Ich schrie. Mein Brustkorb vibrierte und ich spürte immer noch das Medaillon in meiner Hand, das sich durch meine Körpertemperatur ganz warm war. Das Blut war überall. Es lief über meinem Oberkörper, über meine Arme und bildete eine Pfütze unter meinem Rücken.
Ich hatte das Gefühl, ewig in der Dunkelheit gefangen gewesen zu sein, doch hier war noch alles so, wie ich es zuletzt gesehen hatte.
Der Mann mit der kratzigen Stimme starrte missmutig auf das Blut, dass seinen Fußboden benetzte, mein Vater hatte immer noch das Gewehr in der Hand und Paul blickte geschockt auf die Szene, die sich gerade vor seinen Augen abspielte.
Natürlich hatten sie bemerkt, dass ich doch noch nicht tot war. Und um zu vermeiden, dass sie ihr Vorhaben doch noch verwirklichten, begann ich mich zu konzentrieren. Meine Gedanken kreisten nur um ein einziges Bild kreisen. Grauwolf.
Ich steckte das Medaillon in meine Jackentasche und schloss den Reißverschluss. Die Verwandlung kam wie eine Explosion. Meine Klamotten rissen und rotes Blut traf auf graues Fell.
Schreie. Ich blickte auf. Meine Augen waren schärfen. Meine Ohren waren schärfer. Meine Nase war schärfer. Ich roch die drei Männer bevor ich sie sah. Ein Knurren kam aus meiner Kehle. Paul hatte sich auf dem Sofa zusammengerollt und starrte mich angsterfüllt an. Der Mann mit der kratzigen Stimme stand an die Wand gepresst da und sah mehr verwirrt als ängstlich aus.
Mein Vater zitterte und Schock weitete seine Augen. Das Gewehr bebte in seinen Händen, als er den Lauf erneut auf mich richtete. Doch dieses Mal war ich schneller. Ich sprang.
Noch im Flug erreichten meine Zähne das Metall. Es war kalt. Die Wut in mir zermalmte es. Einzelne Metallstücke mit scharfen Kanten fielen mir aus dem Maul. Mein Blick huschte durch den Raum und blieb an einer weißen Kehle hängen.
„Du willst mich umbringen?" Natürlich hatte er es gemerkt. Doch er schien mehr überrascht über meine Verwandlung, als er Angst davor zu haben schien, von seiner eigenen Tochter getötet zu werden.
„Weißt du, ich an deiner Stelle hätte das auch gemacht." Das rüttelte mich wach. Mir war klar, dass das eine List war, doch sie wirkte. Ich wollte nicht so sein wie er. Ich wollte nicht kaltblütig jemanden ermorden, auch, wenn er es wirklich verdient hätte.
Aus dem Augenwinkel sah ich, wie der Mann mit der kratzigen Stimme einen Arm hob. Ich wich gerade noch rechtzeitig aus und die Kugel krachte in das Holz hinter mir. Ich sprang auf ihn zu, wich noch einer Kugel aus und versenkte meine Zähne in der Pistole. Dann schnappte ich eine Hose und einen Pulli, die beide auf der Sofalehne lagen, und meinen Rucksack mit den Zähnen und rannte aus der Hütte. Ich wusste, was ich zu tun hatte.
„Wir müssen weg hier", hörte ich meinen Vater noch hinter mir sagen. Da änderte ich meinen Plan ein wenig.
Ich wusste nicht, wer in diesem Wald lebte, aber ich wusste, dass es ein Wolfsrudel hier geben musste. Ob sie auf meinen Ruf reagieren würden, wusste ich nicht, doch einen Versuch war es wert.
Mein Jaulen war noch stärker als sonst. Kraftvoll und gebieterisch hallte meine Stimme durch den Wald. Es dauerte nicht lange und sie waren da. Ich roch und hörte sie noch bevor sie langsam zwischen den Bäumen hervor in mein Sichtfeld liefen.
Neun Grauwölfe standen dort am Waldrand. Ganz vorne, zwei große, ein Männchen und ein Weibchen. Hinter ihnen standen drei weitere Wölfe, zwischen deren Beinen sich vier Welpen versteckten.
Wolfsmensch. Warum rufst du uns?
Seine Stimme drang gebieterisch und tief in meinen Kopf. Es war der Alphawolf, der sprach.
Ich brauchte eure Hilfe. Diese Menschen dort in der Hütte sind böse und töten und fangen Wölfe aus Spaß. Ich kann sie aufhalten, doch dafür muss ich kurz weg. Sie dürfen die Hütte nicht verlassen.
Der Alphawolf knurrte und fletschte die Zähne.
Ich bringe mein Rudel nicht für ein paar Menschen in Gefahr.
Ich trat einen Schritt auf ihn zu. Ich konnte ihn verstehen, er war der Vater, er musste seine Familie beschützen, doch er musste einfach verstehen, dass es hier auch um die Sicherheit seines Rudels ging.
Das würdest du auch nicht. Du würdest die Sicherheit deines Rudels nur in Gefahr bringen um ihre Sicherheit weiter gewähren zu können. Verstehst du? Wenn ihr mir nicht helft, dann seid auch ihr nicht sicher!
Die Wölfin neben ihm ergriff das Wort.
Wir helfen dir.
Der Alphawolf zuckte zusammen.
Das hast du nicht zu entscheiden!
Die Augen der Wölfin glühten, als sie sich ihm entgegenstellte.
Oh, doch. Das habe ich. Wenn unser Rudel in Gefahr ist, dann müssen wir alles tun, um es zu schützen.
Der Alphawolf knurrte leise, doch dann wandte er sich wieder mir zu.
Na gut. Aber sei dir eins gewiss, wenn es nicht um unsere Sicherheit gehen würde, würden wir dir nicht helfen. Du bist kein richtiger Wolf. Und die Gier des Menschen ist unstillbar. Sie wird immer über den anderen Werten stehen.
Seine Augen blitzten, als würde er mich herausfordern, ihm zu widersprechen. Doch ich ging nicht darauf ein, auch wenn ich ihm einiges zu sagen hatte. Ich brauchte seine Hilfe und konnte nicht riskieren, die Hilfe seines Rudels zu verlieren. Also neigte ich nur den Kopf.
Ja, ich habe verstanden.
Seine Augen blitzten wieder, als hätte er gewollt, dass ich ihm einen Grund gab, dass er nicht mehr helfen musste.
Umstellt das Haus. Lasst nicht zu, dass sie raus kommen.
Während die Wölfe sich nach meinen Anweisungen um die Hütte herum positionierten, verwandelte ich mich zurück in einen Menschen und zog die viel zu großen Klamotten an. Dann steckte ich die Hand in meinen Rucksack und zog mein Beweismittel heraus.
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Silbermond
FantasiHast du dich jemals alleine gefühlt? Niemand war für dich da? Niemand steht hinter dir? Alle sind gegen dich oder mobben dich sogar? Dann weißt du, wie ich mich mein ganzes bisheriges Leben lang gefühlt habe. Nach dem rätselhaften Tod meiner Mutter...
