Vater und Tochter

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Müde und zittrig empfing mich Lilith eine Stunde später an der Haustür. "Ich habe es schon gehört. Er ist unschuldig, nicht wahr?" Ich nickte stumm. "Er hat es wetten auf Sherlock und meine ganze Familie abgesehen!" "Wie war nochmal sein Name?", fragte sie. "Moriarty. Jim oder James Moriarty. Sherlock bezeichnet ihn gerne als eine Spinne." Lilith schwieg, als würde sie sich unwohl fühlen. "Beängstigend oder?", fragte ich nur und ließ mich in der Küche auf einen der Stühle fallen. Lilith legte mir eine Hand auf meinen Arm. "Glaub mir, wir bekommen das hin. Er wird euch schon nichts antun. Ich habe mich über den Vorfall vor einem Monat erkundigt. Damals hat er auch nicht selber gehandelt. Halte einfach die Augen offen und sei ein bisschen vorsichtiger als sonst, mhh?" Ich nickte nur und war erleichtert, dass sie für mich da war. Lilith erhob sich. Ihr sonst so fröhliches Gesicht war plötzlich ernst und blass. "Ich habe einen Job gefunden. Vorerst werde ich jetzt als Putzfrau in einer Zahnarztpraxis arbeiten. Ich muss nochmal hin, um mir meine Schlüssel abzuholen. Ich bin in zwei Stunden wieder da." Ich lächelte sie an und nahm mir vor, den Rest des Abends vor dem Fernseher zu verbringen.

