Eine Zielscheibe, sie zu knechten (Debora: Carolin+Merry)

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Der warme Sommerwind blies einige Schäfchenwolken über den strahlend blauen Himmel. Die Sonne schien und in den umstehenden Bäumen zwitscherten die Vögel.
Doch Carolin beachtete all das gar nicht. Sie strich sich eine Strähne ihres braunen Haares aus der Stirn, nahm einen Pfeil aus dem Köcher, welchen sie sich auf den Rücken geschnallt hatte und stellte sich aufrecht hin.
Was nun folgte, hatte sie schon so oft getan, dass sie gar nicht mehr wirklich darüber nachdachte.
Pfeil an die Sehne legen... Bogen spannen... Zielen... Schuss.
Das gefiederte Geschoss flog geradewegs auf die Zielscheibe zu, traf zu ihrer Freude genau die Mitte... Und verschwand!
Verwirrt schüttelte Carolin den Kopf. Hatte sie sich das nur eingebildet? Es musste so sein, der Pfeil müsste doch sonst in der Scheibe stecken! Wahrscheinlich hatte sie einfach vorbeigeschlossen. Trotzdem, ausgesprochen seltsam. Sie beschloss, den Pfeil zu suchen - wenn sie vorbeigeschossen hatte, was die einzige logische Erklärung war, dann müsste dieser blöde Pfeil schließlich irgendwo in der Nähe auf der Wiese liegen.
Dachte sie zumindest. Tatsache war allerdings, dass weit und breit kein Pfeil zu sehen war. Und nachdem sie wenigstens eine Viertelstunde lang jeden Zentimeter im Umkreis der Zielscheibe abgesucht hatte, verging ihr die Lust.
Ja, sie war ziemlich tollpatschig und manchmal vielleicht auch ein bisschen blind, aber einen Pfeil mit roten Federn auf einer abgemähten Wiese nicht zu finden - das schaffte eigentlich nicht mal sie. Zumal die Zielscheibe extra an einem Hang stand, damit die Pfeile nicht verloren gingen! Doch das schien diesen Pfeil ja nicht zu kümmern!
Sie seufzte tief. Der Verlust des Pfeiles war ihr unangenehm, und ihre Eltern würden ihr bestimmt auch nicht abkaufen, dass er sich einfach so in Luft aufgelöst hatte.

Aber vielleicht war er ja wirklich verschwunden? Eigentlich war das nicht möglich, aber sie hatte ja selbst gesehen... War es doch keine Einbildung gewesen?
Sie schaute die Zielscheibe skeptisch an. Dann holte sie ihren Bogen, nahm erneut einen Pfeil aus den Köcher und stellte sich wieder in ihrer Ausgangsposition hin, diesmal aber mit geringerem Abstand zur Zielscheibe.
Wieder der gleiche Vorgang wie sonst auch. Allerdings ließ sie sich diesmal mehr Zeit und erst als sie sich wirklich sicher war, dass der Schuss treffen würde, ließ sie den Pfeil fliegen.
Er landete genau in der Mitte - und verschwand ebenfalls.

Carolin starrte die Zielscheibe an. Die Zielscheibe starrte zurück. Gut, das tat sie nicht wirklich, aber Carolin wurde das Gefühl nicht los, dass die Zielscheibe sich über sie lustig machte.
Das machte sie ausgesprochen wütend. Was bildete sich diese dumme Scheibe ein? Wollte sie sich dafür rächen, dass sie immer abgeschossen wurde?
"Okay, weißt du was? Es reicht jetzt!", rief sie und nahm einen dritten Pfeil aus dem Köcher. Doch diesmal legte sie ihn nicht an die Sehne, sondern nahm ihn einfach in die Hand und machte eine Bewegung, als wollte sie den Pfeil werfen. Doch sie versuchte lediglich die Flugbahn. nachzuvollziehen. "So, und dann trifft er genau die Mitt... Huch!"
Erschrocken zog Carolin ihren Arm zurück. Der Pfeil hatte die Zielscheibe berührt und sie hatte erwartet, auf Widerstand zu treffen, doch der Pfeil war einfach durch die Scheibe hindurchgeglitten, als wäre sie Luft, und ihre Hand ebenfalls! Außerdem hatte es sich angefühlt, als würde irgendetwas sie in dieses... Nichts hineinziehen.
Vorsichtig wiederholte sie den Vorgang. Stück für Stück verschwand der Pfeil, dann ihre Hand und ihr Unterarm. Das war wirklich einfach nur gruselig! Sie beschloss, die Zielscheibe einfach Zielscheibe sein zu lassen und für heute mit dem Bogenschießen aufzuhören. Vielleicht würde sie auch einfach gleich aufwachen und das ganze würde sich als ein seltsamer Traum entpuppen.

