Dance is the hidden language of the soul.
- Martha Graham
***
Ich starrte in mein glänzendes Gesicht, welches von meinen verschwitzten braunen Locken umrahmt wurde, direkt in meine großen grauen Augen. Die sonst so leblos und trist wirkende Farbe, strahlte wie sie es nur beim tanzen tat. Wenn sie so glücklich funkelten, fand selbst ich sie hübsch.
All diese Eindrücke saugte ich, binnen eines winzigen Augenblickes indem ich mich im Spiegel sah, auf.
Dann durchströmte mich allerdings wieder das Wummern des Basses und mein Körper bewegte sich wie von allein. In diesem Moment dachte ich an nichts, fühlte nur die Bewegung, die Musik, den Rausch in dem ich mich beim Tanzen befand.
Ja,man konnte sagen das tanzen meine Droge war. Ich war definitiv süchtig danach, nur so fühlte ich mich frei und konnte meine Gefühle am besten ausdrücken, denn ein Fan großer Worte war ich nun wirklich nicht.
Ich beendete die spontan entstandene Choreografie mit einem letzten herumwirbeln, wobei meine Haare um meinen Kopf flogen und einer verletzlich wirkenden kauer Stellung auf dem Boden.
Keuchend verharrte ich eine Weile in dieser Position und versuchte meinen Herzschlag zu beruhigen, ich war jetzt schon seit mehreren Stunden in meinem eigenem kleinen Studio unter unserem Haus. Es war ein großer rechteckiger Raum bei dem drei von vier Wänden mit Spiegeln bedeckt waren. An der verbliebenen Wand befand sich die Tür und die Moderne Musikanlage.
Ich hatte das Zimmer nach unserem Umzug von Portland nach Jacksonvillle,also vom einem zum anderen Ende der USA selbst eingerichtet, die Musikanlage hatte ich noch von meinem alten Tanzraum und die Spiegel hatte ich kurzer Hand aus unserer Haushaltskasse, die mein Vater jeden Monat auf füllte, bezahlt.
Genug Geld hatten wir ja schließlich und zu diesem Zeitpunkt war ich einfach unglaublich wütend auf meinen Vater.
Eigentlich wollte ich ihn damit provozieren, aber er hatte einfach, ohne mit der Wimper zu zucken die Kasse aufgefüllt und sich noch nicht mal gefragt wo das viele Geld hin war.
Doch dieser Raum wurde mit der Zeit zum Krankenzimmer meiner Seele, all den Schmerz und Kummer konnte ich nur durch das Tanzen bewältigen.
Seufzend strich ich mir durch mein zerzaustes Haar, wie gern würde ich für immer hier sein und tanzen, doch mein Körper brauchte eine Pause.
Das Problem an Drogen ? Die Wirkung hält nur so lange an wie man sie einnimmt, in meinem Fall wurde ich jedes Mal, nach dem der letzte Ton erklang und die letzte Bewegung ausgeführt war, wieder unsanft auf den Boden der Realität geworfen.
Bum,mit einem Schlag einfach von meiner Wolke der Glückseligkeit auf den verdammt harten Boden.
Ich verließ, nur mit kurzer Schlafhose und Top bekleidet das Badezimmer in dem ich mich gerade geduscht hatte und ging durch den kahlen Flur,die kahle Treppe runter, hinein in die kahle Küche.
All die Bilder und Dekorationen, die ich aus dem alten Haus mitnahm und hier aufhing, hatte mein Vater in einem Plötzlichen Wutanfall abgerissen, dies war eines der Erlebnisse die ich nie vergessen werde.
An diesem Tag war er völlig durchgedreht, er hatte geschrien, getobt und alle Erinnerungen zerstört. Bis heute hatte ich mich nie getraut wieder etwas an die Wände zu bringen.
Dann saß er da am Küchentisch vor mir, hatte abwechselnd geheult,gelacht und geschrien. Das war der Tag an dem ich ihn vollkommen verlor, endgültig und bis zu diesem Zeitpunkt hatte ich meinen Daddy, einstiger Kindheitsheld nie mehr wieder gesehen.
Weinend hatte ich mit zitternden Händen die Scherben zusammengesammelt,zerrissene Fotos unter ständigen Heulkrämpfen in den Müll geschmissen und einige noch einmal notdürftig zusammengeklebt.
