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Ich starrte sie fassungslos an. Sie lächelte nur wissend und zog eine Augenbraue hoch. Wie konnte sie davon wissen? Was ist wenn er ihr etwas von dem Verschwinden seiner Uhr, die immer noch in meiner Nachttischschublade liegt, erzählt hat? Ich brachte kein Wort heraus. Das war's Nadja. Game over.
"Verdammt gutaussehend, steinreich aber ein notgeiles Arschloch.", sie schüttelte den Kopf. "Bist wohl auch auf ihn reingefallen, was?" Sie presste die Lippen zusammen.
Ich konnte sie nur anstarren. So sehr ich es versuchte ich brachte kein Wort heraus und ich wusste nicht wieso, da ich eigentlich ein gerne-diskutierender vorlauter Mensch bin, der sich nichts gefallen lässt. War es aus Angst? Aus Mitgefühl? Oder hatte ich einfach nur einen Schock?
Jedenfalls richteten wir nun unsere Aufmerksamkeit wieder auf Colton und fingen an uns aufzuwärmen. Ich versuchte sorgfältig aufzupassen und mitzumachen, aber ich konnte mich einfach nicht konzentrieren. Mein Kopf brummte vor lauter Gedanken und Sorgen bis Colton schnaufens nach einer drei Viertel Stunde rief: "Okay Mädels, gönnt euch 'ne kleine Pause. Danach geht's weiter." Und verließ mit diesen Worten fröhlich-hüpfend den Raum. Ein bisschen komisch war er schon. Seufzend drehte ich mich um, um mir meine Wasserflasche zu holen und sah dabei Lola mit ihrer Tasche um ihrem Handgelenk aus dem Zimmer huschen. Wo ging sie hin? Neugierig folgte ich ihr einigermaßen unauffällig durch verschiedene Gänge, bis sie durch den Hintereingang des Gebäudes verschwand. Durften wir da überhaupt hin? Ich ging näher und beobachtete sie während sie in ihrer Tasche wühlte und dann eine kleine Metalldose heraus holte. Ich sah ihr von meinem Versteck aus zu, wie sie etwas längliches braun-gewickeltes aus der Dose nahm und es zwischen die Zähne steckte. Ich zog scharf die Luft ein. Ich wusste ganz genau, was das war. Oft genug hatte ich meinen Vater damit erwischt. Er sagte mir zwar immer, dass alle das tun würden und es nichts schlimmes sei, doch an der Art wie meine Mutter ihn dabei ansah und anschrie, zeigte mir, dass das überhaupt nicht der Fall war.
"Hast du nicht genug gesehen mein taubes Nüsslein?"
Scheiße.
Okay jetzt reiß dich zusammen, Nadja. Zeig ihr, wer du bist.
Ich trat aus meinem Versteck. "Ich weiß nicht, was mich mehr schockiert: die Tatsache, dass du kiffst oder die Tatsache, dass du Spongebob guckst."
Sie lächelte amüsiert. "Na sieh mal einer an die Kleine kann ja doch reden.", meinte sie gespielt überrascht, "Und sie hat eine wahrhaftig spitze Zunge." Sie legte den Kopf schief und lächelte süß während sie einen tiefen Zug von ihrem Joint nahm. Dann trat sie ein paar Schritte näher, sodass ich eine Narbe auf ihrer Wange erkennen konnte und blies mir den Rauch ins Gesicht.
Es roch anders als die Joints meines Vaters. Dieser Rauch war süßlich und erinnerte einen an Zimt und Zucker.
Lecker.
"Und ich kann mir auch vorstellen, was du mit dieser Zunge so alles angestellt hast.", sagte sie während sie so nah bei mir stand, dass ich ihren Atem auf meiner Stirn spürte und ihr süßlich sinnliches Parfum riechen konnte.
"Pass auf, was du sagst.", zischte ich und kniff meine Augen zusammen.
Ich musste auf Zehenspitzen stehen um ihr halbwegs in die Augen sehen zu können, so riesig war sie. Ein Model halt. Ein dummes blondes Modelchen.
