Er und Sie

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Eigentlich war alles wie immer. Sie lief die große graue Tür rein und machte zuerst ihre Jacke auf. Er saß wie jeden Tag an dem Tisch zwischen den anderen. Noch nie hatte er sie aus den Augen lassen können wenn sie durch diese Tür ging. Sie ging kurz durch ihre Haare und versuchte wie jeden Tag die Jungs am lauten Tisch zu ignorieren. Aber irgendetwas war heute anders. War es, weil ihr ihre Haare jetzt nur noch bis zum Schlüsselbein gingen? Oder, weil ihre weinroten Chucks zum ersten mal sauber waren und keine Dreckflecken aufwiesen? Sie wusste es nicht. Auf jeden Fall nicht zu diesem Zeitpunkt. Als Er in das Zimmer eintrat saß sie schon auf ihrem Platz zwischen ihren Freunden. Sie hatte nicht viele. Man konnte sie an einer Hand abzählen, aber dafür war jede eine Besondere. Er hingegen hatte mehr Freunde. Sie wusste nicht ob es an seinen dunkelblonden Haaren, seinen Augen, die manchmal so leuchteten, das sie sie schon von weitem grün aufblitzen sah, seinem Körper, oder doch an seinem Charakter lag. Allerdings wusste sie auch, dass er ganz genau weiß, auf wen er zählen kann. Und dass man diese wahrscheinlich auch an einer Hand abzählen konnte. Er wusste, dass sie ihre nicht kompletten Hausaufgaben ergänzte. Dafür kannte er sie zu gut. Sie machte immer nur das nötigste, meistens reichte das auch. Sie musste nicht in jedem Fach eine Eins haben und trotzdem war sie ehrgeizig. Fächer die sie interessierten, wie Musik oder Mathe, war sie immer mit Elan dabei. Allerdings gab es auch Fächer wie Englisch, Physik oder Geschichte. Bei denen sie nebenher kleine Zeichnungen auf ihrem Block mahlte. Er lebte für Sport. Außerdem war er in dem selben Musikkurs wie sie. Er merkte, wie sie alles gehen lassen konnte in diesen beiden Stunden. Den Stress den sie zuhause hatte, den Druck der sie nach und nach verschluckte. Er wusste von all dem Bescheid. Nur er wusste von all dem Bescheid. Sie hatte Angst davor ihren Freundinnen davon zu erzählen. Sie dachte, es würde ihnen schwer fallen ihr noch einmal in das Gesicht zu sehen ohne sich entschuldigen zu müssen. Nur er wusste, dass ihre Eltern mitten in der Scheidung waren, dass es keinen Abend gibt an dem ihr Vater nicht zur Flasche greift und auch keinen Abend an dem ihre Mutter zuhause war, oder dass sie den ganzen Haushalt schmiss, dass sie nicht umsonst über jeden blauen Flecken, den sie jeden Morgen versucht zu überdecken, hinweg sah. Er hatte sie einmal vorgefunden. Alleine, abends auf dem Weg nach Hause von dem Training. Er nahm sie mit zu sich nach Hause. Es dauerte lange bis sie ihm vertraute und mit allem rausrückte. Bis sie mit Tränen überschüttenden Augen in seine schaute und nach Halt und Verständnis suchte. So war es auch heute. Nur, dass sie aus dem Unterricht in das Sekretariat gerufen worden war. Sie suchte in seinen Augen Halt. Es wusste keiner, was zwischen ihr und ihm ablief. Aber er war wie ihr Anker. Er hielt sie förmlich am Leben. Sie trafen sich öfters abends um zu reden oder einfach nur um sich gegenseitig Halt zu geben. Um für einander da zu sein. Als sie ankam und die zwei Männer in der blauen Uniform vor ihr standen und ihr sagten, was passiert sei, veränderte sich ihr ganzes Leben. Sie wusste nicht damit umzugehen. Er suchte in den Pausen nach ihr. Sie war seit diesem Zeitpunkt nicht mehr im Unterricht gewesen. Wo sollte sie jetzt hin? Was passiert jetzt mit ihr? Er wusste es auch nicht, als er sie weinend hinter einem Kirschbaum, an dem die Blüten schon reif waren fand. Aber er war bei ihr um diese Zeit zu überstehen. Um ihr Halt zu geben. Um sie zu lieben. In der Zeit in der sie began ihn zu lieben. Richtig damit abschließen konnte sie erst, als sie einen Ring am Finger trug und wusste, dass sie ein Leben in sich trug. Erst dann konnte sie mit ihren Eltern abschließen. In dem Moment indem ihr Bruder sie zum Altar führte und wusste, dass Er und Sie einen Weg fanden diese schreckliche Zeit zu überstehen und um zu wissen, dass die Liebe zwischen ihm und ihr größer war als alles andere, fing sie an das Leben richtig zu Leben.

Er verhalf ihr. Sie verhalf ihm.

Sein Herz schlug in ihren Händen und ihr Herz in seinen.

Er und Sie. Ja das ist wahre Liebe. Davon war jeder überzeugt, selbst die, die nie an wahre Liebe geglaubt haben.

FeelingsWo Geschichten leben. Entdecke jetzt