Doch als sie gerade ihre Hand zurückziehen wollte, zog plötzlich jemand oder etwas an ihrem Arm und nur einen Moment später war sie von der Wiese verschwunden.

Carolin wurde schwarz vor Augen und ihr war schwindelig. Doch so schnell er gekommen war, verschwand der Moment der Orientierungslosigkeit auch wieder und sie stürzte kopfüber auf den Boden.
Sehr weicher Boden war das...
"Geh runter von mir, Pip!", ertönte eine Stimme.
"Kann ich nicht, Merry!"
"Wieso denn nicht?"
"Weil auf mir auch jemand draufliegt!"
"Ist mir... egal... Ich... Ersticke gleich..."
Seit wann konnte Boden denn reden? Carolin schaute genauer hin und bemerkte, dass sie auf zwei kleinen Jungen lag. Erschrocken sprang sie auf. Dann ließ sie den eben gehörten Dialog noch einmal an sich vorüberziehen...
"Moment mal! Merry? Pip?" Sie starrte die beiden an.
"Ähm, ja? Und wer seid Ihr und warum kennt Ihr unsere Namen? Und warum lagt Ihr auf uns?", fragte Pippin.
Carolin schüttelte ungläubig den Kopf. Mehr denn je war sie davon überzeugt, in einem wirren Traum gefangen zu sein. Die beiden, die sie erst für Kinder gehalten hatte, sahen tatsächlich genau so aus wie Merry und Pippin aus Peter Jacksons Herr der Ringe Verfilmung.
Ah, gutes Stichwort!
"Ihr könnt mir nicht zufällig sagen, welches Jahr wir haben?"
Die Antwort würde ihr in zwei wichtigen Punkten weiterhelfen. Einerseits würde sie dann wissen, ob sie tatsächlich Merry und Pippin vor sich stehen hatte und andererseits...
Sie hielt inne.
"Was ist? Warum starrt ihr mich so an?"
"Ihr... Wisst nicht, welches Jahr wir haben?", fragte Merry.
"Ja, und, ist das ein Problem? Beantwortet mir einfach meine Frage!"
Merry schaute sie skeptisch an und sagte schließlich:
"Na gut. Aber nur, wenn Ihr uns dann endlich verratet, wer Ihr seid!"
"Jaja", erwiderte Carolin genervt, "nun sag endlich!"
"Wir schreiben das Jahr 7 des Vierten Zeitalters", gab Pippin Auskunft.
Na also, warum denn nicht gleich so? Der Ringkrieg war also schon seit einer Weile vorbei. Aber müssten die Hobbits dann nicht aufgeschlossener gegenüber Fremden sein? Vielleicht sprach er auch von der Auenland-Zeitrechnung. Von dieser hatte Carolin aber erst recht keine Ahnung. Vielleicht sollte sie sich einfach nach Frodo erkundigen. Wenn sie sich die Hobbits so anschaute, war das aber keine so gute Idee...
"Nun?", fragte Merry herausfordernd.
Was hatte er denn? Gut, sie war vielleicht nicht sonderlich höflich gewesen, aber...
Ach ja, ihr Name. Da war ja was gewesen.
Mit einem etwas gekünstelten Lächeln stellte sie sich vor:
"Carolin. Mein Name ist Carolin. Seid ihr nun zufrieden?"
"Nein.", sagte Merry schlicht. Sie zuckte ein bisschen zusammen. Das hatte sie nicht erwartet, aber was konnte der Hobbit denn noch wollen?
Als er fortfuhr, schlich sich ein anklagender Unterton in seine Stimme.
"Ihr wisst schon, dass König Elessar einen Erlass herausgegeben hat? Einen Erlass, der besagt, dass Menschen das Auenland nicht betreten dürfen. Soweit ich das sehe, seit Ihr ein Mensch. Was habt Ihr also hier zu suchen, Frau Carolin?"

