I'ᴍ ɴᴏᴛ ᴀs sᴛʀᴏɴɢ ᴀs ɪ ᴡᴀɴᴛ ᴛᴏ ʙᴇ. Bᴜᴛ ᴛʜᴀᴛ's ᴏᴋᴀʏ.
"Hallo Lucian, schön dass du wieder da bist." begrüst mich meine Therapeutin mit einem Lächeln im Gesicht.
Ich würde sie gerne nervig finden, aber dafür ist sie einfach zu nett. "Hallo." antworte ich schlicht.
"Für heute hab ich mir etwas Anderes überlegt. Wir werden wir uns heute von deinem Ärger und deinen Ängsten befreiem, zumidest probieren wir, damit anzufangen. Und zwar gebe ich dir einen Teller und du schreibst alle Dinge die dir Angst machen, die dich wütend machen darauf und wenn du dich bereit fühlst dann zerschmetterst du ihn. Verstanden?"
Ich nicke. Und doch frage ich mich, wie das gehen soll. Wie kann ich meine Wut so loswerden?
Frau Lotus gibt mir einen großen, weißen Teller. Und mehrere Stifte. Und ich fange einfach an.
Ich bin sauer auf meinen Bruder, dass er mich verlassen hat. Dass er mich hier gelassen hat, und dass ich nicht bei ihm sein darf. Ich bin sauer auf meine Eltern, weil sie nicht da waren, als ich sie am meisten brauchte. Ich bin sauer auf Louis, weil er nicht mit meinem Bruder zusammen nach hause gefahren ist.
Aber am allermeisten bin ich sauer auf mich selbst. Ich hasse es, dass ich nicht loslassen kann. Ich hasse es, dass ich mich in Erinnerungen verliere. Und ich hasse mich dafür, das ich so schwach bin.
Und ich schreibe auf, dass ich Angst habe. Eine riesige Angst vor dem Leben alleine. Eine riesen Angst davor, dass mir weitere Menschen genommen werden. Dass ich Angst habe davor, Menschen an mich heranzulassen. Und dass ich manchmal Angst vor mir selbst habe.
Als ich fertig bin, fragt sie mich, wie ich mich fühle.
Ich weiß nicht, wie ich dieses Gefühl beschreiben soll. Ich bin definitiv durch den Wind, und kann nicht mehr still sitzen. Ich will diesen Teller zerstören, ich will diese Ängste und diese blöde Wut loswerden.
Frau Lotus sieht mir dies anscheinend an, denn sie fragt mich, ob ich heute früher gehen will und ich bejahe. Zum Abschied drückt sie mir den Teller in die Hand.
Ich lasse mich nicht abholen sonder laufe zu Fuß auf den Hügel über unserer Stadt. Es schon ziemlich spät, Dämmerungszeit, und deshalb sieht man nur noch wenige Menschen auf der Straße.
Als ich oben ankomme, bin ich etwas außer Atem. Aber man kann über die ganze Stadt sehen. Ich merke mir, hier mal mit Aaron hinzugehen und ihn genau auf dieser Bank hier zu küssen, bis die Sonne untergegangen ist.
Doch jetzt habe ich eine andere Mission. Ich schaue auf den Teller vor mir und lese mir all die Dinge durch, die ich aufgeschrieben habe- und dann überkommt es mich, ich nehme den Telle fest in die Hand und schmeiße ihn mit voller Wucht auf den gepflasterten Boden.
Und es fühlt sich gut an. Als ich sehe wie der Teller in tausend kleine Stücke zerbricht, fühle ich mich besser. Ein Stück weit frei.
Adrenalin pumpt durch meine Adern und ich habe ein Lächeln im Gesicht. Heute, denke ich, kann ich alles schaffen.
Und so kommt es, dass ich keine Sekunde zögere und Aaron anrufe. "Hi Aaron, willst du mit mir auf ein Date gehen?"
Die Wörter sprudeln nur so aus meinem Mund, denn es fällt mir nicht schwer ihn zu fragen. Und als er ein erfreutes "Ja" antwortet ist meine Welt wieder ein Stück weit in Ordnung.
Und ich stecke mir meine Kopfhörer ins Ohr, drehe die Musik laut auf, und tanze. Zum ersten mal seit einem halben Jahr tanze ich alleine über den Häusern dieser Stadt.
DU LIEST GERADE
Mondscheingedanken
KurzgeschichtenWie die Sonne den Mond aus dem Dunklen befreit- oder die Geschichte von Lucian und Aaron.
