Das Wiedersehen (8)

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Langsam öffnete ich meine Augen. Gräuliches Tageslicht erfüllte den Raum und hatte mich geweckt.

Das erste, was ich sah, war das Mosaik auf dem Boden, auf dem ich lag. Es schien eine Landschaft unter Wasser darzustellen, mit Muscheln, Fischen und bunten Pflanzen. Es war über alle Maßen prächtig und eindrucksvoll.

Gähnend hob ich den Kopf. Ich wagte es nicht, noch weiter zu ruhen. Sicher würde der Hausherr es missbilligen, wenn ich den Morgen verschlief.

Der Raum, in dem ich mich befand, war sehr groß, wie ich feststellte. Es war hier nicht ganz so prunkvoll wie in der Eingangshalle, doch wieder erblickte ich Säulen und reichlich verzierte Wände. Was war das für ein Haus, in dem selbst die Schlafkammern von Sklaven so stattlich waren?

Ich setzte mich auf und streckte meinen Rücken. Dann öffnete ich meinen Zopf und kämmte mein langes Haar mit den Fingern, das mir bis weit über den Rücken reichte. Neugierig ließ ich dabei meine Augen durch den Raum wandern.

Ich bemerkte einen breiten Türbogen, jedoch ohne Tür, der in einen zweiten Raum führte. Ich lehnte mich vor, so dass ich einen Blick erhaschen konnte und erkannte eine Art steinernes Becken. Was war das? Es war zu groß und zu tief, um darin Geschirr zu spülen. Vielleicht wusch man darin Wäsche? Sicher würde ich es heute erfahren. Dennoch, obwohl mich sicherlich viel Arbeit in diesem Haus erwartete, spürte ich, zum ersten Mal seit Beginn meiner Gefangenschaft, einen Hauch von Zuversicht. Ich war nicht mehr in diesem furchtbaren Ort gefangen, er existierte nicht mehr. Mehr noch, ich hatte ihn unbescholten und ohne größeren Schmerz verlassen können, und war gewiss die Einzige, der dieses Glück zu Teil geworden war. Ich konnte mich glücklich schätzen und tat es auch.

Obwohl ich das Gefühl genoß, wie früher meine offenen Haare auf dem Rücken zu spüren, begann ich sie mir wieder zum Zopf zu flechten. Ich hatte noch keine Frau bei den Dunja gesehen die ihre Haare offen trug und es wurde erwartet, dass ich mich, als Sklavin hier, den Dunja Gepflogenheiten anpasste. Die Zeiten, wo ich sorglos mit offenen Haaren durch Wald und Wiesen gerannt war, waren vorbei.

Während ich sorgfältig einen Haarstrang über den anderen legte, besah ich das Bett, welches mehrere Schritte entfernt an der Wand stand.
Es war sehr groß, die Decken und Kissen reichlich verziert. Eine Wölbung unter den Decken verriet mir, dass die andere Sklavin dort auf der Seite schlief. Sie musste von langem Wuchs sein.

Aber wo war das zweite Bett, in dem ich eigentlich heute Nacht hätte schlafen sollen? Ich konnte es nirgends entdecken. Hatte der Mann sich geirrt und mir etwas Falsches gesagt?

Auf einmal beschlich mich das Gefühl, dass hier etwas nicht stimmte. Der Atem der Schlafenden Person war ruhig. Zu ruhig. Und dieses riesige Bett schien nicht wie das Bett einer Sklavin.

Ich band meinen Zopf zu und nährte mich dem Bett. Mir war bewusst, dass ich das nicht tun sollte, doch was schadete es, mir mit einem kleinen Blick Gewissheit zu verschaffen?

Atemlos umrundete ich das Bett, darauf bedacht keinen Laut von mir zu geben. Vor dem Kopf der Schlafenden machte ich Halt und ging in die Hocke.

Meine Gefühl fand sich bestätigt. Es war eindeutig keine Haussklavin, die dort schlief, in dem Bett lag ein junger Mann.

Er hatte sich die Decke bis zum Kinn hochgezogen, seine schwarzen Haare waren leicht zerzaust, ein paar Strähnen klebten ihm in der Stirn. Atemlos betrachtete ich die ebenmäßigen Gesichtszüge, die geschmeidige hellbraune Haut, die geschwungenen Brauen. Ich kannte dieses Gesicht. Kailan! Seine Augen waren geschlossen und er atmete ruhig ein und aus. Es war ein so schöner, friedlicher Anblick, dass ich mehrere Atemzüge wie gebannt stehen blieb.

