Wichtige Themen sollten eigentlich immer sofort diskutiert werden. Wichtige Themen waren einfach zu wichtig, als daraus ein Geheimnis zu machen. Doch leider kam dies oft vor. Ich wusste sehr gut, dass ich an dem großen Riss in der Freundschaft zwischen Sloan und mir Schuld war. Und auch wenn Caitlin diese Sache nichts anging, ließ sie ihren Frust trotzdem an mir aus. Sloan war auch ihr bester Freund. Wir beide waren ihre Freunde. Also konnte ich es gut nachvollziehen, dass sie nun sauer war. Denn auch Caitlin musste darunter leider. Sie stand zwischen uns und das war mies, mehr als mies. Es war einfach nur beschissen.
Doch trotz der ganzen Schuld, die auf mir lag, konnte sie mir nicht zumuten, dass ich den restlichen Schultag mit der Last ihrer Ankündigung überstehen würde. Ich musste wissen, was sie entdeckt hatte. Was konnte so wichtig sein, dass sie mich trotz allem noch dabei haben wollte?
Mit diesen Gedanken zog sich der Vormittag lang, wie ein Kaugummi. Ich überstand den Unterricht, die Mittagspause, die ich bei Scott verbrachte und die bösen Blicke von Mike. Da er ungefähr so alt war wie mein Bruder und beide im Schwimmteam waren, hatte sich natürlich eine Freundschaft zwischen ihnen entwickelt. Scott ignorierte Mikes Blicke, genau wie ich. Er würde nie wissen, was genau vorgefallen war und das wusste er. Auch Mike durfte nicht hinter das Geheimnis kommen. Dafür würde ich sorgen. Denn wenn er es erfuhr, würde er es meinem Bruder erzählen.
Der viel zu hohe Ton unserer Schulglocke beendete den Unterricht für heute. Obwohl ich wegen meines Verschwindens viel verpasst hatte, wollte ich mich trotzdem nicht konzentrieren. Meine Zukunft würde nicht aus Ruhm, Reichtum und einer glänzenden Karriere bestehen. Wozu musste ich dann noch die Kunst der Integralrechnung beherrschen? In meiner Zukunft sah ich Probleme, die Angst vor Reed und die Verantwortung für ein gesamtes Königreich. Natürlich war ich keine Herrscherin, aber ich stand an Gavins Seite, auch wenn sein Volk es vielleicht noch nicht wusste.Caitlin wartete am Schultor auf mich. Sie stützte sich auf ihr Fahrrad, während sie an einem Apfel kaute.
"Ich will nicht sauer auf dich sein", sie ließ ihre Hand mit dem Apfel sinken und schaute mich an.
"Ich will dir keinen Grund geben, sauer auf mich zu sein", erwiderte ich und schloss mein eigenes Fahrrad ab. Das Schloss schmiss ich einfach in den Korb am Lenker und drehte mich dann zu Caitlin.
"Die Sache mit Sloan ist echt totaler Mist, aber wir haben leider Wichtigeres, um das wir uns kümmern müssen", sagte sie und stieß sich vom Boden ab. Ich setzte mich ebenfalls auf meinen Sattel und fuhr ihr hinterher zum Buchladen ihrer Großmutter. Die Straßen Kirkwalls waren voller antiker Gebäude, bei denen teilweise schon der Putz abbröckelte. Erst jetzt fiel mir auf, dass ich noch nie so durch die Stadt gefahren bin. Seit ich hier lebe, habe ich nichts anderes als das Meer gesehen. Das Meer war alles, worauf ich mich hier je konzentriert hatte. So betrachtete ich die alten Häuser, die vereinzelt auftretenden Bäume und kleinen Shops, in denen handgemachter Schmuck angeboten wurde. Es war wirklich eine schöne Stadt. Ganz anders als Los Angeles, aber davon konnte ich bereits vorher ausgehen. Caitlin hielt vor einem winzigen Backsteinhaus und ich wäre beinahe in sie hinein gefahren, wenn ich nicht gerade noch rechtzeitig meinen Blick von dem niedlichen Kleiderladen abgewandt hätte. Ohne ein Wort stellte sie ihr Rad an den Hauswand ab und riss die Tür auf, sodass das kleine Glöckchen wie verrückt läutete.
"Hi, Oma", sie ging zu der älteren Frau und drückte ihr einen liebevollen Kuss auf die Wange. Unschlüssig stand ich im Türrahmen und betrachtete das Schauspiel. Mir war es etwas unangenehm, dass ich bei unserer ersten Begegnung so unfreundlich war. Also ging ich einen Schritt auf sie zu und hielt ihr meine Hand zur Begrüßung hin.
"Guten Tag, Mrs Woods. Es tut mir wirklich unendlich leid, wie unsere erste Begegnung abgelaufen ist", sie griff nach meiner Hand, lächelte mich herzlich an und zog mich in eine freundliche Umarmung, die so warmherzig war, dass ich eine überraschte Gänsehaut bekam.
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The Search for the Trident
FantasiaDies ist der zweite Band der Finfolk-Reihe. Ich rate deshalb unbedingt, zuerst "The Secret of the Finfolk" zu lesen. --------------------------------------------------------------------------------------------------------------------------------- "...