Schwarze Augen

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Jemanden zu lieben, ist eine Entscheidung. Eine Entscheidung, auf die wir selbst keinen Einfluss haben. Sie zwingt uns zu etwas, dass wir sonst nie getan hätten. Zwingt uns dazu, uns selbst ein wenig aufzugeben, und sich damit dem anderen ein wenig mehr hinzugeben. Sie bringt uns zum lachen, zum weinen, zum lächeln, zum trauern.

Dies alles lässt sich beinahe lächerlich kurz in einem Wort, fünf Buchstaben und zwei Silben zusammenfassen.

Liebe.

Spricht man es aus, klingt es fast ein wenig aufdringlich. Die Sanftheit, die viele hineininterpretieren, wird von dem langen „i" genommen.

Jeder liebt verschiedene Dinge. Sein Auto, das Haus, Geld, Kinder, Ehepartner, Essen, Sport. Man kann alles lieben.

Man sagt es in verschiedenen Tonfällen. Gehässig, verträumt, wütend, traurig, gelangweilt, hysterisch, fröhlich.

Und jeder denkt an etwas anderes, wenn er oder sie das Wort hört.

Ich denke an ihn.

Auf einmal war er dagewesen, wie eines der Pop-Up Fenster im Internet.

Nur war er nicht aufdringlich. Er verschmolz mit dem Hintergrund. War nur ein leichter Schatten auf dem Bild.

Doch gerade dies machte mich neugierig.

Jungs kannte ich nur lustig, laut, aggressiv, selbstbewusst.

Wie wenig ich damals gewusst hatte, brings mich heute zum Lachen. Einem abfälligen, spöttischen Lachen.

Damals war er mir wie ein Widerspruch gegen mein eigenes Weltbild erschienen. Was er auch gewesen war.

Stumm, blass, müde, allein.

Mit den Augenringen, der grauen Gesichtsfarbe und der schwarzen Kleidung hatte ich ihn schnell als Drogenabhängigen abgestempelt. Abfällig hatten meine Freundinnen und ich auf ihn gezeigt und gelästert.

Dann hatte er sich umgedreht und mir in die Augen geschaut.

Bis jetzt kann ich mir nicht erklären, was damals geschehen war. Täglich sah man einem Menschen in die Augen. Entweder im Gespräch, zur stummen Kommunikation oder einfach um das Gegenüber abschätzen zu können.

Doch dieses eine Mal war mir der Atem weggeblieben.

Die Augen hatten stumm in meine geschaut. Sie waren so schwarz gewesen, dass es mir vorkam als würden sie mich aufsaugen. Hinaus aus meiner Welt, hinein in seine undurchdringbare, finstere Ansammlung von Gefühlen, die ich bis heute nicht verstehen kann.

Dies war das einzige Mal gewesen, dass wir Blickkontakt gehabt hatten.

Doch diese paar Sekunden in meinem Leben hatten dieses komplett umgewandelt.

Von da an hatte ich ihn heimlich aus dem Augenwinkel beobachtet. Hatte versucht, immer in seiner Nähe zu sein.

So war es mir beinahe vorgekommen als würde ein Teil meiner Selbst fehlen, als er plötzlich nicht mehr in der Schule gewesen war.

Niemals hatte ich oder sonst jemand ihn wieder zu Gesicht bekommen.

Vielleicht war er weggezogen. Weggelaufen. Tot. Ich weiß es nicht.

Doch eins ist mir klar geworden.

Obwohl ich ihn nicht gekannt hatte, nie ein Wort mit ihm gewechselt hatte, nichts über ihn gewusst hatte, ich liebe ihn.

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