Der Schrank (16)

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Ich wollte mich grade zum Gehen wenden, als ich bemerkte, dass eine der zwei Schranktüren leicht offen stand.

Mir war klar, dass mir nicht zustand dort hineinzusehen, doch die Neugier überkam mich. Was bewahrte Schotiji wohl in diesem Schrank auf? Als Sklavin besaß sie sicher nicht allzu viel. Dennoch musste es mehr sein, als ich mein Eigen nennen durfte, das war an diesem Punkt nämlich nur noch mein hölzernes Amulett. Die Kleidung, Seife, Kämme und Haarbäder, die mir in diesem Haus gegeben worden waren, betrachtete ich als geliehen. Es reizte mich, Schotijis Besitz zu sehen. Ihr dadurch näherzukommen, sie besser zu verstehen. Nur ein einziger Blick, sagte ich mir, um mein schlechtes Gewissen zu beruhigen. Nur ein einziger.

Ich durchquerte lautlos den Raum und öffnete vorsichtig die Schranktüren. In der linken Seite erblickte ich ganz normale Dinge. Einige sorgfältig gefaltete Kleidungsstücke, etwas Papier, sowie Kupferklammern, Kämme, Öl und andere Dinge für Körper- und Haarpflege. Die rechte Seite jedoch...

Mit der Kerze leuchtend, beugte ich mich hinunter.

Ich erkannte ein Knäul von silbrigen Haaren, ein kleiner Glasbehälter der mit etwas gefühlt war, was verdächtig nach Stückchen von menschlichen Fingernägeln aussah. Doch es wurde noch kurioser. In einem kleinen gläsernen Behälter schimmerten silberne und schwarze Haare, Stückchen der Fingernägel, allerhand Rosenblätter, Prisen von Gewürzen und Erden, sowie rosane Steine, in einer Masse aus goldenem Honig. Der Behälter war sorgfältig verschlossen und versiegelt. Einige Kerzen standen davor, aus rotem Wachs. Ich erblickte auch das aufgestellte Gemälde einer jungen Frau mit wehenden langen Haaren und weißen Flügeln, vor dem einige Münzen lagen.

Daneben lag eine kleine silberne Brosche und an der Wand des Schrankes lehnten mehrere Zeichnungen, mit Kohle auf Papier angefertigt. Und sie zeigten immer dasselbe Gesicht.

Ich zuckte so schnell zurück, dass der plötzliche Luftstoß die Kerze löschte. Von Grauen gepackt schlug ich die Schranktüren wieder zu und wollte aus dem Zimmer hasten. Eine müde Stimme hielt mich auf.

,,Tialda, bist du es?"

Im Dunkeln des Zimmers konnte ich erkennen, dass Schotiji sich im Bett aufgerichtet hatte. Ich stolperte zurück und stammelte: ,,Verzeihung. Du warst nicht in der Küche, obwohl der Morgen schon graut, da wollte ich nachsehen..."

Sie seufzte. ,,Weißt du denn nicht? Heute ist ein Feiertag, zu Ehren eines großen Feldherrs. Der erste freie Tag von drei hinternanderfolgenden. An solchen Tagen erwacht das Haus erst mehrere Stunden später. Leg auch du dich ruhig wieder schlafen. Noch wird niemand etwas von uns verlangen."

Erleichtert bejahte ich und hastete aus dem Raum. Sie schien nicht gesehen zu haben, dass ich ins Innere ihres Schrankes gespäht hatte, was mich erleichterte, doch schlafen legen würde ich mich nun sicher nicht mehr. Dazu war ich viel zu aufgewühlt.

Ich rannte in Kailan's Gemach und rüttelte ihn wach. ,,Kailan! Wach auf!"

Er öffnete die Augen und flüsterte heiser. ,,Was ist denn?"

Einen Moment lang bereute ich es, ihn geweckt zu haben, er war die letzten Tage doch so müde gewesen und sicher hätte ich auch warten können bis er von alleine wach wurde, doch nun war es zu spät. Mein Atem ging ruckartig.

,,Ich war eben in Schotiji's Zimmer, weil sie nicht in der Küche war... ihr Schrank, ich sah hinein... und da waren Haare..." stammelte ich.

Kailan setzte sich auf und zog mich in seine Arme. ,,Du bist ja ganz außer dir. Beruhige dich, was ist denn passiert?"

Die Wärme seines Körpers und seiner Stimme halfen mir mich zu beruhigen. In allen Einzelheiten berichtete ich, was ich ihn Schotiji's Schrank erblickt hatte. Seine Augen weiteten sich kurz vor Überraschung, ansonsten blieb er, zumindest äußerlich, erstaunlich gelassen.

TialdaGeschichten, die süchtig machen. Entdecke jetzt