2. Kapitel

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Mit zittrigem Finger drückte Harry die Klingel zu dem alten Backsteinhaus seines besten Freundes, Joshua. Es dauerte einige Sekunden bis sich die Türe öffnete und eine farbige, hübsche Frau im Türrahmen zeigte. Es war Chloe, Joshuas Langzeitfreundin, und sie war ursprünglich aus Amerika, doch lebte nun seit einigen Jahren in England.

"Harry! Schön, dass du.. oh warte, ist alles okay?" Noch ehe er antworten konnte, brach er erneut in Tränen aus und fand sich sogleich in einer Umarmung wieder.

Sie betraten gemeinsam und sich noch immer aneinander festklammernd das Haus. "Shh, Harry...", flüsterte sie ein wenig unbeholfen und drückte den zitternden, weinenden Mann näher an sich.

"Schatz, wer war da an... oh." Joshua hatte den Raum betreten und somit war seine Frage automatisch geklärt worden. Harry löste sich vorsichtig aus Chloes Umarmung und sah seinen besten Freund aus traurigen, rot umrahmten Augen an.

"Was ist los? Ist alles okay mit Josephine und Louis?"

Und das waren genau die Worte, die Harry brauchte, um erneut in Tränen auszubrechen und dieses unheimlich schmerzende Gefühl von Trauer, Schuld und Angst in seiner Brust zu spüren.

Ihm schnitt es gerade zu die Luft ab, wenn er das Bild von seinem Verlobten und ihrer gemeinsamen Tochter vor seinen Augen hatte.

"Ich hasse mich, ich hasse mich so s-sehr", brachte er verzweifelt unter Schluchzern hervor, "ich habe alles kaputt gemacht. Ich hasse mich so unglaublich."

Joshua tauschte einen kurzen Blick mit seiner Freundin aus, bevor er Harry vorsichtig bei der Hand nahm und ihn mit sich in das Wohnzimmer zog.

"Was ist passiert?", fragte er mit leiser, behutsamer Stimme und ließ sich auf dem Sofa nieder.

Also bemühte Harry sich zusammenzureißen und alles zu erzählen. Er schämte sich so unglaublich, als er von dem verhängnisvollen Sex mit der Unbekannten redete und dem Moment als Louis ihn anflehte zu bleiben, obwohl er selbst doch derjenige war, der einen viel größeren Fehler begangen war.

Danach war es für einen Moment still und Harry hatte Gefühl, als müsste Joshua sich zurückzuhalten, um ihm nicht eine zu scheuern.

Angebracht wäre es.

"Scheiße, Haz. Fuck, du hast so eine verdammte Scheiße gebaut", murmelte er leise und Harry nickte nur weinend. Er wusste es, natürlich wusste er es und ihm war genauso klar, dass er die letzte Nacht nicht rückgängig machen konnte.

"Ich weiß. Ich weiß, Joshi, f-fuck, ich weiß." Sein eigenes Schluchzen drückte schmerzhaft auf seine Ohren, direkt in seinen Kopf.

Es tat weh, es tat unglaublich weh, aber er hatte es so verdient.

Wenn er nur daran dachte, wie es Louis erst gehen musste...

Er würde ihn gerade so verdammt gerne trösten, ihn an sich drücken, seine Wangen streicheln, ihm beruhigend zusummen, federleichte Küsse auf seiner Stubsnase verteilen und ihm immer wieder zuflüstern, dass er ihn liebte.

Doch Louis würde das niemals zulassen, niemals wieder.

~

Louis konnte schon wieder nicht schlafen. Er war zwar ausgepowert und müde von all dem Weinen, aber ohne Harry und stattdessen mit den Gedanken, wie sein Exverlobter mit jemand anderem schlief, im Kopf fand er einfach keine Ruhe.

Um sich nicht ganz alleine zu fühlen hatte er Josephine mit zu sich in das halbleere, doppelte Himmelbett genommen. Harry hatte dieses Bett geliebt, es war schon immer sein Wunsch gewesen umhüllt von Seide und eng an Louis gekuschelt zu schlafen.

"Ich hasse ihn. Ich hasse ihn so sehr, Phine, und trotzdem liebe ich ihn über alles", flüsterte er mit tränenerstickter Stimme, mehr zu sich selbst als zu seiner Tochter. "Es war alles immer perfekt, dachte ich. Ich war mir doch so sicher, dass er uns liebt."

Er redete sich leise, weinend und so unendlich verletzt selber in den Schlaf. Er redete darüber, wie sehr er Harry hasste, wie unnötig er war und wie sehr er ihn brauchte. Seine Worte ergaben keinen Sinn, doch auch das war nicht wichtig, wenn da niemand war der einem hätte zuhören können.

