinen Händen, genauso wie die Verzweiflung in meinem Herzen brannte.
Mit schmerzverzerrtem Gesicht ließ ich es los und sank zu Boden.
Ich konnte es nicht fassen, dass alle meine Anhaltspunkte ins Nichts führten.
Ich zitterte vor Wut und Frustration und dicke Tränen liefen mir über die Wangen. Eine von ihnen fiel durch meine zitternden Lippen auf meine Zunge.
Sie schmeckte unwirklich süß. Wie eine Lüge, die man kleinen Kindern erzählte, damit sie keine Angst haben. Das Monster unter dem Bett gibt es nicht. Die böse, kinderfressende Hexe wurde längst von dem Prinzen verjagt. Die schlafende Prinzessin ist wieder aufgewacht. Lügen. Alles Lügen. Das Monster gab es doch, die Hexe war noch da und die Prinzessin wurde nie gerettet.
Ich aß den ganzen Tag keinen Bissen. Ich hielt mich in meinem Zimmer auf und hatte die Tür mit einem Stuhl verbarrikadiert, damit niemand herein kam.
Als ich mich schließlich halbwegs beruhigt hatte, fügte ich zu meiner gedanklichen Liste ein paar neue Fragen hinzu.
Warum hat Marie mir nie erzählt, dass sie meine Schwester ist? Warum hat sie nie mit jemandem gesprochen? Wieso meinte sie, dass es meine Aufgabe wäre, den Wolf zurück in seine Heimat zu bringen?
Leider war Marie eine Sackgasse gewesen. Und so schnell würden sie mich nicht wieder zu ihr lassen. Also musste ich etwas anderes probieren. Um die Antworten zu finden, musste ich hier raus. Und wohin sollte ich gehen, wenn nicht in den Wald? Und wenn ich sowieso schon da war, dann konnte ich auch den Wolf finden und nach Hause bringen.
Nachdem ich die halbe Nacht wach gelegen hatte, hatte ich endlich eine Idee, wie ich entkommen konnte. Ich würde schnell sein müssen. Sehr schnell. Und vorher würde ich das Vertrauen der Erzieher zumindest ansatzweise für mich gewinnen. Es würde nicht einfach werden. Doch wann war schon mal etwas einfach gewesen?
Vier Tage vergingen. Marie war immer noch nicht entlassen. Der Biss hatte wohl eine ihrer Sehnen beschädigt und nun war es unklar, wann sie entlassen werden konnte.
Ich wollte sie unbedingt noch einmal besuchen, doch Frau Griesgram ließ mich nicht. Dafür benahm ich mich vorbildlich. Zumindest versuchte ich es. Ich half der Köchin beim Abwasch, putzte freiwillig alle Tafeln in den Klassenzimmern und machte gut im Unterricht mit. Ich hoffte, dass es reichen würde.
Schließlich ging ich zu Frau Griesgram. Das Rascheln von Papier drang durch die hölzerne Tür, bis ich vorsichtig klopfte.
„Wer da?", keifte sie.
„Ich bin es, Lillith ", sagte ich. Stille.
„Komm rein", sagte sie schließlich, klang aber nicht begeistert.
Ich öffnete vorsichtig die Tür und trat in das Zimmer. Frau Griesgram sah mich über ihre hässliche rosafarbene Brille hinweg misstrauisch an. Langsam schloss ich die Tür hinter mir und ging auf den wuchtigen Schreibtisch zu, hinter dem Frau Griesgram es sich auf einem riesigen Sessel bequem gemacht hatte.
Mit all meinem schauspielerischen Können begann ich nun zu sprechen. Meine Stimme war leise und ich schaffte es, dass Verzweiflung darin mitschwang.
„Ich hatte wieder diese Albträume. Sie haben doch gesagt, dass es eine gute Idee wäre, mal zu einem Psychiater zu gehen. Ich brauche wirklich Hilfe." Frau Griesgram sah mich einfach nur stumm an.
„Bitte!", flehte ich leise. Als sie immer noch nichts sagte, presste ich angestrengt ein paar Tränen hervor. Endlich reagierte sie.
„Na gut. Aber wenn du irgendwelche Dummheiten anstellst, darfst du nie wieder auf einen Sonntagsausflug mit!", sagte sie und verengte ihre Augen drohend zu Schlitzen. Ich nickte leicht, während ich innerlich zu jubeln begann.
Zwei Tagen später war klar, dass ein Termin bei einem Psychologen erst in frühestens fünf Wochen möglich war, also wurde beschlossen, dass ich mich mit einer Selbsthilfegruppe begnügen musste.
Frau Griesgram persönlich fuhr mich hin.
Ich war nicht wirklich wegen meiner Alpträume hier, doch wäre ich es gewesen, wäre ich maßlos enttäuscht. Dieses Treffen war eine Mischung aus Kindergarten und Blocksberg. Im Stuhlkreis saßen wir da, hielten uns an den Händen und erzählten von unseren tiefsten Ängsten und wurden daraufhin mit einer Art Gebet von eben jenen befreit. Als ich schließlich an der Reihe war, erzählte ich ihnen von einem toten Hamster, den ich angeblich mal beerdigt hatte, woraufhin auch für mich ein Gebet gesprochen wurde.
Der Weihrauch verursachte mir Kopfschmerzen, doch fast genauso schlimm war das Verlangen, zu lachen, das ich nur mühsam unterdrücken konnte.
Das einzige was half, war, dass ich immer wieder meinen Plan im Kopf durchspielte. Wie eine Filmszene. Es musste einfach klappen.
Dass Frau Griesgram nichts von der Selbsthilfegruppe wissen wollte, kam mir zugute.
So blickte ich auf der Rückfahrt schweigend aus dem Fenster. Als wir ankamen, war die Autotür, wie erwartet, noch abgeschlossen. Frau Griesgram öffnete sie von außen und griff nach meinem Arm. Dafür, dass sie so unsportlich war, hatte sie erstaunlich viel Kraft. Am Tor angelangt kramte sie den Schlüssel heraus, ohne mich loszulassen. Als sie den Schlüssel im Schloss herumgedreht und das Tor geöffnet hatte, reagierte ich schnell. Schneller, als sie es vorhersehen konnte. Schneller, als ich selbst es gedacht hätte. Ich trat Frau Griesgram so fest ich konnte ans Schienbein. Sie schrie auf, ließ mich los und griff sich an die getroffene Stelle. Flink schnappte ich mir meinen Rucksack, den ich einen Tag zuvor in einem der Büsche direkt am Tor platziert hatte, und rannte los.
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Silbermond
FantasyHast du dich jemals alleine gefühlt? Niemand war für dich da? Niemand steht hinter dir? Alle sind gegen dich oder mobben dich sogar? Dann weißt du, wie ich mich mein ganzes bisheriges Leben lang gefühlt habe. Nach dem rätselhaften Tod meiner Mutter...
