Julie gab ihr die benötigte Zeit. Auch sie würde nicht wollen, dass sie jemand so sehen würde.
Nach fünf weiteren Minuten gingen die beiden Mädchen schweigend zurück zum Unterricht. Als Julie die Tür öffnete, waren alle Augen auf Leia gerichtet.„Miss Gastrell, geht es ihnen gut oder möchten sie lieber Nachhause gehen?", wandte sich die junge Lehrerin fragend an sie.
„Es geht wieder. Mir war etwas übel", antwortete Leia und ging mit Julie zurück zu ihrem Platz.
Mrs. Snyder setzte ihren Unterricht fort, während Ash immer wieder über seine Schulter hinweg zu Leia starrte. Sein Blick war erfüllt mit Faszination, Neugier und sorge zugleich. Zumindest deutete es Leia so. Selbst Julie bekam dies mit und schaute fragend zwischen Ash und ihr hin und her. Leia versuchte das alles so gut es eben ging zu ignorieren.
Die große Pause verbrachte Leia mit Julie und den anderen. Danach stand nur noch eine Stunde Mathematik an. Kaum war auch diese Stunde vorbei, verabschiedete sich Leia von ihrer Banknachbarin und flüchtete regelrecht aus dem Gebäude. Draußen angekommen, blieb sie erst auf dem Parkplatz stehen. Leia's Herz schlug so schnell, dass sie den Puls in ihrem Hals spürte. Ash stand an seinem Auto und sah sie an. Als würde er auf sie warten. Leia ging instinktiv weiter, bog aber vor ihm nach links ab und machte sich davon. Schnell über die andere Straßenseite, die Stufen hinab in den Underground. Wie in Trance stieg sie in die nächste Bahn und blieb wie am Morgen schon gleich an der Tür stehen. Kaum hatte sie ihre Haltestelle erreicht stieg sie wieder aus.
Gut dass heute bereits Donnerstag ist.
Dachte sie sich, als sie die Treppen hinauf ins Freie stieg.
Nur noch ein Tag, dann ist erst mal Wochenende. Ich muss an meiner Atemtechnik üben.
Flogen ihr die Gedanken durch den Kopf. Als sie ihr Zuhause sah, war Leia unglaublich erleichtert und glücklich. In der Küche brannte bereits Licht. Was bedeutete, dass ihre Mutter schon Zuhause war.
Ich darf mir nichts anmerken lassen. Mom freut sich so, wieder arbeiten gehen zu dürfen.
Obwohl ihr nicht nach Lächeln zumute war, tat Leia es für ihre Mutter.
Sie stellte ihre Tasche in dem kleinen Flur ab und ging in die Küche.„Leia liebes, da bist du ja. Erzähl, wie war dein erster Tag? Wie sind die Leute in deiner Klasse und gab es Probleme?", prasselten die Fragen ihrer Mutter auf sie ein, als sie Leia in ihre Arme schloß.
„Es war ganz gut. Zwei mal spürte ich das kribbeln, aber ich konnte es weg atmen. Meine Banknachbarin Julie ist wirklich ein nettes Mädchen, auch die anderen Schüler sind sehr nett", log sie wie eine Weltmeisterin, zumindest was das kribbeln anging.
„Aber sag Mom, wie war es bei dir?", fügte sie hinzu, obwohl sie ihrer Mutter bereits ansah, dass sie den Job bekommen hatte.„Es ist perfekt gelaufen. Ich habe den job Leia. Ab jetzt wird alles besser werden. Ich habe dein Leibgericht gekocht, zur Feier des Tages", lächelte sie und nahm die Lasagne aus dem Ofen.
Leia hatte noch immer keinen Hunger. Aber ihrer Mutter zu liebe aß sie einen großen Teller voll. Susen erzählte ihr von diesem riesigen komplex, dass sie sich beinahe verlaufen hatte. Sie schlug Leia vor, dass sie sich für den Führerschein anmelden sollte. Immerhin hatten sie nun genügend Geld dafür. Leia nickte nur und blickte immer wieder zur Uhr.
