,,Nein... nicht unbedingt." Stammelte ich überrascht. ,,Einfach jemand, der sie kannte und wusste, wie sehr der Herr sie liebte."
Er ließ meinen Arm wieder los. ,,Entschuldige. Ja, das wäre natürlich plausibel,'' murmelte er, ins Leere starrend. ,,Ich kann nicht glauben, dass Vater und ich noch nicht daran gedacht haben. Vermutlich wollte keiner von uns es wahrhaben. Es mag schon mehrere Monate her sein, doch die Zeit vergeht anders, erlebt jemand, den man kannte, sie nicht mit."
Bevor ich auch nur blinzeln konnte, war er aufgesprungen und hatte sich mit Papyrus, einem Füllfederhalter und einem Buch als Unterlage wieder gesetzt. Seine Müdigkeit schien verflogen, sein Gesicht war konzentriert. ,,Also, es gibt sechs Leute die zu diesem Zeitpunkt hier gearbeitet haben, und das sind dieselben, die es noch tun." Er schrieb etwas auf.
,,Kailan, denkst du wirklich einer der Sklaven oder anderen Arbeiter hier war es?" Fragte ich ihn ungläubig. ,,Warum würden sie dann noch hier verweilen und riskieren erwischt zu werden?" Auf Entführung und Mord einer Person standen sicher schlimme Strafen.
,,Grade um nicht aufzufallen. Plötzliches kündigen oder, im Falle der Sklaven, wegrennen würde sie nur verdächtig wirken lassen und dann hätte Vater Mittel und Wege gefunden sie fangen zu lassen."
Ich wiegte den Kopf hin und her, nun gut, das leuchtete mir ein. ,,Also, wer kommt alles in Frage? Schotiji und Ail? Und Salim?" Die Wachen hier kannte ich nicht mit Namen. Sie waren groß und grobschlächtig und ehrlich gesagt hatte ich Angst vor ihnen und gab deshalb Acht ihnen nie zu nah zu kommen.
Kailan nickte und schrieb etwas auf. Ich starrte fasziniert auf seine langen, schlanken Finger, selbst seine Hände waren schön. Was er damit schaffte war es auch, doch die länglichen Zeichenspuren aus Tinte sagten mir nichts.
,,Genau, fangen wir mit den dreien an. Was könnte ein Grund für das Verbrechen sein? Alle drei sind sie Sklaven, mit dem Geld hätten sie sich freikaufen und Reichtum anhäufen können."
,,Und als Schotiji mir von dem Tod der Frau erzählt hat, gab sie selber zu sie nicht sonderlich gemocht zu haben."
Er lachte freudlos. ,,Nun, sie war eine Person, die schwer war zu mögen oder gar zu lieben. Einzig mein Vater vermochte es im Übermaß." Wieder schrieb er etwas auf. ,,Was genau hat sie gesagt? Erinnerst du dich?"
Ich wiederholte ihren Wortlaut so gut ich konnte. Auf einmal fiel mir noch etwas ein. Ich zupfte ihn am Ärmel. ,,Doch Kailan, die Frau wurde entführt als sie in der Stadt war, richtig?! Und sie war in einer Sänfte? Was geschah dann überhaupt mit den Trägern dieser Sänfte?"
,,Die Details hat Schotiji dir gar nicht genannt? Es war eine der Sänften, die von Eseln oder Pferden getragen werden, nicht von Menschen. In diesem Fall war es ein Pferd, unser dir wohlbekannter Hengst Wiol, und geführt wurde er von Ail. Man fand Wiol angebunden an einen Baum zwei Straßen weiter und Ail lag bewusstlos in der Sänfte. Das Einzige, was er noch wusste war, dass eine maskierte Person ihn von hinten niederschlug."
Ich nickte verstehend. Der oder die Entführer hatten klug gehandelt, für Vorbeigehende hatte es bloß ausgesehen wie eine verlassene Sänfte, dessen Führer auf die Rückkehr des Passagiers wartete und deshalb das Pferd angebunden hatte, während er entweder im Gefährt wartete oder sich woanders eine Kleinigkeit zu trinken organisieren war. Wer würde es schon wagen hineinzusehen? Gewiss waren Hunderte vorbeigegangen, ohne sich überhaupt etwas zu denken.
Meine Gedanken schlugen einen anderen Pfad ein. ,,Was ist mit der Familie, die sie an diesem Tag besucht hatte?"
Er schüttelte leicht den Kopf. ,,Familie ist nur ihre Mutter, die schon über neunzig ist und kaum mehr alleine laufen kann. Davon abgesehen hätte sie sie nur in der Wohnung festhalten müssen, warum eine Entführung mitten auf offener Straße riskieren? Sowieso ging und geht es ihr finanziell gut, nicht so, dass sie ihren eigenen Schwiegersohn erpressen würde. Mein Vater hätte ihr das Geld auch freiwillig gegeben, sie hätte nur ein Wort zu sagen gebraucht."
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Tialda
Historical FictionDas junge Mädchen Tialda wird als Sklavin genommen, als das Volk der Dunja ihre Provinz erobert. Durch einige Umwege landet sie schließlich in dem Haushalt eines reichen Mannes, dessen zweite Frau entführt und unter mysteriösen Umständen getötet wor...
