Falsche Adresse

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2 Jahre zuvor.

Wie jeden Tag nach der Schule schaute ich zuerst in den Briefkasten, tatsächlich war heute ein Brief im Kasten. Wir waren erst vor ein paar Tagen hergezogen. Das Haus war frei geworden, weil es für die Familie, die vorher darin lebte, zu klein geworden war. „Kathrin Ross", stand als Empfänger. Das war die älteste Tochter der Vorbesitzer. Die Familie hatte uns gebeten Briefe die versehentlich an unsgeschickt  wurden an ihre Adresse zu schicken. Die Tür war noch abgeschlossen, also war noch keiner Zuhause. Das war nichts Ungewöhnliches, mein Vater war mal wieder auf Geschäftsreise und meine Mutter schob wieder Überstunde, weil sie es zu Hause nicht aushielt alleine, sie hasste es im geschlossen Räumen zu sein. Meine Mutter war Reitleherin  und trainierte die Reiter und Reiterinnen für die Wettkämpfe. Mein Vater war der Leiter einer Firma für Reiterzugehör. Er forschte an besseren Satteln und son Zeug. Mama testete  dann den Kram, den Papa rausbringen wollte. So hatten sie sich auch kennengelernt. Ich hatte dieses Pferdenarrengen nicht geerbt. Ich hatte Angst vor Pferden. Meine Leidenschaft war das Klavierspielen. Meine Tasche warf ich in die Ecke, um die Hausaufgaben konnte ich mich morgen auch noch kümmern, es war ja  Freitag. Ich nahm den Brief aus dem Umschlag und steckte ihn ohne ihn zu lesen in den neuen Umschlag und machte eine Notiz rein, dass er bei uns gelandet war, schnell die neue Adresse drauf und die Briefmarke. Weiterhin schrieb ich einen Brief an den Absender, damit nicht noch ein Brief bei uns landen würde. Nur stand kein Name drauf nur die Adresse.

„Hallo Niemand,

Dein Brief ist bei mir gelandet, die neue Adresse von Kathrin ist der Legusterweg Nr. 7.
Ich habe ihn nicht gelesen sende ihn aber zu Kathrin.

Mit freundlichen Grüßen
Anastasia. "

Auch dieser Brief wurde  adressiert und mit einer Briefmarke bestückt. Mein Magen knurrt, aber da das Brot heute Morgen schon leer war und ich, die erste war, die nach Hause kommt, hatte auch noch  keiner eingekauft. Also blieb das wie immer an mir hängen. Ich nahm das Geld aus der Haushaltskasse und schrieb einen Einkaufszettel. Auf dem Weg zum Supermarkt warf ich noch schnell die Briefe ein. Ich dachte mir nichts dabei. Sonst verlief der Tag sehr unspektakulär. Einkaufen, essen Hausaufgaben. Meine Mutter kam wie immer mit Stroh in den Haaren nach Hause, ging unter die Dusche und verschwand im Schlafzimmer. Eine Begrüßung hatte ich schon lange nicht mehr bekommen. Solange ich meine Hausarbeiten machte und genug Essen im Kühlschrank war, nun ja war ich Luft. Es war Anfangs echt deprimierend, aber man stumpft ab mit der Zeit. Zumindest redete ich mir das ein. Mein Vater schickte mir eine SMS, dass er noch ne Woche länger bleiben muss. Auch dass war nichts Neues.

Briefe von Niemand (Pausiert) #Passionaward19 #Wortnebel-AwardWo Geschichten leben. Entdecke jetzt