Kapiel 10

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Mein Handy klingelte seit drei Tagen pausenlos. Ich musste nicht rangehen, nein ich wusste dass es er war. Können Handys von allein das Läuten verändern, wenn die Person, die man am liebsten auf den Mond schießen würde, anruft? Von dieser Theorie war ich fest überzeugt, denn mein einst fröhlicher Klingelton war einer unerträglichen Aneinanderreihung von Tönen gewichen, die mich jedes Mal zusammenzucken ließ wenn sie ertönte. Ob das nun Einbildung war oder nicht, ich hatte keine Lust mit Liam zu sprechen. Was hatten wir uns auch noch groß sagen? Vielleicht „ Ihr seht euch aber auch verdammt ähnlich!" oder noch schöner „Ich finde du bist eindeutig die bessere im Bett". Nein danke, darauf konnte ich gut verzichten. Natürlich hatte ich Jose bereits längst ausführlich und mit all den mir bekannten Schimpfwörtern, Flüchen und Drohungen von meinem „unerfreulichen" Zusammentreffen erzählt. Sie war ganz außer sich als ich fertig war und ich erfuhr, dass Jose noch viel mehr Beschimpfungen auf Lager hatte als in meinem Wortschatz vorhanden war. Zwischendurch fluchte sie sogar auf Chinesisch ins Telefon, was mich schwer beeindruckte. Nach gefühlten vier Stunden mit Mordplänen und Verwünschungen ging es mir schon etwas besser. Ich hoffte die Nachbarskinder hatten sich währenddessen ihre Ohren zugehalten, ansonsten hätte ich bald zwei an Herzinfarkt leidende Eltern in meinem Haus, und die Rettungssirenen brauchte ich zurzeit nicht. Es hatte inzwischen wieder angefangen zu regnen wodurch mir meine Wohnung mittlerweile immer kleiner vorkam. Jose war erst wieder in zwei Tagen zurück, Misha schlief bei schlechtem Wetter immer und ich hatte all meine Bücher schon dreimal durch. Die Optionen die mir noch blieben schrumpften dauernd weiter bis ich mich schließlich nur noch mit Serien ablenken konnte, worüber sich meine Augenringe freuten und stets weiter wuchsen. Nicht dass ihr mich jetzt falsch versteht, ich liebte meine Serien über alles! Sie waren wie zweite Welten für mich, mit besseren und vor allem spannenderen Geschichten welche auf unserer Erde nie Wirklichkeit werden konnten. Für ein Mädchen wie mich, das schon seit Ewigkeiten in diesem langweiligen Kaff verrottete, waren Serien und Bücher wie Rettungsringe auf hoher See. Jose sah das genauso. Zusammen galten wir als die größten Serienjunkies unseres Jahrgangs und wahrscheinlich waren wir auch die größten der gesamten Schule, doch über meinen Ruf wusste ich eigentlich nichts. Ich kannte ja auch fast niemanden. Nicht dass es mich gestört hätte. Mir Namen zu merken war nie eine meiner Stärken gewesen weshalb mein Bekanntenkreis klein und schön übersichtlich war. Da gab es nur meine Klasse, einige Mädchen aus meinem alten Schwimmteam (eine der unzähligen Sportarten die ich begonnen und gleichzeitig wieder aufgegeben hatte), der Postbote und natürlich Malcolm. Als ich gerade tief in Gedankenversunken die nächste DVD einlegen wollte, klingelte es plötzlich und Misha schreckte aus dem Schlaf hoch. Grantig maunzte er mich fragend an als ob er wissen wollte welcher Idiot ihn so eben aus den Träumen gerissen hatte. Es klingelte ein zweites Mal. Ich war völlig perplex und rührte mich keinen Millimeter, wagte es nicht einmal zu atmen. Mein Handy war es nicht, soviel war sicher denn ich hatte es