17.

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Langsam kam Francis mir immer näher, unsere Nasenspitzen berührten sich fast. Noch ohne bevor ich einen klaren Gedanken fassen konnte, legte er sanft seine Lippen auf meine. Ich erschrak leicht und riss meine Augen auf, doch gleichzeitig war das wohl das schönste Gefühl, das mich bis jetzt erfüllt hatte. Ohne einen Protest zu erwidern, schloss ich wieder meine Augen. Francis griff in mein Haar und zog mich nur noch fester an sich. Etwas ungeschickt klammerte ich mich an seine Brust und krallte mich in den festen Stoff seines Hemdes. Sanft bewegte er seine Lippen leicht auf meinen. Leise seufzend klammerte ich mich noch fester an ihn. Ich wusste nicht wie lange wir in dieser Position verharrten, doch irgendwann lösten wir uns nach Atem ringend voneinander.

Wir sahen uns lange an, unfähig ein Wort zu sagen. Allmählich senkte Francis seinen Blick und griff nach meinen Händen. 

"Ich hätte das nicht tun sollen", begann er und innerlich staute sich meine Wut an, "Ich bin ein verheirateter Mann und habe euch lediglich versprochen euch von hier fort zu bringen"

Ich schluckte die aufkommende Wut so gut es ging runter und setzte eine halbwegs gleichgültige Miene auf.

"Ihr habt Recht", log ich und zog meine Hände aus seinem Griff. 

Ohne mich noch einmal nach ihm um zusehen, stand ich auf und strich die Falten meines Kleides glatt. Ich brauchte unbedingt ein Bad und ein frisches Kleid. Das Unwetter schien wohl wieder vorbei gezogen zu sein, denn das Schiff wankte immer mal wieder nur leicht zur Seite. 

"Ich denke, es ist das Beste, wenn ihr jetzt geht", bemerkte ich kühl, meine Hände vor der Brust verschränkt. 

Francis stand etwas verunsichert auf und sah mich schuldbewusst an. Er schien nach Worten zu suchen um mich zu besänftigen, doch anscheinend fielen ihm keine ein. Er schüttelte den Kopf und ging zur Tür. 

"Es tut mir wirklich leid", sagte er nochmal und verließ dann das Zimmer. 

Ich ließ mich auf den Diwan fallen und schluchzte laut auf. Wieso musste er, denn auch verheiratet sein? Und wieso schien das Schicksal sich bei jeder romantischen Auseinandersetzung einen Spaß zu erlauben? Ich hörte es schon laut ins Fäustchen lachen. Mein Blick huschte zu dem kleinen Fenster der Kajüte. 

Es begann schon zu dämmern und ich spürte die aufkommende Müdigkeit. Der Tag war auch wahrlich eine einzige Strapaze gewesen. Ich griff nach der braunen Decke, die auf dem Diwan lag und breitete sie über mich. Es war jetzt wohl das beste den Tag einfach hinter sich zu lassen.

Das Unwetter schien wohl doch nicht ganz vorüber. Im Liegen spürte ich noch mehr wie das Schiff immer wieder von einer Seite zur anderen wankte und auch der Regen hämmerte wieder gegen das Fensterglas.

Meine Gedanken schwirrten zu meinem Vater. Ob er dort unten sicher war? Vielleicht war er gar nicht mehr am Leben? Wie sie ihn dort unten wohl behandelten? Bei diesem Gedanken wurde mir mulmig im Magen und auch das Schaukeln des Schiffes machte es nicht besser. Ich überlegte kurz wieder aufzustehen, aber verwarf den Gedanken dann wieder. Sie würden nur denken, ich wäre ein hysterisches Weib. 

Ich kuschelte mich so gut es ging in die warme Decke und schloss meine Augen. Etwas Schlaf würde mir jetzt bestimmt gut tun. 

Ich wusste nicht wie lange ich geschlafen hatte, doch als ich die Augen wieder aufschlug war es finster in der Kajüte und nur das Mondlicht schien leicht durch das Fenster. Draußen stürmte es immer noch und es schien auch nicht besser werden zu wollen. Es war unbeschreiblich kalt in dem Zimmer, sodass ich die Decke so eng es ging um mich wickelte. Vielleicht gab es hier noch eine Decke? Ich stand langsam auf und erschrak direkt, denn der ganze Boden war eiskalt und bis zu meinen Fußknöcheln mit Wasser bedeckt. 

Irgendetwas stimmte hier nicht. Durch die Wände drangen laute Stimmen und es klopfte wieder an Richards Tür. Ich hörte schnellen Schritte auf dem Holzboden und wie jemand aufgebracht mit jemandem diskutierte. Zitternd watete ich auf die Truhe und wurde dann mit einem Mal heftig gegen die Wand gedrückt. Das Schiff wankte so sehr, dass auch der Stuhl umkippte und zu mir rutschte. 

Das Fenster sprang auf und eiskalte Seeluft wehte in das Zimmer. Und auch der prasselnde Regen wurde lauter. Ein Donnergrollen erfasste das Schiff und ich zuckte zusammen. Ich entschied mich, doch wieder dafür nach draußen zu gehen und Richard oder Francis zu suchen. Im Moment waren mir beide gleichgültig.

Das Schiff neigte sich wieder gefährlich zur Seite, sodass ich das Gleichgewicht verlor und an die Wand rutschte. Ich war bis zu meiner Taille durchnässt. Frierend richtete mich auf und versuchte so schnell wie möglich zum Fenster zu waten. Ich musste es schließen. Das Schiff wankte wieder und ich rutschte zu Boden. 

Für einen Außenstehenden musste es wohl wirklich amüsant gewesen sein mir zu zusehen wie ich versuchte zum Fenster zu waten. Nach einer gefühlten Ewigkeit hatte ich mich dahin gekämpft und stemmte mich mit aller Kraft gegen das Fenster und den Wind. Draußen war der Himmel fast schwarz und immer mal wieder durchzogen hellleuchtende Blitze den Horizont. 

Ich seufzte erleichtert aus und bewegte mich so schnell es ging zur Tür. Mit einem lauten Krachen schlug das Fenster wieder auf und ein Schwall Wasser ergoss sich auf dem Boden. Ich hörte jemanden meinen Namen rufen und auch wie die Zimmertür aufgestoßen wurde.

Ich hatte das Gefühl die Umrisse von Richard zu erkennen. Ich rannte mit schnellen Schritten auf ihn zu, doch im gleichen Moment kam ein Schwall Wasser aus dem Fenster und drückte uns zu Boden. Ich krallte mich hilfesuchend in sein Hemd und schnappte nach Luft.

Mein einziger Gedanke war, dass ich noch nicht sterben wollte.

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⏰ Letzte Aktualisierung: Feb 27, 2020 ⏰

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Die Tochter des BauernWo Geschichten leben. Entdecke jetzt