Feiertage waren für mich immer ein Graus. Fertigessen mit meiner angetrunkenen Mum, es gab wahrlich besseres. Früher gab es wenigstens noch Geschenkte, heute gab es nichts mehr.
Ich war verschwunden, sobald die Sonne untergegangen war, warm eingepackt in meine Jacke war ich hinaus gestürmt. Hatte mich aufgemacht zu dem Haus meines größten Feindes und mich dort auf die Lauer gelegt. Gut versteckt hinter einem Busch sah ich den Besuch kommen - seine Großeltern, die Geschwister seiner Eltern - und als alle da waren schlich ich zum Fenster, schaute hindurch. Dort saß er – Patrick – gemeinsam mit seiner Familie. Sie lachten, redeten und aßen gemeinsam. Meine Großeltern kannte ich nicht und Vater – den konnte man vergessen. Es war schmerzhaft dies zu sehen und trotzdem sah ich auch meinen größten Wunsch, eine richtige Familie, ein Zuhause, eine Ort wo man sich wirklich um mich kümmern würde.
Wie lange ich genau dort saß und zuschaute, konnte ich am Ende nicht mehr so genau sagen. Jedenfalls war es schon spät und Mum hatte schon einiges getrunken als ich nach Hause kam. Ich konnte nicht mal meine Jacke aufhängen, dann stand sie schon im Gang.
„Wo warst du!" schrie sie mich wütend an.
„Unterwegs." Die Wahrheit konnte ich ihr einfach nicht sagen, immerhin hatte ich die letzten Stunden in einem Garten gesessen und Menschen beim Feiern durch Fenster beobachtet.
Sie verschränkte ihre Arme vor der Brust und sah mich finster an. „Unterwegs?" wiederholte sie nochmals meine Worte, hob leicht eine Braue. „Wo warst du." Setzte sie nochmals mit ein wenig mehr Nachdruck an.
„Geht dich gar nichts an!" war meine genervte Antwort darauf. Ich wollte noch immer nicht darüber reden und kaum hatte ich diese Worte in den Mund genommen, konnte ich den ärger im Gesicht meiner Mutter sehr deutlich erkennen.
„Es geht mich also nichts an wo sich mein Sohn herum treibt!" fauchte sie wütend. „Du undankbarer Bastard, du fängst an deinem Vater immer ähnlicher zu werden. So hat er auch immer gesprochen!" zischte sie gerade zu. „Selbst äußerlich wirst du ihm immer ähnlicher."
Fassungslos blickte ich meine Mutter einfach an. Ich wurde meinem Vater immer ähnlicher? Nur weil ich das eine Mal nicht verraten wollte, wo ich war? Ohne etwas zu erwidern schritt ich an ihr vorbei Richtung Treppe, die ins Obergeschoss führte.
„Riley wage es nicht jetzt zu verschwinden!" schnauzte sie mich wütend an. „Das alles hier hast auch du mit zu verantworten!"
Bei den Worten blieb ich stehen und drehte mich wütend zu ihr um, gerade standen wir nur einige Zentimeter voneinander getrennt. Worauf sie genau anspielen wollte war mir schleierhaft, daher sprach ich das Naheliegendste aus.
„WAS! Ich habe dich niemals dazu genötigt das du trinken solltest, genau so wenig habe ich dir gesagt das du sollst dich wie eine billige Hure an den nächst Besten verkaufen! Daran würde ich mich erinnern!" warf ich ihr vor und konnte die Wut sehr deutlich in den Augen der älteren Frau erkennen. Sie waren hellgrau und den Meinen ganz und gar nicht ähnlich. Bevor irgendwelche Gegenworte kamen, holte sie schon mit der Hand aus und verpasste mir eine saftige Ohrfeige. Mum schlug mich sonst nie, von solchen Bestrafungen hatte sie früher immer deutlich Abstand genommen.
„Richard wer bei mir geblieben, wenn ich dich nicht an der Backe gehabt hätte!" warf sie mir vor.
Fassungslos sah ich sie an und hielt meine Hand auf die schmerzende Wange. Ich war an allem schuld? Augenblicklich senkte ich den Blick.
„Warum hast du mich auf die Welt gebracht, wenn ich dir am Ende doch nur ein Hindernis bin? Warum hast du nicht einfach abgetrieben! Dann hättest du niemals ein Problem mit mir gehabt!" ich war verletzt, zu tiefst verletzt. Es gab die letzten Jahre viele Probleme, aber niemals hatte sie mir gesagt, dass alles ohne mich besser gewesen war. Meine Welt war grausam, kalt und mit sehr wenig Mitgefühl für mich. Aber von dem einzigen Menschen zu hören, den ich wirklich hatte, das die Welt ohne mich besser wer, war hart. Sofort drehte ich mich von ihr weg, steuerte die Treppe an. Ich wollte nur noch in mein Zimmer.
