Schotijis harte Worte brannten wie Feuer in meinem Herzen. Ich ließ das Essen stehen und verschwand in Rondras leeren Gemächern, wo ich weinte, wie ich noch nie zuvor geweint hatte.
Woran lag es bloß, dachte ich, während meine Brust sich, von Schluchzern geschüttelt, hob und senkte. Meinem Eindruck nach waren Schotiji und ich stets miteinander ausgekommen, die letzten Tage. Was hatte ich getan, dass sie mir plötzlich so übel nahm? Ich hatte versucht meinen Aufgaben nachzukommen, so gut ich es vermochte, doch darum schien es ihr nicht zu gehen. Wovon hatte sie geredet, als sie sagte Mädchen wie ich?
Tapp, tapp, tapp. Die Schritte der kleinen Herrin tapsten in den Raum. ,,Tialda?" Sie klang verzagt.
Ich setzte mich auf und trocknete mir mit einer Hand die Augen. ,,Ja, hier bin ich. Hat dir dein Abendessen geschmeckt, Herrin?"
,,Ja, aber ich hätte nicht so wie ich war heruntergehen sollen." Ihr rundes Gesicht war, tränenverschmiert und betrübt aussehend, eine Spiegelung meines eigenen. ,,Vater war bereits da. Er saß am Tisch, als ich kam. Ich habe großen Ärger bekommen."
,,Da du im Nachthemd kamst?"
,,Ja! Und ungeschminkt und ohne Schmuck. Er sagte, meine arme Mutter würde sich schämen mich so zu sehen."
Ich nahm sie in die Arme und streichelte ihr dunkles Haar. ,,Das würde sie gewiss nicht."
Sie wimmerte. ,,Doch! Er sagte, ich soll es ja nie wieder wagen mich so zu zeigen. Ich würde die Erinnerung meiner Mutter beleidigen. Sie würde weinen, wenn sie mich sähe."
Ich runzelte die Stirn. Der Herr hatte auf mich wie ein strenger, aber rationaler Mensch gewirkt, und wie ein liebevoller Vater. Der Sinn seiner grausamen Worte erschloss sich mir nicht.
,,Von gar niemandem beleidigst du die Erinnerung durch ein Nachthemd," sagte ich entschieden. ,,Ganz besonders nicht die deiner eigenen Mutter. Dein Vater muss von seinem arbeitsreichen Tag erschöpft gewesen sein und deswegen so harsche Worte zu dir gesprochen haben. Gewiss hat er es nicht so gemeint."
Sie zog die Nase hoch. ,,Meinst du das wirklich?"
,,Ganz bestimmt." Ich drückte sachte ihre Schulter. ,,Und zumindestens hat er nicht erfahren, dass du heute auf Wiol geritten bist, nicht wahr?"
,,Das ist wahr." Langsam ließ ihr Weinen nach und sie hob den Kopf. ,,Vielleicht ist es also gar nicht so schlimm, dass ich im Nachthemd kam. Besser das, als die Kleidung voller Pferdehaare!"
,,Na siehst du!" Ich erhob mich. ,,Du solltest zu Bett gehen. Morgen ist ein neuer Tag und dann hast du den Tadel deines Vaters schon vergessen."
Das Morgen ein neuer Tag wäre hatten meine Eltern mir früher auch immer gesagt, wenn sie mich trösten wollten. Leider hatten sie mir nie gesagt, was zu tun war, sollte der neue Tag noch zehnmal schlimmere Sorgen bringen.
Wieder ermutigt wirkend kletterte Rondra in ihr Bett und zog sich die Decke unters Kinn. Ihre nussbraunen Augen fixierten mich plötzlich aufmerksam. ,,Tialda, weshalb bist du traurig?"
,,Ich? Ich bin nicht traurig." Rasch zwang ich mich zu einem Lächeln.
,,Doch, bist du." Sie setzte ihre Befehlsstimme auf. ,,Weswegen? Sag mir die Wahrheit!"
Ich seufzte. ,,Es ist nichts... Sicherlich liegt es nicht in deinem Interesse. Schotiji zeigte sich vorhin in der Küche unzufrieden mit mir und sagte sehr gemeine Dinge. Ich dachte zunächst es wäre, weil ich ihr heute, während du und ich im Garten waren, die ganze Zeit nicht zur Hand gegangen bin, doch-"
,,Das ist es gewiss nicht!" Unterbrach mich Rondra, die feinen dunklen Augenbrauen zusammenziehend. ,,Bevor du kamst hat sie doch alles alleine gemacht. Sie ist es gewohnt."
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Tialda
Ficção HistóricaDas junge Mädchen Tialda wird als Sklavin genommen, als das Volk der Dunja ihre Provinz erobert. Durch einige Umwege landet sie schließlich in dem Haushalt eines reichen Mannes, dessen zweite Frau entführt und unter mysteriösen Umständen getötet wor...
