Der Sklavenmarkt (1)

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Ich hielt den Blick auf meine Handgelenke gesenkt. Sie waren von Ketten umwunden, die mir schmerzhaft in die Haut schnitten.

Die Sonne schien mir auf den oberen Teil meines Kopfes. Noch war sie angenehm warm, doch spätestens gegen Mittag würde sie erbarmungslos auf mich niederbrennen.

Der Lärm, der aus jeder Ecke des Marktplatzes zu kommen schien, füllte die Luft, doch er erreichte mich nicht. Er kümmerte mich auch nicht, eben so wenig wie der Schmerz an meinen Handgelenken, meine müden Füße, mein Hunger, mein Durst. Ich nahm all das kaum wahr. Mein Inneres war leer.

,,Psst." Das Mädchen, welches am selben Pfahl mit mir angebunden war, riss mich aus meinen Trancehaften Zustand. ,,Sag doch endlich. Wie heißt du? Ich bin Syltje."

Es war nicht ihr erster Versuch mit mir zu reden, wir standen hier schon seit dem Morgengrauen, aber ich hatte bisher keinen Sinn darin gesehen ihr zu antworten. Ich versuchte so zu tun, als könnte ich sie nicht verstehen, doch irgendwie durchschaute sie das. Aber nun gut, wenn sie keine Ruhe geben wollte, würde ich ihr eben den Gefallen einer Antwort tun.

,,Ich bin Tialda." Ich hob den Kopf und betrachtete sie einen Moment lang. Sie sah jünger aus als ich, vielleicht vierzehn oder fünfzehn. Ihre Haare waren sehr hell, beinahe weiß, und ihre Augen hatten denselben blassen grauton wie Regenwolken. Sie sah für mich so ungewohnt aus, dass sich widerwillen ein Hauch von Interesse in mir regte. Syltje war also ihr Name. Er klang sehr nordisch, sie musste aus einer Provinz kommen die noch weiter nördlich lag als meine.

Die Traurigkeit stach mir bei dem Gedanken an meine Heimat wieder mit voller Wucht ins Herz, der Schmerz betäubte meine Sinne und ließ nur Hoffnungslosigkeit zurück sobald er ein wenig abschwächte.

,,Tialda. Das ist ein schöner Name, hab ich noch nie gehört. Woher kommst du? Ich bin aus dem Volk der Nürdünanier." Fuhr Syltje fort. Es benötigte viel Kraft ihren Worten zu folgen, doch sie lenkten mich tatsächlich ein paar Atemzüge lang ab. Ihr Akzent hatte etwas Hüpfendes.

Von dem Volk der Nürdünanier hatte ich gehört, es lebte am Meer ganz im Norden, wo Schneestürme über das Land fegten und es mehrere Tage im Jahr völlig dunkel blieb. Die meisten von ihnen waren Fischer, aber sie fingen auch Wale und Robben, aus deren Fell sie ihre Kleidung herstellten.

Ein bisschen neugierig geworden musterte ich das Mädchen vor mir, sie trug tatsächlich lange Hosen die aus Robbenfell zu bestehen schienen. Ihr Hemd war allerdings aus schlichten, weißen Tuch. Plötzlich fiel mir ein, dass sie eine Reaktion von mir erwartete.

,,Stimmt es das es bei euch tagelang dunkel sein kann?" Fragte ich. Man hörte es meinen Worten wohl an, dass mir der Gedanke nicht behagte, denn Syltje lachte. ,,Ja. Mehrmals im Jahr, aber es stört uns nicht. Warum sollten wir die Dunkelheit fürchten? Sie ist nur die andere Seite vom Licht."

Ich drehte mich ein wenig mehr zu ihr hin und meine Stimme wurde fester. ,,Aber sie beraubt euch eurer Sicht. Wie erledigt ihr eure Arbeiten wenn ihr nichts sehen könnt?"

,,Wir hängen in diesem Zeitraum Laternen mit brennendem Wal- und Robbenfett an unsere Schiffe und Häuser. Ansonsten verlassen wir uns auf unser Gehör und unsere Erfahrungen."

Ich versuchte mir das Leben, das sie bin vor kurzem geführt haben musste, vorzustellen. Es gelang mir nicht wirklich. Es war zu anders, zu fremd.

,,Sag, woher kommst du?" Fragte sie weiter. Ihre Stimme war nicht laut aber hell und klar, wie die Rufe die Seevögel ausstießen.

,,Ich bin eine Leweinit," murmelte ich und der Schmerz, auf den ich mich schon vorbereitet hatte, grub seine Krallen wieder in mein Herz. Es tat weh an mein Volk zu denken, meine Heimat, meine Familie, mein altes Leben. Wo meine Mutter und mein kleiner Bruder jetzt wohl sein mochten? Ich konnte nichts anderes tun als hoffen, dass es ihnen gut ging.

TialdaGeschichten, die süchtig machen. Entdecke jetzt