nachdem Gespräch mit Jose ausgeschaltet um seinem Gänsehaut verursachenden Läuten aus dem Weg zu gehen. Also musste wohl jemand an der Haustür stehen, was nun wirklich seltsam war. Ich erwartete weder Besuch, noch hatte jemals wirklich welchen. Die einzige Besucherin war Jose, doch die konnte es unmöglich sein. „Liam...?" überlegte ich für einen Moment doch verwarf den Gedanken gleich wieder. Wenn er nicht gerade ein Stalker war, konnte er ja gar nicht wissen wo ich wohnte. Oder vielleicht doch? Was hatte ich ihm in jener Nacht alles erzählt? Ich wusste es nicht, und würde es wahrscheinlich auch nie. Vorsichtig stand ich von meiner Bettkante auf, was ein schrecklich verräterisches Knarzen verursachte. Ein drittes und diesmal langgezogenes Klingeln ertönte ungeduldig, als ob es sagen wollte: „Komm endlich raus!". So leise wie möglich schlich ich zum Türspion gefolgt von einem immer noch schläfrigen aber inzwischen neugierig gewordenen Misha. Leider knarzte der Fußboden unter meinem Gewicht bei jedem Schritt laut auf, was das Anschleichen erschwerte. Jemand räusperte sich auf der anderen Seite der Tür auffällig laut, als ob er genau wüsste dass ich zuhause war und ich hatte nun keine andere Möglichkeit mehr als sie zu öffnen. Noch einmal tief eingeatmet und ich zog das schwere, knarzende Ding mit einem Ruck auf.  „Puh! Du bist es nur, " entschlüpfte es meinen Lippen als ich Malcolm vor mir stehen sah. „Da hast du Glück gehabt, ein viertes Mal hätte ich nicht mehr geklingelt. Und was heißt hier bitteschön „nur"? Hattest du jemand besseren erwartet?", kam es herausfordernd von ihm zurück und seine Augen fingen an zu glitzern. Da erst fielen mir seine Augen auf. Sie hatten eine wunderschöne eisblaue Farbe mit kleinen, bronzenen Sprenkeln. Als er meinen Blick bemerkte fragte er irritiert: „Äh, ist irgendwas?" Kein Wunder, vor lauter Faszination hatte ich ihn die ganze Zeit nur mit großen Augen angeglotzt als käme er von einem anderen Planeten. Schnell schüttelte ich mich und erwiderte: „Hey, du stehst schließlich vor meiner Tür und klingelst Sturm!" Ein spöttisches Grinsen machte sich auf seinem Gesicht breit von dem ich mich sofort anstecken lies.  Belustigt lächelte er: „ Eigentlich wollte ich nur sicher gehen ob die Mordfantasien ein Ende gefunden haben, es sind schließlich Kinder im Haus!" „Oh bitte vielmals um Entschuldigung, an dich hab ich gar nicht gedacht Knirps!" Sein Grinsen wurde größer: „ Ich hab außerdem vorher Chinesisch bestellt, aber der Idiot hat mir eine Lieferung für zwei gebracht. Du hast nicht zufällig Lust auf asiatische Küche?" „Heute muss wohl dein Glückstag sein! Zufällig hat sich mein Terminplan gerade verschoben." Misha zwängte sich plötzlich zwischen meinen Beinen hindurch und strich an Malcolms Beinen entlang. Er strich ihm zärtlich über den kleinen Kopf, was Misha in glückliches Schnurren entlockte. „Warte nur kurz,  ich füttere noch Misha und dann können wir gehen." Schnell verschwand ich zusammen mit meinem kleinen Kater in der Wohnung und kehrte fünf Minuten später wieder zurück. „So bereit", sagte ich fröhlich und Malcolm hielt mir übertrieben elegant seinen Arm zu Verfügung. Lachend verschwanden wir im Treppenhaus. 


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⏰ Last updated: Jan 17, 2016 ⏰

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