Jennilynn

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Ich kniete vor dem Grab meiner Eltern. Meine Schwester Elena-May weinte. Es war so herzzerreißend, dass ich auch anfangen musste. Schließlich heulten wir im Chor.

Meine Schwester sah mich mit Tränen in den Augen an, als wollte sie sagen: „Du kannst doch immer alles. Hast für mich gesorgt. Mach dass sie wieder leben!"

Aber auch wenn ich immer für May gesorgt habe, Tuberkulose konnte ich nicht heilen. Unsere Wohnung hatte zwei Zimmer. Eins für unsere Eltern uns eins für uns. Zusammen gegessen haben wir auch nie. Unsere Eltern wollten uns schützen. Deshalb waren sie nie in unserer Nähe. Deshalb waren wir nicht krank. Oh, wie ich sie liebte. Und May erst.

Das billige Holzkreuz schwankte gefährlich hin und her, bis es schließlich ganz umfiel.

Voller Respekt hob ich es behutsam auf und bohrte es - nicht ganz so behutsam - wieder in die Erde.

„Jenni?", fragte mich May. „Jenni, warum sind sie tot?"

„Das verstehst du noch nicht, May."

„Mami hat mich immer May genannt", sagte sie und brach wieder in Tränen aus.

Ich konnte das nicht mit angucken.

Ich zog sie am Arm und nahm sie mit in die Wohnung, auf dessen Flur uns der Hausmeister gehässig anguckte. Ich erschrak fürchterlich.

„Was machen sie in meiner Wohnung?"

„Eltern gestorben, was?", sagte er, ohne auf meine Frage zu reagieren.

„Ja", antwortete ich ungerührt, obwohl es in mir brodelte.

„Und sie haben dir kein Geld hinterlassen, was?", fragte er und fegte weiter den Boden.

Nein. Haben sie nicht. Ich wollte es eigentlich auch nicht zugeben, aber was blieb mir weiter übrig?

„Nein. Haben sie nicht."

„Ja, aber diese Wohnung kostet Geld, Kleines. Also zieh Leine", sagte er und fegte weiter.

So eine Unverschämtheit! Was bildete sich der Typ nur ein?

„Aber meine Eltern müssten doch die monatliche Miete schon längst abgezahlt haben!"

„Tut mir Leid, Mädel. Waren nicht gerade die reichsten Leute, deine Eltern. Und jetzt geh. Und nimm dieses Häufchen Elend da mit. Tschüss!"

Mit dem Häufchen Elend meinte er Elena-May, die zitternd da stand, während ich ihr : „Alles wird gut" ins Ohr flüsterte. Da wir eh keine besonderen Sachen in der Wohnung hatten, brachen wir auf.

Gut 5 Stunden liefen wir. An einem Brunnen fanden wir Wasser, allerdings hatten wir Hunger.

Wir kamen an einer großen Villa vorbei.

„Wir können doch klopfen und fragen, ob wir etwas zu Essen kriegen!", sagte May.

„Nein, May, die geben uns nie und nimmer was", versuchte ich sie von ihrer Idee abzuhalten, aber sie war schon losgelaufen und hatte geklingelt.

Ein schlanker, blonder Junge mit leichten Locken in seinen Haaren machte auf. Ich starrte ihn an. Und er starrte mich an. Dann starrte er May an und fragte barsch: „Was willst du?"

May antwortete: „Ich bin Elena-May. Meine Schwester Jennilynn", sie machte mit ihrem Arm eine Bewegung in meine Richtung, „und ich, wir haben Hunger. Hast du was?"

Oh Gott. GIGA-FACEPALM. Der Junge sah mich ungläubig an und ich wäre am liebsten im Erdboden versunken. Umso erstaunter war ich, als er May und mich hereinbat.

Das Wohnzimmer war riesig. Eine riesige Laterne stand neben einem Mannshohen Bücherregal, und ein großer Flachbildfernseher strahlte uns entgegen. Die Decke wurde von griechisch anmutenden Säulen getragen, und in der Mitte stand ein Glastisch für mindestens 12 Leute.

Wir machten uns auf die Sachen her, die uns der Junge gegeben hatte, bis seine Mutter rief.

„Sam, was machen bitte zwei Bettlerinnen in unserem Haus!?"

15 MilliardenWo Geschichten leben. Entdecke jetzt