Kapitel 10

66 6 2
                                    

Mein Wecker riss mich ziemlich erbarmungslos aus meinem Schlaf. Ich hatte ihn auf die andere Seite des Raumes gestellt, damit ich auch wirklich aufstand und nicht den ersten Schultag verschlief. Nachdem ich also durch mein Zimmer gesprintet war und meinen, viel zu laut piependen Wecker ausgestellt hatte, ging ich erst mal unter die kalte Dusche. Ich machte meine übliche Morgenroutine welche aus Haare föhnen und stylen, anziehen und Frühstücken bestand. Meine Mutter bestand darauf, dass wir uns jeden Morgen zusammen hinsetzten und Frühstück aßen. Die wenigsten waren davon begeistert, vor allem Fizzy beschwerte sich immer lautstark, da sie eine halbe Stunde früher aufstehen musste als sonst.

Lottie und ich gingen in die selbe Schule, daher hatte ich das Vergnügen sie jeden Morgen laut singend in meinem Auto zu ertragen, während ich meistens zu Müde war um ich auf etwas anderes als die Straße zu konzentrieren. Ich parkte auf einem Parkplatz, welcher nur für Schüler und Lehrer der Schule war. Von dort an trennten sich Lotties und meine Wege. Lottie ging wahrscheinlich zu ihren Freundinnen und ich begab mich in die Raucherecke zu meinen Freunden. Wie üblich begrüßten wir uns mit einem Handschlag und ich steckte mir eine Zigarette an. Ja ich weiß ich wollte eigentlich mit dem Rauchen aufhören, doch ich hatte einfach keine Motivation dazu. Ich wollte grade erneut einen Zug von meiner Zigarette nehmen, als ich hinter Ben eine Vertraute Gestalt erblickte. Sofort drehte ich mich in eine andere Richtung und fing ein Gespräch mit Stan an. Was hatte Harry hier zu suchen? Ich hatte nicht erwartet ihn heute, geschweige denn diese Woche zu sehen. Was war wenn er mich erkannt hatte und herüberkam. Was würde ich ihm sagen? Angespannt wartete ich darauf, dass Harry auf mich zukam und mich anschrie, warum ich ihm nicht antwortete oder etwas dergleichen. Ich zwang mich das Gespräch mit Stan aufrecht zu erhalten und mich nicht umzudrehen. Eingespannt wartete ich etwa eine Minute auf eine Reaktion von Harry, doch keine kam. Ich atmete erleichtert auf und drehte mich schwungvoll wieder zu Ben um, doch vor mir stand nicht Ben sondern Harry. Innerlich seufzte ich auf. Was zum Teufel wollte er von mir? „Louis?", fragte Harry erstaunt und ich verdrehte die Augen. „Ist das nicht offensichtlich? Ja ich bin Louis und jetzt zisch ab.", Harry sah ehrlich verwirrt drein und ehrlich gesagt auch ein wenig verletzt, doch das interessierte mich nur wenig. Er sah auf seine Finger runter und verknotete sie ineinander. „Ich wollte dich eigentlich nur fragen warum du nicht auf meine Nachrichten geantwortet hast.", traurig sah er hoch und mein Blick wurde weich. Vielleicht sollte ich doch nicht ganz so hart zu ihm sein. Er hatte ja nichts gemacht? Grade wollte ich ihm irgendeine schlechte Lüge auftischen, als hinter Harry Ben auftauchte und interessiert unserem Gespräch lauschte. Ich änderte schnell meine Meinung. Ich hatte keine Lust, dass Harry zu anhänglich wurde und am Ende noch dachte ich stehe auch auf ihn. „Warum sollte ich dir antworten?  Du bedeutest mir gar nichts und mit Nutzlosen Personen verschwende ich nicht meine Zeit.", die Wörter kamen harscher aus meinem Mund als ich sie geplant hatte, doch ich nahm sie nicht zurück. Harry musste lernen, dass ich nichts mit ihm zu tun haben wollte. Harry drehte sich schnell von mir weg und bahnte sich in weg Richtung meiner Schule. Er drehte sich nicht noch einmal um.

„Wer war das?", fragte Ben mich beinahe sofort nachdem Harry weg war. „Ach, dass war nur der Bruder einer Freundin meiner Schwester, er war ein wenig aufdringlich und ich musste ihn mal zurecht weisen", sagte ich gespielt locker. Über Bens Gesicht huschte ein Hauch von Erkenntnis. „Ist das nicht der, über den du und dein Freund am Samstag im Park geredet haben? Die Schwuchtel?", mein Atem stockte. Ja ich wusste, dass Ben unsere Konversation mitbekommen hatte, doch ich hatte nicht damit gerechnet, dass er sich merken würde wer Harry war. „Ja, ja genau der.", stimmte ich Ben geistesabwesend zu. In dem Moment klingelte es und ich lief, gefolgt von meinen Freunden, zum Eingang der Schule, doch ich beachtete sich nicht sonderlich. Ich war immer noch mit meinen Gedanken bei Harry und ob ich wohl das Richtige getan hatte.

Die Ersten paar Stunden vergingen überraschend schnell. Das lag vielleicht daran, dass wir noch keinen richtigen Unterricht hatte, sondern erst eine Einführung in das zwölfte und somit letzte Schuljahr. Harry war knappe 2 Jahre jünger als ich, doch er war nur eine Klasse unter mir, da ich die 10. Klasse wiederholen musste. Wenigstens war ich nicht in der Gefahr in eine Kurs mit Harry zu kommen. Ich lief mit Ben, Josh, Stan und Greg zu den Spinden, um unsere neu ausgeteilten Bücher wegzuschließen.

