Der nächste Tag (14)

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,,Ich möchte noch nicht aufstehen!" Die Stimme der jungen Herrin war selbst so früh am Morgen schon hell und durchdringend. Ich unterdrückte ein Seufzen.

,,Doch die Sonne steht schon hoch am Himmel, der Tag wartet nicht."

Zögernd öffnete sie ein Auge. ,,Kann ich heute wieder auf Wiol reiten?"

Ich musste ihr dieselbe Antwort geben wie am Tag zuvor. ,,Nein, das wird nicht gehen."

Enttäuschung machte sich auf ihrem kleinen Gesicht breit. Schnell fügte ich hinzu: ,,Aber wir können wieder in den Garten gehen."

Gestern hatte sie es sehr genossen auf den blühenden Wiesen herumzutollen und auch mir hatte die Natur und die frische Luft gut getan. Nur als ich in einer Ecke des Gartens Salim erblickt hatte, jener dunkelhaarige Sklave, der der Gärtner hier war, war mir unwohl zu Mute gewesen. Wir hatten zum Gruß nur ein Nicken ausgetauscht. Ich hatte noch nie mit ihm geredet. Er war nur wenig jünger als Schotiji und das Gegenbild von Ail, mit seinem ernsten und stillen Auftreten. Das er von meinem Aufenthalt im Bordell Bescheid wusste, gefiel mir gar nicht, zumal mir nicht klar war woher.

Rondra überlegte und setzte sich schließlich auf. ,,Nun gut."

Sie schien heute launisch und genoss es, mich zu belehren. Sie sagte mir bestimmter als sonst, welche Kleider sie auf welche Art mit welchen Sandalen tragen wollte, wie der Verschluss ihres neuesten Armbandes funktionierte und mit welchen Salben ich ihr Gesicht einzucremen hatte. ,,Diese kommt auf meine Wangen und diese unter meine Augen. Diese andere muss auf meine Lippen. Gestern hast du sie verwechselt, Tialda! Das darfst du nicht!"

,,Verzeihung." Ich kämmte ihr dunkles Haar und wollte es in einer hübschen Krone um ihren Kopf herum frisieren, mit der Hoffnung sie damit aufzuheitern, doch sie stoppte mich. ,,Was tust du da? Du musst es in einen Zopf flechten! Ich bin zu alt, um es anders zu tragen."

Verblüfft fragte ich sie, was es damit auf sich hatte.

Sie riss die Augen auf. ,,Wie? Weißt du das denn wirklich nicht? Du trägst doch selber einen Zopf."

,,Ja, weil es hier üblich ist die Haare in einem oder mehreren Zöpfen geflochten zu tragen. Man sieht nirgendwo eine Frau, die es anders täte."

Sie schüttelte ungläubig den Kopf. ,,Wie dumm du bist, dass du wirklich denkst es wäre nur Mode! Die geflochtenen Zöpfe zeigen dein Alter an. Wenn du mindestens zehn bist, aber jünger als zwanzig, so trägst du einen Zopf. Wenn du zwischen zwanzig und dreißig bist, so trägst du zwei. Sobald eine Frau dreißig wird, drei. Und immer so weiter. Man verdient sich seine Zöpfe mit jedem Jahrzehnt."

,,Ach." Mit dieser Erkenntnis wurde mir vieles klar, ich hatte die Anzahl der Zöpfe immer für willkürlich gehalten.
Eigentlich hätte mir das auch selber klar werden können, dachte ich, während ich begann ihren Zopf mit reichlich Schmuck zu verzieren. Auch schminken tat ich sie, wofür ich zwei Anläufe brauchte, da sie beim ersten nicht stillhielt. Immerhin hatte ich mich bisher, ohne es zu wissen, stets meinem Alter entsprechend frisiert.

Als ich Rondras Augen mit dem schwarzen Kohl umrandete, fiel mir auf, dass sie Kailan nicht im Geringsten ähnlich sah. Ich hatte zuerst gedacht, es hätte nur mit dem Alter zu tun, doch Rondras Gesicht war ganz klar runder, ihre Haut heller und ihre Augen von einem anderen Braun. Wenn das Licht hereinfiel, war es besonders deutlich. Sie waren nicht so hell wie Bernstein, wie die Augen ihrer Mutter angeblich gewesen waren, doch deutlich heller als Kailans. Mich erinnerten sie an die Farbe von Walnüssen. Ihre Brauen darüber waren ähnlich fein geschwungen wie Kailans, doch heller und von Schotiji strichdünn gezupft.

Endlich waren wir mit ihrer langwierigen Vorbereitung auf den Tag fertig und sie schien ebenso erleichtert wie ich.

,,Jetzt hat es mich wieder müde gemacht all meine Armbänder überzuziehen. Nun muss ich mich schnell bewegen und etwas essen, sonst schlaf ich wieder ein!" Sie hopste die Treppe hinunter und rannte fast in Kailan, der grade aus seinem Gemach kam.

TialdaGeschichten, die süchtig machen. Entdecke jetzt