Der Regen hatte wieder eingesetzt. Die Straßenlaternenlichter verschwammen hinter den Scheiben des Taxis. Lilith atmete tief durch. Sie versuchte ihr schlechtes Gewissen zu verschäuchen und sich voll und ganz auf ihre Aufgabe zu konzentrieren. Der Taxifahrer begutachtete sie im Rückspiegel. "Sie sehen blass aus, Miss. Sicher das ich sie nicht zum Krankenhaus fahren sollte? Sie wollen ganz sicher zum London Eye?" Lilith nickte. "Es geht mir gut", sagte sie nach kurzem zögern. Die Straßen London's flogen vorbei. Es waren kaum noch Menschen zu sehen. Sie schloss langsam die Augen. Am liebsten wollte sie sie nie wieder öffnen. Eine halbe Stunde später hielt das Taxi am London Eye. Lilith bezahlte und stieg aus. Der Regen hatte nachgelassen. Sie sah sich nervös um. Das Taxi fuhr davon und sie stand alleine da, vor ihr das riesige Rad, dass sich langsam bewegte. Eine Hand legte sich auf ihre Schulter. Unmerklich zuckte sie zusammen. "Da bist du ja. Ich hätte nicht gedacht, dass du pünktlich kommst. Das war noch nie deine Stärke." Sie wandte sich langsam um. "Hallo Dad. Ich freue mich dich wiederzusehen." "Nein", erwiderte er lächelnd. "Du freust dich nicht. Die Zeit ohne deinen Lieblingsdad ist eine wichtige Erfahrung. Du warst noch nicht fertig zu zu genießen" James trat ins Licht einer flackernden Laterne. Er sah müde aus. Er trug einen Anzug, sein Haar stand ihm vom Kopf ab. Seine Wangenknochen stachen aus seinem stoppeligen Gesicht heraus. Er wirkte verändert. "Du siehst hübsch aus", nickte er. "Denkst du auch es ist die perfekte Zeit um eine kleine Spritztour in die Höhe zu machen?" Sie nickte und die beiden schlenderten auf das kleine Häuschen zu, an dem die Karten verkauft wurden. Die Frau hinter der dünnen Scheibe schien die Zeitung nicht zu lesen, denn sie erkannte Moriarty nicht. Er überreichte ihr in aller Ruhe einige Geldscheine und nahm die Tickets entgegen, ohne eine freundliches "Danke", zu vergessen. Das London Eye hielt und wir stiegen in eine der Gondeln ein. Die Türen schlossen sich, wir waren alleine. Das Rad fuhr an und einige Minuten später waren wir hoch in der Luft und konnten über ganz London blicken. "Kannst du dich noch erinnern, als du als kleines Kind immer davon geträumt hast hier oben zu stehen?", fragte James und trat neben sie an das Glas. Lilith lächelte. "Ja, ich weiß es noch ganz genau. Du hast mir immer Postkarten mitgebracht, wenn du in London geschäftliches zu erledigen hattest." Wir wussten beide wie es wirklich war. "Diese Erinnerungen sind mir wirklich wichtig", sagte er und suchte ihren Blick. "Du bist meine Tochter. Die letzte aus unserer großen, schönen Familie. Dir kann ich vertrauen!" Er sah kurz weg, um sie dann noch eindringlicher anzuschauen. "Oder?" "Klar Dad. Du kannst auf mich zählen, egal in welcher Situation!" Er nickte stolz. Eine Weile schwiegen beide. Sie sahen auf die unzähligen Lichter, das glitzerne Wasser der Themse. "Es wird bald die Zeit kommen, in der wir uns noch weniger sehen. James wird bald untertauchen und dann wird ein neuer Daddy geboren. Natürlich nur für kurze Zeit", fügte er hinzu. "Du weißt, dass das nichts an meiner Tochter ändern wird." Lilith schüttelte den Kopf. "Und weil das unser letzter Abend ist, bevor ich eine Weile untertauchen werde", fuhr er fort, "dachte ich vielleicht an Kino. An ein schönes Familienerlebnis?" "Sorry, aber Zuhause wartete eine Freundin. Sie hat Angst vor... Vor dir und was jetzt alles passieren wird. Und..." Er hörte ihr gar nicht mehr zu. "Jules Holmes. Sie ist das komplette Gegenteil von ihren beiden Brüdern. Ihr scheint euch gut zu verstehen." Er schien plötzlich abwesend und traurig. "Hör mal, ich habe so viele Fragen. Würdest du mir mal zwei Minuten geben um sie zu stellen?", fragte Lilith ein wenig genervt. James lächelte. "Warum ich auf freiem Fuß bin? Warum ich untertauchen werde? Ob ich böse bin? Lilith, dass habe ich dir schon vor einigen Jahren erklärt. Du hast nur nie richtig zugehört." Sie seufzte. "Du hörst mir nicht richtig", sagte sie traurig. "Werde ich endlich mal einen Vater haben, der keine Gebäude in die Luft sprengt? Werde ich diesen Vater mal besuchen können, ohne mich schrecklich schlecht zu fühlen, ohne einen Gedanken daran zu verschwenden ihn aufzugeben?" Er zog sie in eine väterliche Umarmung. "Du würdest mich nie verstoßen!" Lilith wehrte sich nicht. Sie roch den vertrauten Geruch, den Geruch, den sie nicht verlieren wollte. Sie und ihr Dad waren die letzten beiden in der Familie Moriarty. Das wollte, konnte und durfte sie nicht verlieren. "Ich habe dich lieb", flüsterte er. "Ich dich auch", antwortete Lilith. Er ließ sie los. "Ich denke wir sollten uns verabschieden. Wir sehen uns wieder. Bald. Irgendwann. Bestimmt. Und denke daran, ich tue das alles, so viel nur für dich." Lilith schluckte, so wie sie es an diesem Abend schon zu oft getan hatte. "Versprichst du mir keinem weiteren Menschen mehr weh zu tun?" James Moriarty wandte sich von ihr ab und sah ein letztes Mal auf den Fluss und die Aussicht von Häusern und Lichtern. Seine Antwort war nur ein Flüstern: "Ich verspreche es!"

Jules HolmesWo Geschichten leben. Entdecke jetzt