Carolin schwieg. Das hatte sie nicht gewusst und sie musste die Information erst einmal verdauen. Aber trotzdem, das war nicht fair! Sie wusste doch noch nicht einmal, wieso und wie sie überhaupt nach Mittelerde gekommen war! Ihre Zielscheibe hatte doch sonst immer völlig normal funktioniert! Vielleicht konnten die Hobbits ihr das sagen. Sie war zwar ein Mensch, aber sie unterstand nicht König Elessar, sondern der Regierung von Deutschland! Carolin beschloss, voll auf Konfrontation zu gehen.
"Ihr seid doch daran schuld, dass ich überhaupt hier bin!
"Was wollt Ihr damit sagen?", fragte Merry, wirkte aber auf einmal, als hätte man ihn bei irgendetwas ertappt.
"Ich will damit sagen, dass ich eigentlich gar nicht nach Mittelerde gehöre. Aber - warum auch immer - in meiner Zielscheibe hat sich anscheindend ein Portal aufgetan oder was weiß ich, aber auf jeden Fall hat mich etwas oder jemand hierhergezogen! Ich habe den Verdacht, dass ihr das wart!"
Während Merry schwieg, blitzte eine Erkenntnis über Pippins Gesicht.
"Ihr wolltet auf eine Zielscheibe schießen?"
"Ähm, ja, warum fragst du?", erwiderte Carolin ein wenig verwirrt.
"Weil jetzt alles einen Sinn ergibt! Euer Pfeil ist nicht bei der Zielscheibe angekommen, sondern bei uns!"
"Ja", mischte sich nun Merry ein, und er klang ziemlich verärgert, "Ihr hättet mich beinahe erschossen!"
"Oh", machte Carolin nur und schlug sich die Hand vor den Mund. (Sie sah dabei etwa so aus wie Gimli, als er Legolas Bogen zur Seite geschoben hatte, woraufhin Legolas den Korsaren erschossen hatte - also nicht sehr glaubwürdig.)
Allerdings fing sie sich schnell wieder und erwiderte: "Das war doch keine Absicht!"
"Das will ich auch hoffen!", grummelte Merry. "Ein weiterer Grund, Euch in den Kerker zu werfen. Was uns wieder zum eigentlichen Thema zurückbringt."
"Gar nicht wahr!", entgegnete Carolin verärgert. "Pippin wollte mir gerade erklären, was passiert ist, bevor ich hierherkam, und du hast ihn unterbrochen!" Sie nickte Pippin freundlich zu. "Bitte, erzähl weiter!"
"Naja...", begann Pippin und blickte dann zu Merry. Als dieser keine Anstalten machte, seinen Freund zu unterbrechen, berichtete Pippin: "Wir sind den Weg dort langgelaufen und sahen einen Pfeil im Baum stecken. Merry zog ihn heraus und wollte ihn sich gerade genauer ansehen, als plötzlich ein zweiter Pfeil angeflogen kam und an der Stelle landete, wo der andere kurz davor noch gesteckt hatte. Wir dachten, dass uns jemand angreift und sind der Flugrichtung des Pfeiles gefolgt. Da tauchte plötzlich mitten in der Luft eine Hand mit einem Pfeil daran. Merry wollte die Hand festhalten, aber er war nicht stark genug und sie verschwand. Als sie wieder erschien, haben wir gemeinsam daran gezogen und dann gab es auf einmal einen Ruck, wir wurden zu Boden geworfen und Ihr lagt auf uns."
Carolin nickte verstehend. Ja, das ergab wirklich Sinn. Die Frage war nur, wie ging es jetzt weiter? Klar, es war cool, dass sie in Mittelerde war, aber im Auenland war sie scheinbar nicht erwünscht. Und sie hatte auch kein Pferd, also war es keine Alternative, sich zum Beispiel nach Gondor zu begeben... Zu Fuß würde sie ganz sicher nicht laufen. Vielleicht war es das Beste, wenn sie wieder verschwand. Im Vierten Zeitalter war doch eh fast nichts los! Also, nicht dass sie lieber irgendwo im Krieg gelandet wäre, aber wahrscheinlich war es ziemlich langweilig hier. Und warum sollte Aragorn, der König, oder irgendjemand anderes sich für sie interessieren? Er würde sie eher für verrückt erklären. Die Elben waren zum Großteil schon nach Valinor gesegelt, Legolas und Gimli vielleicht auch schon... Nein, eigentlich gab es keinen wirklichen Grund, zu bleiben. Und wenn sie Mittelerde verlassen würde, könnte Merry sie auch nicht in den Kerker werfen.
"Wisst ihr, ich glaube, ich sollte lieber wieder gehen. Ich wollte zwar schon immer mal nach Mittelerde, aber ich hab mir das irgendwie cooler vorgestellt. Und wenn ich hier sowieso nicht erwünscht bin...", fasste sie ihre Gedanken in Worte.
Pippin wirkte, als wollte er widersprechen, aber Merry kam ihm zuvor.
"Nun, ich sehe ein, dass ich Euch wohl Unrecht getan habe, wenn ich sagte, dass ihr gegen das Gesetz verstoßen habt. Ihr könnt schließlich nichts dafür, dass Euch dieses... Portal, wie ihr es nennt, ins Auenland geführt hat. Trotzdem gehört ihr hier nicht hin... Ich denke, Ihr habt Recht."
Pippin zögerte einen Moment, nickte aber dann zustimmend.
"Also... Da wir das jetzt geklärt hätten... Wo bin ich gleich nochmal aufgetaucht?"
Die Hobbits schauten sich um. Im Laufe des Gespräches hatten sie sich ein Stück von ihrem Ausgangsort entfernt, und so war Carolins Frage gar nicht so einfach zu beantworten. Schließlich meinte Merry:
"Also, dort in dem Baum am Weg steckt der Pfeil, der mich fast getroffen hätte. Das Tor in Eure Welt müsste sich also in der entgegengesetzten Richtung befinden..." Er drehte sich ein Stückchen und betrachte den Boden. "Und hier sind die Blumen und das Moos niedergedrückt. Das ist die Stelle, wo wir lagen, als Ihr aufgetaucht seid. Dahinter muss demzufolge dieses seltsame Portal sein."
"Gut kombiniert, Sherlock", murmelte Carolin vor sich hin und vergaß dabei, dass Hobbits sehr gute Ohren hatten.
"Was habt Ihr gesagt?", fragte Merry.
"Ähm... Nichts. Also... Das war nur so ein Spruch aus meiner Welt... Nichts Wichtiges", antwortete Carolin, die keine Lust hatte, den Hobbits zu erklären, wer Sherlock war.
Merry zuckte nur mit den Schultern und beließ es dabei.
"Jedenfalls hast du vermutlich Recht. Nun, dann wird es wohl Zeit, sich zu verabschieden...", nahm sie schließlich das Gespräch wieder auf und stellte sich dorthin, wo sie das Portal vermuteten.
Merry und Pippin nickten nur.
"Also... Es war nett, Euch kennenzulernen... Zumindest was dich betrifft, Pippin. Was dich angeht, Merry... Nun, freundlich warst du nicht gerade. Das haben sie in den Filmen anders dargestellt. Oder du hast dich einfach verändert, wer weiß."
Als Merry sie beleidigt und auch ein bisschen verwirrt anschaute, fügte sie nur hinzu:
"Ach, nimms nicht persönlich. Am Ende ist das Ganze hier eh nur ein Traum gewesen. Auf Wiedersehen, ihr beiden... Nein, das passt nicht, wahrscheinlich sehen wir uns nie wieder. Also, ich kann zwar die Filme anschauen, aber das ist was anderes. Ach, was rede ich denn..." Sie schüttelte den Kopf. Unnützes Gerede war eigentlich nicht ihre Art.
"Na, wie dem auch sei, machts gut!"
Sie schaute mit festem Blick auf das Portal, welches sich äußerlich kein bisschen vom Rest des Wäldchen unterschied - so wie es auch bei der Zielscheibe gewesen war. Dann holte sie tief Luft, schloss die Augen, streckte ihren Arm aus und machte einen Schritt nach vorn.