„Hätte ich gewusst, dass alles so Endet, dann hätte ich es getan! Als Oliver mich verließ war es noch nicht zu spät, ich hätte es noch tun können!"
Wenn sie danach noch etwas gesagt hatte, dann waren mir diese Worte niemals zu Ohren gekommen, denn genau in diesem Moment schlug ich die Tür in mein Zimmer zu. Huschte durch das dunkle Zimmer und sprang in mein Bett, vergrub mein Gesicht in der Decke und weinte. Sonst versuchte ich solchen Momenten immer zu entgegen, immerhin konnte man nicht wegen allem weinen. Aber gerade, wenn der einzige Mensch den man auf der Welt hatte, sich wünschte das man niemals auf die Welt gekommen wer, war es kein Moment zum stark sein. In so einem musste man den Gefühlen auch mal freien Lauf lassen. Wie lange ich weinte und wann ich endlich einschlief, dass konnte ich am Morgen nicht mehr sagen. Vielleicht war es mein Wunsch gewesen, dass Mum an meinem Bett auftauchte und mir sagte, dass sie es nicht so gemeint hatte. Aber das hier war die harte Realität und sie kam nicht. Sie sprach mich aber auch nicht darauf an. Entweder hatte sie es im Suff vergessen, oder sie bereute ihre Worte nicht. Ich selbst traute mich nicht nochmals darauf zu sprechen zu kommen. Einmal das Thema zu haben war schlimm genug, ein zweites Mal musste es nicht auch noch sein.
Jedoch stand ich vor den Spiegel, schaute mich darin genau an. Es gab nicht viele Fotos von meinem Vater, aber Mutter hatte an diesem Punkt sehr wohl Recht, ich wurde älter und sah ihm immer ähnlicher. Hatte ich doch seine schwarzen Haare und die grünen Augen. Nur das blasse Gesicht und die Sommersprossen waren von meiner Mum. Auch war meine Nase nicht ganz so markant wie die meines Vaters, aber die Ähnlichkeit war deutlich zu sehen. Ich war mit meinen dreizehn Jahren immerhin auf dem besten Weg erwachsen zu werden. Vielleicht war ich gerade dabei zum jüngeren Ebenbild meines Vaters heranzuwachsen?
Meine guten Vorsätze waren seit diesen Weihnachtsferien dahin. Vielleicht sollte ich mir lieber ein kleineres Ziel suchen? Zum Alkoholiker würde es auch ohne gute Schulnoten reichen. Es war nur hart dann zu merken, dass meine verhassten Klassenkameraden mit ihrem Hohn und Spott vielleicht nicht so weit daneben lagen, wie ich es mir immer gewünscht hätte. Straßenpenner, Zuhälter, Drogenkurier waren alles Dinge wo man keine wirklichen Leistungen brauchte. So wurde aus jedem Schultag – der vorher schon schlimm genug war - jetzt ein Höllentrip. Nur zu gerne ließ ich diese dann ausfallen, lief durch die Stadt oder suchte mir einen Platz wo ich alleine war. Auf diesem Weg lernte ich dann auch James, Greg und Thomas kennen. Natürlich wussten die älteren drei alle wer meine Mutter war, aber es störte sie nicht. Sie boten mir ihre Zigaretten an oder teilten den Alkohol mit mir. Ich trank mit ihnen, rauchte und es war mir bewusst dass sie mich nur zu gerne ab und an auf Glatteis führten, damit sie über mich lachen konnten. Das war mir aber egal. Ich hatte so etwas wie Freunde – oder etwas das Freunden sehr nahe kam – und daher war es mir Recht das sie dies taten. Wichtig war nur eines, das Jugendamt und meine Mutter durfte nichts davon erfahren. Die Zigaretten klaute ich ihr, da sie selbst rauchte, würde es ihr nicht auffallen. Sie durfte mich dabei nur nicht erwischen oder sehen. Ihre Reaktion konnte ich sonst schon richtig gut ausmalen, wie sie wütend wurde und mich anschrie, was mir den einfallen würde.
Jedoch wurde es der schönste Sommer in meinem Leben und die Zeit danach, wenn es wieder in die Schule ging, war umso härter. Jeden Morgen musste ich mich aus dem Bett quälen und nur zu gerne legte ich immer wieder Pausen ein, wo ich einfach nicht hin ging. Ein Versager, blieb ein Versager und jemand wie ich würde es niemals zu etwas bringen, das war meine neue Auffassung vom Leben.
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Riley - im dunklen Zwielicht #IceSplinters18
ParanormalRiley hat es nicht leicht. Er lebt bei seiner alleinerziehenden Alkoholkranke Mutter. Unbeliebt, mit nur einem einzigen Freund, schlägt er sich gerade so durchs Leben. Als er aber eines Tages von einem Monster angefallen wird ändert sich alles. Zwar...