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Ich hatte nicht vorgehabt, lange zu bleiben. Eigentlich wollte ich nur kurz rein, ein Buch zurückgeben und wieder gehen, bevor mein Kopf wieder anfing, sich Dinge einzubilden, die ich nicht kontrollieren konnte. Doch wie so oft kam es anders, als ich es mir vorgestellt hatte. Als ich zwischen den Regalen stand, ein Buch in der Hand, ohne wirklich zu lesen, bemerkte ich sie.

Nuray.

Ein paar Meter entfernt, vor einem der höheren Regale, stand sie auf den Zehenspitzen, den Blick nach oben gerichtet, während ihre Finger versuchten, ein Buch zu erreichen, das knapp außerhalb ihrer Reichweite lag. Es war ein Bild, das meine Aufmerksamkeit fesselte, und ich beobachtete sie einen Moment lang, nicht absichtlich, nicht bewusst, sondern eher so, als hätte mein Blick von selbst entschieden, dort zu bleiben. Sie streckte sich noch ein kleines Stück weiter, doch ihre Fingerspitzen streiften das Buch nur kurz, ohne es greifen zu können. Ein leises, kaum hörbares Seufzen entwich ihr, und in diesem Moment zögerte ich. Nur kurz. Dann trat ich näher, als würde mein Herz mir den Weg weisen.

„Warte...", sagte ich, und meine Stimme war leiser, als ich erwartet hatte.

Sie drehte sich leicht zu mir um, ein bisschen überrascht, aber nicht erschrocken. Ihre Augen musterten mich für einen kurzen Moment, als würde sie versuchen, mich einzuordnen, und ich spürte, wie mein Herz schneller schlug.

Ich griff nach oben, nahm das Buch mühelos aus dem Regal und reichte es ihr. „Hier."

Unsere Finger berührten sich nur ganz kurz, aber es reichte. Ein kleiner Moment, der mehr bedeutete, als ich mir eingestehen wollte.

„Danke", sagte sie leise, und ihre Stimme war ruhig, sanft, genau so, wie ich sie in Erinnerung hatte, und das Gefühl, das sie in mir auslöste, war wie ein Echo, das in meinem Inneren widerhallte.

Ich nickte leicht, ließ meine Hand wieder sinken und für einen Moment war es still. Nicht unangenehm.

Eher... neu.

Eine Stille, die nicht drängte, sondern einfach nur da war, und ich wollte sie festhalten, wie einen flüchtigen Traum.

„Wir...", begann ich, stoppte kurz, als müsste ich die richtigen Worte erst finden. „...wir sind uns schon mal begegnet, oder? Bist du nicht Defnes Freundin?"

Ein kleines, vorsichtiges Lächeln erschien auf ihren Lippen, und ich konnte nicht anders, als es zu erwidern.

„Ja", sagte sie. „Und du Amirs Freund?"

Ich atmete leise aus, ein kaum merkliches Lächeln zog über mein Gesicht. „Ja"

Eine kurze Pause entstand zwischen uns, in der ich die Möglichkeit spürte, dass sich etwas zwischen uns entwickeln könnte, etwas, das über die Worte hinausging.

„Wir hatten nur... keine Gelegenheit, uns vorzustellen", sagte ich schließlich, und ich spürte, wie meine Unsicherheit in der Luft hing.

Sie schüttelte leicht den Kopf. „Nein, das stimmt nicht. Ich erinnere mich..."

Ich hob kurz die Hand und stellte mich vor. „Aykut."

„Nuray", antwortete sie, und ich wiederholte ihren Namen leise in meinem Kopf.

Nuray.

Er fühlte sich genauso an, wie ich es erwartet hatte. Sanft. Und trotzdem irgendwie... bleibend.

„Was liest du so?", fragte ich nach einem Moment, um die Stille zu füllen, die sich zwischen uns gebildet hatte.

Sie blickte kurz auf das Buch in ihren Händen, strich mit dem Daumen über den Rand, als würde sie die Worte darauf fühlen wollen. „Alles, was... ehrlich ist", sagte sie schließlich, und ich konnte die Tiefe ihrer Antwort spüren.

Unter dem Kirschblütenbaum | ElinWo Geschichten leben. Entdecke jetzt