Kapitel 6

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Hermione arbeitete sich in Rekordzeit durch ihre Memos. Als ihre Uhr Mittagspause anzeigte, hatte sie beinahe schon die ganze Arbeit erledigt, die sie sich für diesen Tag vorgenommen hatte. Sie ignorierte die Uhr trotzdem, arbeitete weiter und beantwortete Fragen, die eigentlich erst im Laufe der nächsten Woche beantwortet hätten werden müssen.

Irgendwann wurde ihr etwas schwummrig. Ach ja, richtig. Sie hatte das Frühstück ausgelassen, in der Hoffnung, noch etwas produktives tun zu können, bevor Malfoy ankam. Sie stand auf und ging zu der Tür ihres Büros, erstarrte dann und ließ ihren Kopf mit einem Seufzen gegen den Rahmen sacken.

Sie wusste nicht, wie sie anfangen sollte, die Szene die sich in ihrem Büro abgespielt hatte zu entschlüsseln.

Zuallererst war da Theo gewesen, der sie geküsst hatte. Es hatte sich... nett angefühlt. Auch wenn da nicht dieser gewisse Funke gewesen war, den sie erwartet hatte. Vielleicht lag das auch nur daran, dass es so überraschend gekommen war. Er hatte nie den Eindruck von jemandem gemacht, der ein Mädchen küssen würde, ohne sie vorher zu fragen. War es möglich, dass sie irgendwelche Anzeichen übersehen hatte? Sie glaubte nicht, dass es so war. Und dann... er hatte keineswegs überrascht ausgesehen, als Malfoy ihn quasi in der Luft festgehalten hatte. Als er behauptet hatte, dass er an ihr interessiert wäre, hatte er dabei nicht einmal in ihre Richtung gesehen. Es war eher so, als wäre das Ganze ein Schauspiel für Malfoy gewesen und sie selbst war nichts weiter als ein Requisit.

Ihr Magen drehte sich bei dem Gedanken um.

Und dann war da noch Malfoy, der in ihr Büro gestürzt war, während sie ein „Meeting" mit einem Arbeitskollegen gehabt hatte. Er hatte ihren Kuss auf eine geradezu spektakuläre Art und Weise unterbrochen. Noch nie hatte sie ihn so wütend erlebt. Und dann war da noch sein Entsetzen gewesen, als er sie gefragt hatte, ob sie Theo mochte. Im Eifer des Gefechts hatte sie es als Abscheu interpretiert, dass sein Freund mit ihr ausgehen könne, aber in der Retrospektive schien das doch nicht ganz zuzutreffen. Sein Augenmerk lag mehr darauf, dass sie Theo mögen könne und nicht umgekehrt. Aber warum? War es vielleicht möglich, dass er sie mochte?

Hermione musste bei dem Gedanken beinahe lachen. Nein. Und selbst wenn er es tat, würde das nicht das Ausmaß seiner Reaktion erklären.

Es fehlte ein Teil in dem Puzzle. Sie war sich nur nicht sicher, was es sein könnte. Irgendwie wünschte sie sich, dass jemand für sie da wäre, mit dem sie über all das reden konnte. Aber viele ihrer Freunde waren so beschäftigt, dass es schwer war, Zeit für ernste Gespräche mit ihnen zu finden.

Sie kaute auf ihrer Lippe herum. Vielleicht sollte sie Ginny via Flohnetzwerk anrufen, wenn James im Bett war. Dann verwarf sie den Gedanken. Ginny wegen Männerproblemen anzurufen, erschien ihr irgendwie trivial. Und Ginny wäre natürlich überzeugt davon, dass die ganze Situation mit dem Klatsch zu tun hätte, dass Malfoy mit ihr in der Cafeteria gegessen hatte und das war nur... Hermione seufzte und rieb sich ihre Schläfen.

Dann griff sie nach dem Türknauf und erstarrte erneut. Malfoy war auf der anderen Seite der Tür. Sie konnte ihn quasi fühlen. Dabei hatte sie keine Ahnung, wie sie gerade mit ihm interagieren sollte. Sie drehte sich um und war versucht, zurück zu ihrem Schreibtisch zu gehen, als sie eine Welle des Hungers erfasste. Sie sollte essen. Sie wünschte sich, dass sie Süßigkeiten in ihrem Schreibtisch gebunkert hätte, aber Ron hatte sie das letzte Mal alle aufgegessen, als er und Harry sie hier besucht hatten. Zwar hatte sie vorgehabt, sie wieder aufzufüllen, aber leider hatte sie es immer wieder vergessen.

Kaum dass sie der Tür zum zweiten Mal ihren Rücken zugewandt hatte, hörte sie Parvatis Stimme aus der Glaskugel.

„Pansy Parkinson ist hier um sie zu sehen."

Liebe und andere UnglückeWo Geschichten leben. Entdecke jetzt