9.Kapitel

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Eispfote schreckte hoch: Er hatte wieder geträumt. Der Schüler rappelte sich in seinem Nest auf und taumelte aus seinem Bau. Als er auf die Lichtung trat, wurde er von heftigem Wind empfangen. Er kämpfte sich über die Lichtung zum Anführerbau, um Dämmerstern von seinem Traum zu erzählen. Doch der Anführerbau war leer, stattdessen entdeckte Eispfote Blaubeerglanz, die Heilerin des FelsenClans, die gerade aus der Kinderstube trat. Als sie ihn sah, stapfte sie gegen den Wind zu ihm und verkündete freudig: «Steinpelz hat Junge geworfen!» «Wer?», wollte er fragen, überlegte es sich dann aber anders und miaute: «Wo ist Dämmerstern?» «Bei den Jungen!», antwortete die Heilerin lautstark – um den Wind zu übertönen – und strebte zu ihrem Bau. Eispfote stemmte sich gegen den Wind und tappte in den Tunnel der in die warme Kinderstube führte. Drinnen erblickte er eine graue Kätzin, die sich über ihre neugeborenen Jungen beugte – ein graues und ein oranges – und daneben der ebenfalls orange Anführer seines Clans. «Hallo», miaute er schüchtern und Dämmerstern wandte sich ihm zu. «Was ist?», fragte der. «Wolltest du nach den Jungen deines Mentors sehen?» Meines Mentors?, wunderte sich Eispfote. Doch dann fiel ihm wieder ein, welche Katze das war, die da auf dem Boden der Kinderstube lag. Es war Grasauges Gefährtin! Er hatte sie ein paarmal zusammen gesehen. Später würde er seinem Mentor die gute Nachricht überbringen. «Also, weswegen bist du hier?» Dämmersterns Stimme erinnerte ihn daran, was er vorgehabt hatte. «Ich muss mit dir sprechen», sagte er. «Allein!» «Dann komm mit, wir gehen in die Nebenhöhle», bestimmte Eispfotes Anführer und schlüpfte durch eine enge Öffnung in eine andere Höhle. «Ich hatte mal wieder einen Traum», begann Eispfote. «Ähnlich wie deiner, nur, dass ich mitkämpfte. Nachdem ich einen Jungen Wolf vertrieben hatte, sah ich Blut. Er zog sich aus dem Lager zurück, beobachtete, was geschah. Auf einmal stürmte er ins Lager herab und stürzte sich auf eine Rotbraune Kätzin. Er fauchte sie an, ich hatte noch nie einen so brutalen Kampf gesehen. Dann wachte ich auf. Was könnte das bedeuten?» «Ich weiss es nicht», seufzte Dämmerstern und sah Eispfote an. «Es liegt an dir, das herauszufinden.» Er senkte den Kopf, dann blickte er auf und meinte ernst: «Ach, übrigens: Du hast dich sicher gefragt, was es mit dem starken Wind auf sich hat?» Es klang wie eine Frage, also antwortete Eispfote mit einem «Ja, sicher». «Bald kommt die Zeit des tauenden Wassers», erklärte der Anführer. «Das bedeutet, es gibt Überschwemmungen. Da unser Lager aus einem Höhlensystem besteht, werden die Baue geflutet. Wir müssen die Eingänge mit Zweigen und Blättern abdichten, sodass weniger Wasser reinkommt. Danach ziehen wir los zum grossen Plateau, wo wir unser zweites Lager haben. Du hilfst gleich, den Ältestenbau zu evakuieren und die Katzen im Schülerbau unterzubringen. Ausserdem», fügte er hinzu, «müssen alle Schüler der Heilerin beim Transport ihrer Kräuter helfen. Alles klar?» «Ja», antwortete Eispfote und trabte aus der Kinderstube. Sofort wurde er vom Wind erfasst und taumelte zurück, dann stemmte er sich dagegen und kämpfte sich langsam in Richtung Ältestenbau vor. Kaum war er im Windschatten stürmte er in den Bau und fand zwei eng aneinanderliegende Fellbündel vor. Knickohr, der Braune Kater, hob den Kopf und sah ihn an. «Ah, Eispfote. Komm, leg dich zu uns, dann erzähl ich dir eine Geschichte», krächzte er dann. Eispfote hatte grosse Lust sich einfach zusammenzurollen und einer Geschichte des Ältesten zu lauschen. Doch er hatte keine Zeit. «Jetzt nicht», miaute er hastig. «Dämmerstern hat mir befohlen, den Bau zu räumen. Wegen den Überschwemmungen.» «Ach so. Na, dann weck ich jetzt besser Lahmfuss, die hat nämlich einen ziemlich tiefen Schlaf.» Damit wandte sich der Älteste dem anderen Fellhaufen zu und stupste ihn mit der Nase an. «He, Lahmfuss! Aufwachen, es ist soweit.» Das graue Fell regte sich und die Kätzin hob den Kopf. «Ihr müsst in den Schülerbau!», erklärte Eispfote hastig und begleitete die beiden nach draussen. Dann suchte er sich ein paar