Ein Bild, ein verdammtes Bild blieb unbeschadet, dies verwahrte ich sicher in meinem Nachtschrank und holte es jeden Abend vor dem Schlafen gehen hervor, um unsere lachenden Gesichter zu sehen. Ich war erst sieben als es geschossen wurde.
Wir waren, wie fast jede Woche im Zoo, hatten uns die Tiere angeschaut und am Ende hatte mir mein Vater ein Eis gekauft. Auf dem Bild sah man mich mit stolzem Grinsen und mit einem riesigem Erdbeereis,mein Mutter, mit den selben dunkelbraunen locken und grauen Augen kniete neben mir, beide Arme um mich geschlungen und auch mein Vater hatte seine Arme um uns gelegt. Im Hintergrund sah man eine Giraffe die ihre langen Hals über die Brüstung gestreckt hatte und nach meinem Eis schielte.
Das Bild war Perfekt. So perfekt das mir jedes Mal die Tränen kamen wenn ich es sah.
Außer diesem Bild hatte ich nur noch ein Album mit all den Erinnerungen die ich noch zusammen flicken konnte, doch jedes mal zerriss es mir das Herz wenn ich sie ansah.
Ich hatte gar nicht gemerkt wie ich mich an den Tisch gesetzt hatte, auf den Platz auf dem mein Vater damals vor vier Jahren gesessen hatte und seiner 13 Jährigen, weinenden Tochter beim Aufräumen von dem,von ihm verursachten Chaos zugesehen hatte.
Eine kleine träne rollte über meine Wange und ich wischte mir wütend mit dem Handrücken über mein Gesicht, ich wollte doch nicht weinen! Nicht mehr. Ich hatte genug Monate damit verschwendet.
Geräuschvoll atmete ich aus und nahm mir gerade ein Glas aus dem Eckschrank, als ich auf einmal das öffnen und das kurz darauf nicht zu überhörende zuknallen der Haustür, hörte.
Vor Schreck glitt mir das Glas aus der Hand, zersplitterte auf den blanken Fließen und verteilte sich natürlich über die gesamte Fläche der Küche.
„Mist,Mist, Mist!", fluchte ich leise und sammelte in Windeseile die größeren Scherben auf.
Naja, Scherben bringen ja bekanntlich Glück ! Ha, von wegen.
Die stumpfen Schritte kamen immer näher und ich beeilte mich die Scherben in meiner Hand schnell in den Mülleimer zu werfen und mir einmal durch die nassen Haare zu fahren.
Mein Vater war da, was für ein Wunder dachte ich spöttisch lächelnd.
Doch trotzdem überkam mich jedes mal wenn er nach Hause kam eine kindliche Vorfreude. Tief in mir hatte ich wohl doch noch einen Funken Hoffnung, meinen alten Daddy wieder zu sehen.
Früher hätte er sich die Schuhe ausgezogen, sein Jackett an den Hacken gehangen und mich, die natürlich schon ungeduldig auf ihn gewartet hätte, durch die Luft gewirbelt und mir ein Kuss auf die Stirn gedrückt.
In Gedanken versunken, merkte ich erst jetzt das die Schritte nicht mehr in Richtung Küche, sondern die Treppe hoch in sein Schlafzimmer gingen.
Ich glaub es nicht, dann kam er schon mal ein mal im Monat nach Hause und ignorierte seine Tochter einfach vollkommen !
Eine kleine Wut Träne hinterließ eine heiße Spur auf meiner Wange. Er hatte gesehen das hier Licht brannte, genauso wir er den Aufprall des Glases gehört haben musste.
Super! Ich hab dich auch lieb Daddy.
Mit dem Sauger entfernte ich noch die kleinen Glassplitter und ging dann hoch in mein Zimmer.
Der Appetit war mir eindeutig vergangen.
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The Unknown
Teen Fiction"Alles was passiert ist hat seinen Grund, ich hatte nie daran geglaubt, aber als ich hier stand mit seiner Hand in meiner und auf das Lichtermeer unter uns blickte, machte es das erste mal in meinem Leben Sinn." Alana Williams. Schön, unnahbar und e...