Sie grinste nur und entblößte somit ihre perfekten weißen Zähne. "Hach, du bist echt knuffig, Kleine." Sie zwinkerte und zog wieder an ihrem Joint. "Willst du?", fragte sie und streckte ihre Hand, in der sie den Joint hielt, in meine Richtung.
Ich schüttelte den Kopf. Niemals.
Sie seufzte und zuckte mit den Schultern. " Dann eben nicht."
Sie rauchte seelenruhig weiter und summte dabei vor sich hin. Anscheinend konnte sie echt nie gänzlich den Mund halten. Sie kam mir wie eine der Tussen vor, die im Unterricht pausenlos lästern und kichern und in den Pausen, in einer großen Gruppe wieder lästern und kichern. Nicht meine Welt.
Aber trotzdem interessierte sie mich. Ich fragte mich wieso ein reicher, wunderhübscher Mensch so verdorben, abgenutzt und Aufmerksamkeits-erstrebend sein kann.
"Erzähl mir davon."
Sie blickte mich verwundert an. Wahrscheinlich hatte sie vergessen, dass ich da war.
"Wovon denn, Kätzchen?"
"Von deiner Beziehung mit dem Kerl."
Sie zog ihre Augenbrauen hoch. "Du weißt nicht mal wie er heißt? Wie armselig" Sie lachte. Welch Abwechslung.
Doch sie fing trotzdem an zu reden. Sie erzählte davon, dass sie sich in ihn verliebt hatte, er sie aber nur aus geschäftlichen Gründen haben wollte, da die Firma seines Vaters mit der Firma ihres Vaters an einem Projekt zusammen arbeiten wollte. Sie waren drei Monate zusammen. Genauso lange, wie das Projekt dauerte und dann hatte er sie verlassen.
Ich erzählte ihr auch was zwischen ihm und mir passiert war, ließ aber weg, dass ich es nur getan hatte, weil er mir wohlhabend erschien.
Wir redeten so lange, dass wir vollkommen die Zeit vergaßen und erst wieder rein gingen als schon längst alle außer Colton, der uns deswegen beschimpfte, weg waren. Nachdem ich und Lola unsere Nummern ausgetauscht hatten, ging ich nach Hause. Vielleicht konnten wir ja Freunde werden.
Ich kletterte, daheim angekommen, durch mein Fenster und zog mich um, da ich todmüde war und ins Bett wollte. Als ich mir gerade die Zähne putzen wollte, klopfte jemand leise an meiner Tür.
"Herein.", rief ich.
Jana tippelte verschlafen mit ihrem Teddy in der Hand in mein Zimmer. Ich lief zu ihr.
"Hey süße, was ist denn los? Kannst du nicht schlafen?"
Sie sah mich mit ihren großen Knopfaugen an.
"Meine Brust tut weh.", krächzte sie.
Besorgt legte ich ihr meine Hand auf die Wange und sagte, dass ich ihr schnell einen Tee machen werde, der sie ganz bestimmt gesund macht. Als ich in der Küche stand und darauf wartete, dass das Wasser kochte, erblickte ich einen Brief von unserem Vermieter auf der Theke. Darin stand, dass wir seit drei Monaten keine Miete mehr gezahlt hatten und wir, wenn es so weiter geht, raus geschmissen werden. Verzweifelt schüttelte ich den Kopf. Ich brauchte wirklich einen Job um Nata zu auszuhelfen.
Mit dem heißen Tee in der Hand ging ich in mein Zimmer und sah dort Jana einen Zettel in der Hand halten, den sie mit konzentriert zusammengekniffenen Augen ansah, um zu entziffern was drauf stand. Die Arme. Sie wird es nie können.
Als sie mich bemerkte meinte sie, dass sie den Zettel unter meinem Kopfkissen entdeckt hatte.
Verwirrt gab ich ihr den Tee und sah mir an was drauf stand:
Ich weiß, was du getan hast, Baby. Und ich will meinen Anteil vom Geld. Undzwar morgen. Kuss, A.

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