Der zweite Teil des Kampfes: Like
Ich schreibe von heute an kein Tagebuch mehr.
Ich habe es Leya erzählt und sie hat lauthals gelacht. "Das ist kindisch", sagte Leya. Sie hat ja auch recht. Von nun an werde ich nur noch meine Erfahrungen aufschreiben, denn ein "Liebes Tagebuch" wird es nie mehr geben.
Mit ist immernoch total übel. Leya meint, das ist am Anfang normal, aber ich bin mir da nicht so sicher, immerhin ist die Party schon zwei Tage her.
Naja, ich vertraue Leya.
Leya wird es wissen.
Leya weiß alles.
Sie hat heute morgen bei mir angerufen und hat mich gefragt, ob ich Lust auf die Schule hätte. Ich habe ihr wahrheitsgemäß gesagt, dass ich Lust hätte. Wieso - weil ich sie dann sehe - sagte ich ihr nicht.
Leya hat gelacht. "Du bist seltsam, Meryl.", hat sie gesagt. Sie hat sich gar nicht mehr eingekriegt vor lachen. Ich hab ihr nur ganz verständnislos zugehört.
Wieso war das denn witzig?
"Ich will ja mit dir zusammen auf die Schule verzichten, du Dummerchen."
Und dann erscholl wieder ihr glockenhelles Lachen durch den Hörer.
"Also willst du schwänzen?", hatte ich ganz fassungslos gefragt und sie stimmte zu.
Schwänzen.
Egal, wie schlimm meine Schulzeit je war, nie habe ich mich getraut, nicht hin zu gehen.
Schwänzen.
Das steht für das Gefährliche, für das Illegale.
Schwänzen.
Steht aber auch für Freiheit.
Ehe ich irgendetwas hatte sagen können, hatte Leya gesagt, sie würde mich vor dem Schultor erwarten und aufgelegt.
Ich habe mich dann auch fertig gemacht und zum ersten Mal geschminkt. Es war nicht viel, aber nachdem Leya es bei mir gemacht hat, wollte ich es auch machen. Ein bisschen Puder, da ich im Gesicht immer so grässlich glänzte und außerdem hatte ich meine Haare heute offen gelassen. Der schlaffe Zopf ist Vergangenheit.
Vor dem Schultor stand tatsächlich Leya. Sie sah wie immer total atemberaubend aus. Ihre Haare hat sie heute auch offen gehabt und schien gänzlich ungeschminkt zu sein. Trotzdem leuchteten ihre Lippen wieder in diesem hypnotischen Rot und ihre Haare schimmerten tiefschwarz.
Ich wäre auch gern so hübsch, wie Leya.
Aber ich bin nicht Schneewittchen.
Ich bin auch nicht die böse Königin.
Ich bin ich.
Langweilig und unbedeutend.
Leya und ich haben wirklich geschwänzt. Zum ersten Mal in meinem Leben bin ich einfach so nicht zum Unterricht erschienen.
Alleine hätte ich mich nie getraut, doch Leya nimmt mir jegliche Angst.
Und, Oh Gott, ich bereue es kein bisschen. Überhaupt nicht und ich weiß nicht, ob das eine gute oder schlechte Sache ist. Aber ich habe mich zum ersten Mal - die Party ausgenommen - frei gefühlt und so, als könnte ich mein Leben selbst bestimmen.
Naja, Leya hat bestimmt, aber das ist fast das Selbe.
Ich habe Leya gefragt, wieso sie mich immer 'Meryl' nennt. Sie hat wieder so sehr gelacht, dass sie sich fast an ihrem Bier verschluckt hat (Leya meinet:"Ein Bier früh am Morgen vertreibt all deine Sorgen."). Dann hat sie ungefähr das gesagt:"Ganz einfach, du heißt 'Mildred'. Dieser Name ist langweilig. Unglaublich langweilig. Deswegen bist du für mich 'Meryl'. Weil das etwas Außergewöhnliches ist. Etwas Besonderes.
Soll ich dir ein Geheimnis verraten? Mein Name ist nicht 'Leya'. Ich heiße eigentlich 'Lara'. Aber das ist auch langweilig. Deswegen nenne ich mich Leya. Weil ich auch etwas Besonderes bin, weißt du?", sie lachte wieder ihr Lachen, das nur sie lachen kann und zwinkerte mir zu.
"Wir beide sind besonders, Meryl."
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Live Like Leya
Short StoryIch weiß, du würdest verstehen, dass ich es tun musste. In ewiger Liebe, Leya