„Hast du noch etwas vor liebes?", fragte Susen ihre Tochter lächelnd.
„Nein Mom, aber ich bin müde. Die letzte Nacht war kurz und heute war doch sehr anstrengend für mich", gab Leia wahrheitsgemäß von sich.
„Gut dann geh in dein Zimmer. Ich werde dir morgen früh das Frühstück hier stehen lassen. Mein Tag beginnt fortan um sechs Uhr in der Früh. Schlaf gut mein Engel", erklärte sie ihrer Tochter und gab ihr einen Kuss auf die Wange.
„In Ordnung, dann bis morgen Mom", nickte Leia, schnappte sich ihre Tasche im Flur und stürmte die Treppe hinauf in ihr Zimmer.
Als sie die Tür hinter sich geschlossen hatte, fiel die Anspannung von ihr ab.
Nun war sie in ihrem schützenden Kokon, in ihrem Reich. Wo sie niemand störte.
Es war nicht, als würde sie sich nicht für ihre Mutter freuen. Doch sie vermisste bereits jetzt schon die gemeinsame Zeit. Auf ihrem Bett lag ein Päckchen. Lächelnd schritt sie darauf zu und legte ihre Tasche und ihren Parker auf dem Stuhl daneben ab.
Ein kleiner Zettel mit den Worten "Das hast du dir verdient mein Engel" lag darauf.
Leia riss das Geschenkpapier auf und blickte mit riesigen Augen auf ein nagelneues Smartphone. Ihre Mutter hatte ihr ein Handy gekauft.
Aufgeregt packte sie es aus und folgte den Anweisungen um es einzurichten. Dem Smartphone lag noch ein weiterer Zettel bei, mit der Nummer ihrer Mutter.
Schnell schrieb sie ihr die erste Nachricht.Danke Mom, das ist so toll! Endlich habe auch ich ein Smartphone! Ich hab dich soooo lieb!
Schrieb sie und setzte etliche Herzen hinter ihre geschriebenen Worte.Gerne mein Engel, so bist du nun auch immer erreichbar und ich für dich. Nur für den Fall das du mich braucht. Ich hab dich auch lieb!
Schrieb ihre Mutter zurück und hing ebenfalls etliche Herzen an.Leia blickte zur Uhr, es war bereits 17:30 Uhr.
Viel würde sie heute nicht mehr machen. Vielleicht würde sie noch ein Bad nehmen und sich dabei einen Plan überlegen, wie sie Ash aus dem Weg gehen könnte.
Ash.
Beinahe hatte sie vergessen, was heute geschehen war.
Er hat es gesehen und es hat ihm keine Angst gemacht.
Dachte sie und zerbrach sich den Kopf darüber, warum dies so war.
Sollte sie ihn darauf ansprechen?
Nein. Er hatte sie provoziert. Er war schuld daran.
Leia ließ sich Wasser ein und grübelte in der Wanne nach.
Doch eine Lösung fand sie nicht.
Nur noch diesen einen Tag überstehen. Dann ist erst mal Wochenende.
Sprach sie zu sich selbst.
Nach dem Bad stand sie vor ihrem Bücherregal und suchte sich etwas zum lesen.
Leia kuschelte sich in ihre Decke und las bis zehn Uhr. Sie war gefangen in der Welt von Harry Potter. Leia liebte diese Bücher, sie waren so viel besser als die Filme.
Als sie endlich eingeschlafen war, träumte sie von den blauesten Augen, die sie je gesehen hatte.
Sie träumte zum ersten mal von Ash.
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Die Sieben
FantasiLeia ist eigentlich ein liebevolles Mädchen, doch das weiß niemand. Seit ihrer Geburt, wird sie von anderen gemieden. Denn Leia ist anders, anders als alle anderen auf dieser Welt. Der einzige Mensch in ihrem Leben ist Susen, ihre Mutter. Welche si...