Die Dinge ändern sich nicht, nur weil wir daran denken. Sie ändern sich, weil wir zweifeln und vieles unausgesprochen lassen. Was haben wir zu verlieren?
In der Wohngemeinschaft war es wieder einmal seltsam Still. Der einzige Lärm kam von einem meiner Mitbewohner, der vergeblich versuchte sein Toastbrot wieder aus dem Toaster zu kriegen. Ich fragte erst gar nicht, ob ich helfen sollte, da er vielleicht erschrecken könnte. Immerhin schien es hier beinahe, als ob ich für sie eine Art unsichtbare Materie wäre.
Etwas ungeduldig sass ich in meinem Zimmer, die Tür hatte ich offen gelassen, da man sonst die Klingel nicht hörte. Lukas war kein pünktlicher Mensch. Immerhin wartete ich hier schon einige Minuten und bekam nicht einmal eine Nachricht, dass er zu spät sei.
Ich hatte mir nichts spezielles angezogen, sonder trug einfache Jeans und ein längeres Oberteil mit Turnschuhen. Meine Haare waren immerhin jetzt wieder etwas schöner und da ich mich in Sachen Make-up nicht auskannte, taten es die Wimperntusche an meinen Wimpern und der Sonnenbrand an meinen Wangen.
Irgendwann bekam ich dann doch noch eine Nachricht von Lukas. Er würde unten bei der Einfahrt stehen. Auf einmal wurde ich nervös. Es lag nicht daran, dass er gut aussah oder dass er ein Junge war. Ich hatte Zuhause mehrheitlich männliche Freunde und doch war es seltsam, mit jemanden den Abend zu verbringen, denn man kaum kannte. Über was sollte ich mit ihm sprechen? Was sollte ich ihn fragen?
Ich seufzte und schnappte mir meine Tasche. Draußen war es bereits tiefste Nacht und einige der hellen Sterne hingen am Himmelszelt. Die Nacht war klar und auch der Wind von heute morgen hatte sich verzogen.
"Bye!", rief ich. Meine Stimme ging jedoch bei dem Lärm des Toasters unter. Der Junge aus der Küche erwiderte irgendetwas. Zufrieden verließ ich das Haus. Wenn es so weiterging, würden sie spätestens in einigen Monaten meinen Namen kennen.
Lukas stand bereits draußen. Er hatte sich ziemlich lässig an sein Auto gelehnt und rauchte eine Zigarette. Er wirkte alles andere als nervös, hatte eher wieder diesen müden Ausdruck auf den Augen. Normalerweise war ich gut im Menschen einschätzen, aber bei ihm schien es beinahe so, als ob er eine Mauer um sich gebaut hätte.
"Tut mir leid, mein Vater brauchte noch meine Hilfe.", sprach er lächelnd.
"Kein Problem.", murmelte ich. Die Dunkelheit um uns hatte etwas unheimliches. Keiner der Straßenlampen in unmittelbarer Nähe schien zu funktionieren. Alles war getaucht in dieses düstere schwarz.
Lukas warf seine Zigarette mit einer einfachen Handbewegung weg und stieg ein. Ich tat es ihm nach und ließ mich in den weichen Sitz des Autos fallen. Sein Gefährt wirkte ziemlich neu und irgendwie auch nicht wirklich billig.
Die ersten Minuten schwiegen wir beide. Ich fragte ihn nicht einmal, wohin er mich fuhr. Gezielt bog er in eine Strasse ein, die Hände locker um das Lenkrad.
"Erzähl mir etwas über dich.", begann er auf einmal.
Meine Augen lagen auf der Landschaft dort draußen. Ich beobachtete die schnell vorbeiziehenden Häuser und Wohnungen, die Menschen auf den Strassen und irgendwie begann ich über ihre Geschichten nachzudenken. Was für Geheimnisse verbargen sie?
"Etwas über mich?", wiederholte ich seine Worte. Ich hatte seine Frage verstanden, aber so hatte ich mehr Zeit um mir eine geeignete Antwort auszudenken.
Er nickte nur.
"Da gibt es nicht viel zu erzählen, ich bin nicht von hier und mein Name ist Lane." Beim letzten Part verstummte meine Stimme. "Erzähl mir lieber etwas von dir.", fügte ich rasch hinzu.
"Ich bin von hier und mein Name ist Lukas." Ein spöttisches Grinsen umspielte seine Lippen und unbewusst musste auch ich lächeln. Nicht schlecht... "In Ordnung, spielen wir ein Frage-Antwort-Spiel. Du stellst mir eine Frage und ich beantworte sie und dann tauschen wir die Rollen.", erklärte ich. So hatte ich die Möglichkeit mehr über ihn zu erfahren. Immerhin war genau das mein Auftrag.
"Hast du Geschwister?", fing er an.
Einfache Frage... "Ja, einen kleinen Bruder. Sein Name ist Owen. Hast du Geschwister?"