Als sie die Augen wieder öffnete, hatte sich ihre Umgebung kein bisschen verändert. Vor ihr stand ein Baum, die Vögel zwitscherten und neben ihr standen die beiden Hobbits, die sie skeptisch ansahen. Carolin fühlte sich verarscht. Sie schaute ein wenig hilflos zu den Hobbits, zuckte mit den Schultern und sagte langsam: "Tja... Scheinbar ist es doch nicht hier."
"Vielleicht hast du es einfach an der falschen Stelle probiert?", schlug Pippin vor.
Ein plausibler Einwand, wie sie fand. Also suchten sie im Umkreis der Stelle mit dem niedergedrückten Gras nach dem Portal. Leider konnten die Hobbits ihr nicht wirklich dabei helfen, denn es konnte ja sein, dass das Portal nur ihr Zutritt gewährte und Merry und Pippin es gar nicht bemerken würden. Und außerdem hatten sie auch keine Lust, ausversehen in einer anderen Welt zu landen. Carolin fühlte sich unangenehm an ihre Suche nach dem Pfeil erinnert. Dieses Gefühl wuchs noch, als sie die Suche schließlich abbrechen mussten. Das Portal schien wie vom Erdboden verschluckt.
Carolin stampfte wütend mit dem Fuß auf. "Das darf doch nicht wahr sein! So ein Mist! Jetzt muss ich doch in Mittelerde bleiben!"

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