~

Es war erst halb 8, als Harry aus seinem unruhigen Schlaf aufwachte. Zunächst hatte er routinemäßig mit seiner Hand das Bett rechts neben ihm abgetastet. Doch da war nichts.

"Louis", krächzte er leise, als ihm wieder die Gedanken und Bilder vom vorherigem Tag in den Sinn kamen. Er begann wieder zu weinen, klammerte sich an seine Bettdecke und begann die Tränen aus seinem Gesicht zu schlagen. Er sollte Schmerzen spüren, er sollte leiden.

Noch nie in seinem Leben hatte er einen derartigen Hass aufgebracht und dass dieser auch noch gegen sich selbst war, fühlte sich so scheußlich und dennoch gerecht an.

Er blieb eine weitere halbe Stunde weinend im Bett liegen, bis er sich dazu entschloss, Louis anzurufen. Er musste einfach seine Stimme hören. Zunächst versuchte er es über Festnetz, doch sein Klingeln wurde am anderen Ende der Leitung ignoriert, also wählte er die Nummer von Louis' Handy. Die sanfte Stimme des Mannes, den er über alles liebte, erklang tatsächlich nach einigen Sekunden, doch anders als erhofft nur über die Mailbox. Harry beschloss schließlich direkt zu Louis zu fahren.

Nervös stieg er aus Joshuas Auto, das er sich von ihm geliehen hatte, und schloss die Türen ab. Mit langsamen, kleinen Schritten näherte er sich der Haustür seines früheren Zuhauses. Er hatte überhaupt nicht darüber nachgedacht, was er zu Louis sagen wollte, aber vielleicht war er auch einfach hier, um sicherzugehen, dass es ihm und Josephine gut ging. Er drückte schließlich die Klingel, trat einen Schritt zurück und wartete. Das Haus wirkte leerstehend, kein Licht brannte und doch hörte er nach einer knappen Minute Schritte auf der anderen Seite der hölzernen Tür. Harrys Blick blieb starr nach vorne gerichtet, als er nervös lauschte, wie Louis näher kam. Die Tür öffnete sich und die beiden ehemals Verlobten standen sich gegenüber. Louis' verweinten Augen weiteten sich. "Nein, nein, nein. Nicht, Harry, nein", stammelte er aufgebracht und versuchte die Tür zu schließen. Harry stellte schnell seinen Fuß in den Türschlitz und streckte dabei seine Hände vorsichtig ein Stück in Louis' Richtung. "Louis, bitte", flehte er leise. Er wusste nicht einmal, um was er genau bat. Vielleicht darum, dass Louis ihn hineinbat? Ihm sofort verzieh? Ihn doch heiratete?

Er konnte nichts von dem fordern, das wusste er selber, doch für diesen Moment wollte er einfach hier bleiben, in Louis' Augen blicken und das Lachen ihres gemeinsamen Kindes leise aus dem Wohnzimmer hören.

"Geh, Harry." Louis wollte Harry hier haben, das wollte er immer, aber so funktionierte es nicht mehr. Es hatte sich etwas zwischen ihnen geändert und das mussten beide akzeptieren. "Merkst du nicht, dass du alles noch schlimmer machst?", flüsterte Louis mit krächziger Stimme. Harry blieb, wo er war und sah dem Keinere direkt in die Augen.

"Ist alles o-okay bei euch? Geht es euch gut?", fragte er leise und bereute es sofort, als in Louis' Augen Wut aufblitzte. "Verdammt, was erwartest du?", schrie er, bevor er den Lockenschopf aus seinem Türrahmen schubste und die Haustür zuschlug.

Weinend lief er ins Wohnzimmer, versuchte die Tatsache, das es wehgetan hatte, Harry zu sehen, zu verdrängen und nahm Josephine auf den Schoß. "Hey, meine Kleine. Was machen wir heute schönes, hm?!", flüsterte er leise, die Tränen, die auf das Gesicht des Babys tropften, nicht beachtend. "Wir könnten in den Park gehen, E-Enten füttern! Oder vielleicht li-lieber ein Puzzle machen?", stotterte er, den Blick auf seine Tochter gerichtet. Josephine beachtete ihn kaum, sondern ließ ihren Blick stattdessen durch den Raum wandern. Louis schluchzte erneut auf, bevor er aufgab, sich Ideen für den bevorstehenden Tag zu überlegen.

Ohne Harry würde ja doch nichts funktionieren.

Never stopped loving youWo Geschichten leben. Entdecke jetzt