Ich hatte die Aufmerksamkeit schon immer geliebt. Im Mittelpunkt zu stehen und von allen angestarrt zu werden, war immer mein Ziel gewesen und ich hatte es genossen. Aber das war damals. Damals, als ich noch Cheerleader war und zu jeder wilden Party eingeladen. Nun fühlte ich mich einfach nur winzig klein und wollte so weit weg wie nur möglich. Es war nicht richtig, dass ich dem Volk Hoffnung brachte. Natürlich war Hoffnung in solch einer Situation etwas Gutes, aber das hieß noch lange nicht, dass es das Richtige war. Hoffnung brachte auch viele Erwartungen mit sich und mit den Erwartungen kommt der Druck. Ich war mir nicht sicher, ob ich Reed besiegen konnte, schon gar nicht die Undinen. Wie sollte ich das bitte anstellen? Ich wusste ja nicht einmal, wie ich nun vorgehen sollte. Dem Volk von Finfolkaheem also zu erzählen, dass ich den Dreizack finden konnte und somit in der Lage war Reed zu besiegen, war wirklich das Dümmste, was Gavin tun konnte. Und trotzdem befand ich mich hier, vor dem Kristallpalast, während ein ganzes Volk mich wartend anstarrte.
Leises Getuschel war über dem großen Platz vor dem Palast verbreitet. Ich konnte nichts Genaues verstehen, wusste aber trotzdem, dass jeder einzelne hier über mich redete. Einige Meter von mir entfernt sah ich jemanden, der schon bei meinem rasanten Auftauchen im Kristallsaal anwesend war. Sein Gesicht erkannte ich sofort. Eine lange Narbe verlief von seiner Wange, über seine Nase hinweg bis zu seiner Augenbraue hoch. Ich wollte mir gar nicht vorstellen, was ihm passiert war. Sein selbstsicherer Blick strahlte Autorität aus, was seinem jungen Alter widersprach. Er konnte höchstens 19 Jahre alt sein. Neben ihm schwamm Mac, der mir freundlich zuwinkte. Der ernste Finman schaute ihn verwirrt an, trotzdem winkte ich lächelnd zurück. Mac zeigte mir beide Daumen nach oben, um mir Mut zu machen, was nicht gerade gut funktionierte. Ich war wirklich aufgeregt. Dieser merkwürdige Typ hatte mich mit Gavin rumknutschen gesehen und war wahrscheinlich nicht sehr davon begeistert. Er musste wissen, um was es bei dieser Ansprache ging. Er wusste, dass ich Gavins auserwählte Gemahlin war, obwohl er nichts vom Küssen verstand. Sein abschätzender Blick ließ mich nur noch kleiner wirken und zeigte, was er von mit hielt. Ich war ein Halbblut, dem König überhaupt nicht würdig und war zudem noch in der Menschenwelt aufgewachsen. Mein rosa Spitzen-BH machte es auch nicht gerade besser. Gavin griff nach meiner Hand.
"Volk von Finfolkaheem!", Gavin klang wie die Könige in einem Fantasyfilm. Das Gemurmel im Volk hörte allerdings sofort auf, "Wir sind durch schwere Zeiten gegangen, mussten viel durchmachen und haben unseren geliebten König Holton verloren, meinen Vater. Als euer neuer König war es zudem meine Pflicht, euch eine Königin zu schenken. Die Suche nach einer Gemahlin kostete meinem Vater viele unruhige Stunden voller Sorge, dass ich es nicht schaffen könnte. Doch nie war es meine Absicht ihn zu enttäuschen. Ich habe meine Gemahlin bereits gewählt und meinen Vater die Verbindung vollziehen lassen."
Ein aufgeregtes Raunen ging durch die Masse und mein Herz rutschte mir ganz tief in meine neue Flosse hinein. Ein Finman mit leuchtend blauen Augen schwamm aus der Masse hervor und verbeugte sich vor Gavin, dann erhob er sich wieder: "Majestät, eine Verbindung verlangt eine öffentliche Zeremonie. Warum fand die Ihre im Geheimen statt? Warum berichten Ihre Majestät uns erst jetzt davon?"
Gavin presste meine Hand etwas fester und ich bekam mit, wie er einmal kräftig einatmete. "Die Umstände durch meinen Bruder Reed zwangen uns dazu", Gavins Blick glitt kurz zu mir, bevor er sich selbstsicher aufrichtete, "Grace lebt. Sie ist verschwunden, um ihr Leben bei den Menschen auf dem Land fortzuführen."
Gavin erwähnte den wahren Grund, warum meine Großmutter vor vielen Jahren verschwand nicht. Nicht einmal sein Volk durfte wissen, zu was Reed wirklich fähig war.
"Sie gründete eine menschliche Familie. Ihre Gene wurden letztendlich an ihre Enkelin weitergegeben, Marylin", Gavin richtete seinen Kopf zu mir und griff auch noch nach meiner zweiten Hand, "May ist eine Nachfahrin Poseidons und stand somit Reed zu. Ich konnte dies nicht zulassen und bat meinen Vater, uns beide zu verbinden. Marylin ist die neue Königin von Finfolkaheem und meine Gemahlin."
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The Search for the Trident
FantasíaDies ist der zweite Band der Finfolk-Reihe. Ich rate deshalb unbedingt, zuerst "The Secret of the Finfolk" zu lesen. --------------------------------------------------------------------------------------------------------------------------------- "...