"Nein, Einzelkind. Vor was hast du Angst?" Die Strasse vor uns wurde immer schmaler und immer weniger Menschen sah man auf den Strassen.
Vor was hatte ich Angst? "Vor Prüfungen, schlechten Menschen, Krieg, Waffen, langbeinigen Insekten,..." Nach einigen Beispielen hielt ich inne.
"Langbeinige Insekten?" Schon wieder fing er an zu lachen. "Aber vor was hast du wirklich Angst, was lässt dich nicht schlafen?"
"Die Wahrheit..." Ohne wirklich zu wollen, war mir dieses Wort aus dem Mund gepurzelt.
"Warum?" ,fragte er neugierig. Es schien ihn wirklich zu interessieren.
"Ich weiß es nicht. Ich will manchmal gewisse Dinge nicht hören. Manchmal fühlt es sich besser an, sich etwas einzureden, als die Wahrheit zuzulassen." Unbewusst sprach ich wahrscheinlich gerade von mir selbst, von meiner Maskerade hier. "Vor was hast du Angst?"
"Vor der Zeit..." Er fuhr langsamer. Erst jetzt fiel mir auf, dass wir auf eine Art Hügel gefahren waren. "Sie vergeht so schnell, ohne das wir etwas daran ändern können."
Ich nickte. Die Zeit war wahrlich ein Dieb
"Was willst du einmal werden?", fragte er gleich darauf. Was folgten waren einfache Fragen und ebenso einfache Antworten. Wir unterhielten uns über die Zukunft, über unsere Lieblingsfarben und unsere Lieblings-Länder, was wir einmal erreichen wollten und welche Lehrer wir ätzend fanden. Mein Unbehagen verfiel mit jedem Wort, obwohl mir deutlich etwas auffiel. Die Frage mit der Angst war die einzige wirklich persönliche Frage gewesen. Alles andere waren mehr Träumereien und irgendwelche belanglosen Zukunfts-Illusionen. Wir sprachen nicht über unser Zuhause oder groß über unsere Familie. Für mich war es ein Vorteil, denn noch mehr lügen wollte ich wirklich nicht.
Auf einmal hielt er an. "Ich will dir etwas zeigen.", sprach er und stieg aus.
Draußen war es tiefschwarz und ich sah meine eigene Hand vor Augen nicht mehr. Wir befanden uns vor einer Art Wald. Zumindest wies das rauschen von Blättern mich darauf hin. "Lukas?", sprach ich in die Dunkelheit. Neben mir ging eine Taschenlampe an.
"Komm." Er lief los und etwas anderes als ihm zu folgen, blieb mir nicht übrig. Der Wald, der sich vor uns auftat, konnte aus einem Horrorfilm entsprungen sein. Dichte, dunkle Tannen reihten sich aneinander. Es war zwar nur ein kleiner Wald und doch war ich froh, als sich endlich eine Art Wiese vor uns offenbarte. Ich hatte die letzten Meter damit verbracht, ständig zurück in die Dunkelheit zu schauen, ob uns wohl niemand folgte.
Umso weiter wir auf die Wiese zu liefen, umso mehr bestätigte sich mein Gefühl. Tatsächlich standen wir auf einer Art Hügel und weiter vorne ging es gerade hinunter. Man sah die kleinen Lichter der Häuser und die der Straßenlaternen. Alles wirkte so winzig von hier oben. Für einen kurzen Moment hielt ich meinen Atem an und vergaß ganz, dass Lukas auch noch hier war.
Ober uns waren die Sterne und unter uns das Dorf. Der Ausblick war mehr als nur atemberaubend und vielleicht war es auch diese Stille um uns, die den Zauber der Einzigartigkeit aufrecht erhielt. Noch niemals war ich an einem Ort wie diesem gewesen. Hier oben hatte der Wind wieder eingesetzt, doch auch dieser verhalf diesem Platz zu einem Gefühl voller Freiheit. Es fühlte sich beinahe so an, als ob ich nur noch meine Arme ausstrecken würde und dann würde ich losfliegen.
Ich lächelte still vor mich hin, bis mir auffiel, dass Lukas gar nicht mehr da war. Überrascht drehte ich mich um. Nichts außer Dunkelheit und düsteren Schatten..
Trotz der Wärme kroch eine seltsame Kälte meinem Arm hoch. Wo war er hin? Ich suchte nach meinem Handy. Vielleicht könnte ich ihm anrufen, schreien wolle ich nicht.
Ein mulmiges Gefühl überkam mich, als ich auf das Display starrte. Hier oben hatte ich keinen Empfang...
Ja, vor was hatte ich Angst? Vielleicht hätte ich mit Dunkelheit antworten sollen...
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Bad Exchange, der Vertrag
Romance---- Unterschreibe niemals einfach so einen Vertrag ohne davor noch einmal alles durchgelesen zu haben. Da erwischt man eines morgens die falsche Tür und zack hat man das halbe Polizeipräsidium im Nacken. Man ist gezwungen sich die Haare zu fär...