Äste zusammen und rammte sie in den Eingang des Baus. Jetzt musste er mit den anderen Schülern der Heilerin beim Kräutertransport helfen. Also lief er, möglichst nah an der Felswand, zum Schülerbau, wo die Ältesten schon alle anderen Schüler geweckt hatten. «Wir müssen die Eingänge der Baue sichern», erklärte Eispfote die Situation. «Kaninchenpfote und Felspfote, ihr übernehmt die Kinderstube. Habichtpfote und Blätterpfote, ihr verriegelt den Anführerbau. Wenn ihr fertig seid, geht in den Heilerbau und helft Blaubeerglanz. Danach verschliesse ich den Schülerbau.» Die Schüler hasteten durch den Tunnel nach draussen. Kaninchenpfote lief zusammen mit Felspfote in Richtung Kinderstube, während Habichtpfote schon einen schweren Ast zu Dämmersterns Bau schleifte. Eispfote selbst stapfte zu Dämmerstern, der mit den Kriegern etwas besprach. «Ihr wisst Bescheid!», rief der Anführer gegen den Wind, «Als letztes dichtet ihr euren Bau mit dem grossen Stein ab!» Als er Eispfote bemerkte, wandte er sich ihm zu und fragte: «Hast du alles organisiert?» «Ja, die anderen verriegeln gerade Kinderstube und Anführerbau, danach helfen sie Blaubeerglanz mit den Kräutern», antwortete der. «Gut. Dann fang schon mal mit dem Kräutertransport an!», befahl Dämmerstern und tappte zum Kriegerbau. Eispfote lief gehorsam zu dem Ringförmigen Felsen in der Mitte des Lagers, wo der Wind zum Glück nicht mehr so stark an ihm zerrte. Er tappte in den Bau und beobachtete Blaubeerglanz dabei, wie sie Kräuter häufte, auf Eichenblätter schob, diese zusammenfaltete und mit Seetang zusammenschnürte. Sie hielt inne und blickte auf. «Ah, Eispfote, du kannst gleich die Goldrute und Bachminze in den Schülerbau bringen», erklärte sie und schob dem Schüler mit den Pfoten zwei Blätterbündel zu. Eispfote nahm sie vorsichtig ins Maul und trug sie in seinen Bau. Dort übergab er die Bündel an Knickohr und kehrte dann in den Heilerbau zurück. Er schnappte sich zwei weitere Blätter und lief wieder zum Schülerbau. Dort wartete Lahmfuss bereits und nahm ihm die Kräuter ab. Als Eispfote den Bau verliess, kamen ihm Habichtpfote und Blätterpfote mit je zwei der eingewickelten Kräuter entgegen. Er wich ihnen aus und ging erneut zu Blaubeerglanz. So ging es noch eine Weile. Etwas später kamen dann auch noch Kaninchenpfote und Felspfote dazu und halfen ihnen dabei, die Kräuter in den Schülerbau zu bringen. Schliesslich kam auch die Heilerin dazu und Eispfote verriegelte den Bau von aussen. Dann rannte er zum Kriegerbau. Sobald er drinnen war, stemmten sich die Krieger gegen einen riesigen Felsbrocken. Eispfote half ihnen, obwohl das keinen grosse Unterschied machte. Der Felsen setzte sich in Bewegung und die Katzen schoben ihn vor den Eingang des Baues. Im selben Herzschlag, in dem der Felsen den Bau verschloss, verstummte das rauschen des Windes. Eispfote folgte den Kriegern durch den Bau und kletterte hinter ihnen über den Stein weiter nach unten. Nach etwa fünf Fuchslängen ging es schon wieder nach oben. Nach der nächsten Biegung kam ein weiterer Gang hinzu, woraus einige Katzen hasteten. Zusammen liefen die Katzen weiter, erneut um eine Kurve und einen flachen Abstieg herunter. Von links kamen gerade Kaninchenpfote und die beiden Ältesten. «Hallo!», rief ihr Eispfote zu und half der Schülerin mit Lahmfuss. Vorsichtig kletterten sie weiter nach unten und stützten die Älteste, da sie nicht richtig laufen konnte. Unten angekommen ging es um eine Kurve und danach geradeaus. Kurz darauf mussten die Katzen wieder nach oben steigen. Eispfote merkte, dass es Stück für Stück heller wurde, bis sie schliesslich aus dem Tunnel traten. Der Tunnel hatte sie in eine Schlucht geführt. Auf der anderen Seite entdeckte Eispfote einen anderen Tunnel. Mehrere Krieger tappten an ihnen vorbei in die Öffnung. Eispfote sah auch Grasauge, der neben Steinpelz lief und eines der Jungen trug. «Müssen wir dort lang?», fragte er Lahmfuss. «Ja, wir müssen wieder in den Tunnel. Dort drinnen ist es Dunkel wie in einem Mauseloch, passt also auf, wohin ihr eure Pfoten setzt», riet ihnen die Älteste und hinkte voraus in die Dunkelheit.

Eissterns ReiseWo Geschichten leben. Entdecke jetzt