Dann kam ich wieder zur Vernunft. Ich musste den Raum verlassen, ehe er aufwachte!

Vorsichtig wollte ich wieder auf die Füße kommen, fiel dabei aber vornüber und musste mich an der Bettkante abfangen. Verärgert über mein Ungeschick sah ich angespannt auf Kailan hinunter. Er schlief noch immer.

Erleichtert richtete ich mich auf und ging auf Zehenspitzen zur Tür.

,,Wohin gehst du?"

Abrupt blieb ich stehen. Langsam drehte ich mich wieder zum Bett. Kailan hatte die Augen geöffnet und beobachtete mich. Seine Augen lachten.

Mit gesenktem Kopf blieb ich stehen, meine Wangen wurden heiß. ,,Aus dem Raum."

,,Warum bist du überhaupt in ihm?"

Ich sah zu Boden. ,,Der Herr dieses Hauses hat mir letzte Nacht eine Tür gewiesen, hinter der ich schlafen sollte. Doch im Dunkeln ging ich wohl durch die Falsche."

Leise begann er zu lachen, seine Stimme war noch rau vom Schlaf. ,,Und du schliefst die ganze Nacht lang hier? Auf dem Boden?"

Ich nickte. ,,Was tust du hier?"

,,Ich wohne in diesem Haus. Das hier ist nicht das Gemach von Schotiji, der Sklavin, sondern meins. Ihres befindet sich hinter der anderen Tür auf dieser Etage links von hier, direkt neben dem Eingang. Mein Vater hätte gut daran getan, dir die Tür zu zeigen, es ist verständlich, dass du sie alleine im Dunkeln nicht finden konntest." Er setzte sich auf. Die Decke fiel von seinen Schultern ab und ich sah, dass sein Oberkörper unbekleidet war.

Errötend wandte ich den Blick ab und fragte: ,,Wie kommt es, dass es dich nicht überrascht mich in deinem Haus zu sehen?"

Er stützte sich auf den Ellbogen und fuhr sich mit einer Hand durch die Haare. ,,Ich war es, der meinem Vater von den Sklavinnen in dem Bordell erzählt hat. Und ich war es auch, der vorgeschlagen hat, dass er dich mitnimmt wenn das Bordell gestürmt ist, da wir noch eine Sklavin für meine Schwester brauchen. Es scheint, als hätte er auf mich gehört." Kailan schmunzelte kurz. ,,Das passiert selten, glaub mir."

Langsam blinzelte ich, als ich verstand, was hier vor sich ging. Mein neuer Herr war also Kailans Vater. Es überraschte mich, dass er seinem Vater augenscheinlich so offen erzählt hatte, wo er sich gestern Nacht herumtrieb. Schämte er sich nicht? Womöglich war es bei den Dunja ja normal, dass junge Männer solche Orte aufsuchten. Ich wusste es nicht, in meinem Dorf hatte es so etwas nicht gegeben.

Rückwärts steuerte ich nun auf die Tür zu. ,,Nun, es tut mir sehr Leid, dass ich dich geweckt habe und ohne Erlaubnis heute Nacht in deinem Gemach verweilte."

,,Nicht doch. Du bist jederzeit willkommen." Seine Stimme nahm kurz wieder jenen spöttischen Tonfall an den ich schon kannte, wurde dann aber ernst. ,,Ich hoffe, du hast gut geschlafen. Gewiss hattest du gestern einen ereignisreichen Abend. Hat mein Vater dich befragt?"

,,Das hat er, doch ich befürchte ich wusste nicht viel."

Er blickte mich an. Sein Ton war leicht und verspielt. ,,Ich bin mir sicher du weißt eine Menge."

,,Nicht über einen Ort, an dem ich kaum zwei Tage verblieb." Zwei Tage und eine Nacht, ergänzte ich in Gedanken. Eine Nacht, die wir uns geteilt hatten.

Er blickte mich weiterhin an, so schön und edel wie alles in diesem Gemach aussehend, und vielleicht dachte er an dasselbe wie ich. Mein Atem stockte. Ich wollte etwas sagen, wollte ihn fragen, warum er am Morgen nach unserer Nacht ohne ein Wort gegangen war. Was er überhaupt dort spätabends getrieben hatte, mit diesen furchtbaren Männern, mit mir. Doch ich sagte nichts.

Das Schweigen wuchs. Unschlüssig blieb ich an der Tür stehen, bevor ich mich dazu entschied mich mit einer angedeuteten Verbeugung zu verabschieden. Endlich eilte ich aus dem Raum.

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