11. Kapitel

14 1 0
                                        


"Woah, woher kam das denn?!"

"Sorry, ich hätte das nicht tun sollen... Du darfst mich ruhig gleich dafür schlagen, aber lass mich bitte erst erklären, ok?"

Ich hebe schnell die Hand, als er zum Sprechen ansetzt und schneide ihm so das Wort ab.

"Meine Flügel sind ca. zehn bis zwanzig mal so empfindlich wie die menschliche Haut, aber nicht nur berührungsempfindlich, sondern auch besonders... sagen wir mal sensitiv bei Berührungen von Menschen, denen ich traue und die mich... interessieren."

Er lächelt mich an und legt mir eine Hand an die Wange.

"Ich würde dich doch nie schlagen, mein Engel. Vor allem nicht, nur weil du mich geküsst hast! Obendrein habe ich es ja auch noch gemocht - falls du's nicht gemerkt hast - ich hab den Kuss ja erwidert. Allerdings dürfen wir die Wachen nichts von 'uns' wissen lassen."

Ich schüttle den Kopf und lache leise vor mich hin.

"Ich bin der Letzte, von dem die was erfahren", erwidere ich bitter.

Sofort blickt er mich besorgt an und kneift bedrohlich die Augen zusammen. Wütend verlangt er zu wissen:

"Wen muss ich umbringen? Wer hat dir wehgetan, mein Engel? Waren es die Wachen?! Die werden den morgigen Tag nicht erleben!"

Er läuft langsam rot an und auch die Ader an seinem Hals scheint ungesund anzuschwillen, doch ich weiß, das sich sein Zorn hundertprozentig auf die Wachen und nicht mich bezieht.

"Du musst niemanden umbringen Zombey, das damals... Das wär wirklich nichts."

"Also, 'Nichts' sieht aber ganz anders aus Dado, du weinst ja!"

Ich fasse mir an meine Wange und tatsächlich, als ich meine Hand wieder wegnehme, kann ich erkennen, dass Tränen meine Fingerkuppen benetzen. Ich blinzle ein paar mal schnell hintereinander und muss feststellen, dass mir darauf noch mehr heiße Tropfen das Gesicht hinunterlaufen. 

"Glaub mir Micha, es ist sowieso zu spät. Aber er hat bekommen, was er verdient, dafür hat ein ehemaliger Freund von mir gesorgt."

Er dreht den Kopf zu mir und blinzelt, langsam verschwindet auch die Wut aus seinem Gesicht und sein Blick wird wieder klarer, doch er macht nicht den Eindruck, als würde er meine Reaktion so schnell wieder vergessen. Ganz im Gegenteil: Er scheint geradezu so, als sinne er auf Rache. Trotz meines Beteuerns, dass ich ok bin.
Ich bin mir sicher, sobald er nur herausgefunden hat, wer mir damals etwas angetan hat, sollte dieser jemand möglichst schnell rennen. Und ich meine, wirklich schnell. Blitzschnell.

Leicht schüttle ich den Kopf, um die Gedanken und Erinnerungen darüber, was damals geschehen ist, loszuwerden. Zombey blickt mit einem nachdenklichen Ausdruck an die Wand gegenüber, wendet sich dann aber sofort wieder mir zu und lächelt leicht.

"Ich vergesse immer wieder, wie schön du doch eigentlich bist, Engel."

Mit diesen Worten nimmt er mein Gesicht in seine Hände und küsst mich sanft. Schon vergesse ich völlig, was ich ihn gerade noch fragen wollte.

*Timeskip nachdem sie ein bisschen geknutscht haben*

"Ich muss jetzt leider los Süßer, die Pflicht ruft."

Als er mein überaus enttäuschtes Gesicht sieht, fügt er noch an:

"Glaub mir, ich würde viel lieber hier bei dir im Bett bleiben und dich weiter anbeten, aber ich muss zum Training."

Ich ziehe einen kleinen Schmollmund, nicke aber verstehend und gebe ihm einen süßen Abschiedskuss. Er zwinkert mir noch ein letztes Mal zu und verschwindet - wie immer lautlos - durch die Türe. Jetzt, da er weg ist, fällt mir wieder der Zettel des Fremden mit den schwarzen Haaren ein. Nachdem ich mich ins Bad zurückgezogen habe (der einzigen Ort, den keine Kameras überwachen), ziehe ich das Papier aus meiner Hosentasche und Falte es voller Erwartung auf.
Darauf steht nur ein einziges Wort:

Flieg.

P. O. V Schwarzhaariger Fremder

Ich kann nur hoffen, dass der Junge mit den Seidenhaaren meinen Zettel gelesen hat und versteht, was ich meine. Sonst wird er nur so enden wie ich.
Verraten.
Verletzt.
Verstümmelt.
Niemand braucht mich mehr, geschweige denn will mich. Nicht, nachdem sie mit mir gespielt haben. Sie haben mir Liebe geschenkt, ein Leben und einen Sinn, eine Daseinsberechtigung.

Nur, um mich dann umso tiefer fallen sehen zu können, als sie mir all das und noch viel mehr wegnahmen.

Sie haben mir alles genommen, wirklich alles.
Mein Glück,
Meine Liebe,
Meinen Freund.

Meine Flügel

Du hast das Ende der veröffentlichten Teile erreicht.

⏰ Letzte Aktualisierung: Feb 19, 2020 ⏰

Füge diese Geschichte zu deiner Bibliothek hinzu, um über neue Kapitel informiert zu werden!

Kalt und grausam? Wo Geschichten leben. Entdecke jetzt