Ich war grade dabei meine Bücher einzuräumen, als Ben plötzlich anfing zu lachen und über den gesamten Flur schrie: „Hi Faggot. Hattest du einen schönen Tag in deinem nutzlosen Leben?", ich fing an zu lachen und drehte mich um zu sehen wen Ben runter gemacht hatte, doch mein Lachen gefror als ich Harry erblickte. Harry hatte keine Grübchen von seinem Lächeln, so wie ich ihn kennengelernt hatte. Nein, sein Gesicht wirkte eher eingefallen und traurig. Harry versuchte so schnell an uns vorbeizulaufen wie es ging, während er sich dabei ganz klein machte. Er erinnerte mich an den schwulen Jungen von Samstag, den ich ausgelacht hatte, weil er geweint hatte.

Harry tat mir in diesem Moment so unglaublich leid, doch ich konnte ihm nicht helfen, ich konnte ihn nicht beschützen. Ich war einfach viel zu Feige dazu.

Nach der 5. Stunde wurde die komplette Oberstufe frühzeitig entlassen, da es noch eine Lehrerkonferenz gab. Wir, das hieß ich und meine Freunde, beschlossen den restlichen Tag zu nutzen um nochmal in den Park zu fahren und dort abzuhängen. Ich wartete mit ihnen an der Bushaltestelle, auf den nächstgelegenen Bus in Richtung Park, ich selber würde später mit dem Auto nach fahren. Ich zündete mir meine zweite Zigarette heute an und ich bereute es, dass ich am Samstag nicht stark geblieben war. Man wurde schneller von den Dingern abhängig als gedacht. Ich zog genüsslich an der Zigarette und spürte, wie sich mein Körper entspannte. Ich sah zurück zur Schule und seufzte. Ich wünschte ich hätte mich die vorhergehenden Jahre mehr in der Schule angestrengt. Dann wäre ich jetzt mit der Scheiße durch und ich müsste nicht erneut durch die Hölle gehen. Ich musterte die Schüler, welche immer noch aus der Schule kamen und mein Blick blieb an einem bestimmten Lockenkopf hängen. Harry trat mit hängendem Kopf vom Schulgelände und fing, ohne hoch zusehen, an in unsere Richtung zu laufen. Ich sah an ihm herab und ich musste mir abermals eingestehen, dass Harry nicht schlecht aussah. Er trug eine schwarze, eng anliegende Hose und ein schlichtes, weißes T-Shirt drüber. Harrys Haare waren zwar ein wenig länger als die meisten anderen Jungs der Schule, doch es stand ihm. Harry hatte fast die Bushaltestelle erreicht, als er das erste Mal, seid ich ihn erblickt hatte, aufsah. Er sah mir direkt in die Augen und ich sah schuldbewusst dabei zu, wie seine Augen sich vor Schreck weiteten und er ein wenig zusammenzuckte. Ich wollte nicht, dass Harry Angst vor mir hatte, doch was sollte ich dagegen tut.

Harry und ich sahen uns immer noch tief in die Augen, als ich plötzlich eine schwere Hand auf meiner Schulter spürte. „Hey Lou, wieso starrst du die Schwuchtel so an?", fragte Ben mich amüsiert und ich war mir sicher, dass Harry es gehört hatte,denn er senkte seinen Blick gekränkt. Ich antwortete Ben nicht. Was hätte ich ihm auch antworten sollen? Ich wusste ja selbst nicht warum ich Harry angestarrt hatte. Ich wollte mich grade von Ben und Harry entfernen, als Ben anfing zu sprechen. „Na Schwuchtel, wie geht es dir heute so?" An Bens Tonfall merkte man genau, dass die Frage keines Falls ernst gemeint war und trotzdem antwortete Harry ihm. „Mir würde es deutlich besser gehen, wenn du aufhören würdest mich zu beleidigen.", hörte ich Harry frech und doch auch angespannt zischen und erschrocken drehte ich mich zu den Beiden um. Man konnte deutlich sehen wie auch Ben erst überrascht war, dass Harry ihm geantwortet hatte, doch dann stieg Wut in ihm auf. Er ging zwei Schritte auf Harry zu, packte diesen am Kragen und drückte ihn fest gegen die Nahe gelegene Bushaltestelle. Harrys Augen weiteten sich vor Überraschung und wahrscheinlich auch vor Schmerz. „Was fällt dir ein so mit mir zu reden?", brüllte Ben Harry mitten ins Gesicht und erneut zuckte er zusammen. Hilfesuchen wanderten seine Augen zu mir und zu meinem erschrecken glaubte ich Tränen in ihnen zu erkennen. Doch was sollte ich machen? Wenn ich Harry jetzt helfen würde, wüsste ich nicht, wie ich das Ben, oder auch den anderen Erklären sollte.

Auch Ben sah Harrys hilfesuchenden Blick und er lachte laut auf. „Warum um Himmelswillen, sollte Louis einem Schwuchtel wie dir helfen?", fragte Ben amüsiert, doch Harry wandte seinen Blick nicht von mir ab. Mit seinen Lippen formte Harry ein Wort, welches ich als „Bitte" entziffern konnte. Zögernd sah ich zu Ben, welcher immer noch abwertend auf Harry heruntersah. Ich schloss meine Augen und Atmete einmal tief durch, bevor ich einen Schritt auf Harry und Ben zuging. „Ben hat Recht. Warum sollte ich dir helfen, Faggot?"

Half a Heart ||L.S.||Wo Geschichten leben. Entdecke jetzt