Triggerwarnung: In diesem Kapitel, geht es um Tod, Trauer, Depression und Suizidgedanken.
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Frisch geduscht stehe ich vor meinem Kleiderschrank. Serge mag in einer halben Stunde hier sein und ich stehe nun vor der Frage was ich anziehe. Da wir aber nichts besonderes geplant haben, sondern nur einen entspannten Nachmittag und gemeinsamen kochen vorhaben, entscheide ich mich für eine kurze Yogahose und ein einfaches Top. Darin schlüpfe ich nun rein und verlasse dann mein Schlafzimmer.Da ich eigentlich alles vorbereitet habe, beschließe ich nun schnell meine Tante anzurufen. Ok, schnell funktioniert bei ihr eigentlich nicht, da sie, wenn man einmal mit ihr telefoniert, nicht mehr aufhört zu reden. Ich hoffe einfach, dass die knappe halbe Stunde ausreicht. Also gleiten meine Finger über das Display und suchen den Kontakt meiner Tante, ehe ich auf anrufen drücke. "Viktoria, wie schön von dir zu hören." Begrüßt mich meine Tante freudig. Ich beginne, nach einer Begrüßung, ihr von unserem Vorhaben zu erzählen.
Und wie fast vermutet, reicht eine halbe Stunde nicht aus, um mit meiner Tante zu telefonieren. Und so erzählt sie mir eben von ihrem neuen Käsekuchen Rezept, als es an meiner Tür klingelt. Ohne zu fragen, wer da ist, öffne ich diese und höre weiter meiner Tante zu, die mir gerade erklärt, dass man den Ofen ja nicht zu heiß machen darf bei Käsekuchen. Als ich Geräusche im Treppenhaus vernehme, öffne ich meine Wohnungstür und gestikuliere zu Serge, dass ich gerade noch in einem Gespräch hänge. Dieser schmunzelt und zieht sich die Schuhe aus, bevor er ins Wohnzimmer geht und sich dort auf die Couch setzt. Ich setze mich neben ihn und höre weiter meiner Tante zu, die mir gar keine Möglichkeit lässt das Telefonat zu beenden. Serge legt währenddessen einen Arm um mich und drückt mir sanft einen Kuss auf die Wange.
Fünf Minuten später und einige weitere zarte Berührungen von Serge, kann ich nun endlich die Chance ergreifen. "Tante Moni, ich will dich echt nicht abwürgen, aber ich hab Besuch bekommen. Wir sehen uns dann nächste Woche, ja?" "Oh, aber natürlich. Wir sehen uns Viktoria. Grüß Manuel lieb von uns." Nach einer kurzen Verabschiedung nehme ich dann endlich das Handy vom Ohr. "Mir glüht das Ohr." Seufze ich und lege meinen Kopf auf Serges Schulter ab. Dieser lacht leicht und legt dann seine Hand an meine Wange, um meinen Kopf zu sich zu ziehen. "Hallo erstmal." Flüstert er gegen meine Lippen, ehe er seine drauf legt. Ich lächle in den Kuss hinein und bin etwas traurig drüber, dass er ihn so schnell beendet. "Hallo, magst du was trinken." "Gerne ein Wasser oder so." Ich nicke und löse mich aus Serge Arm um aufzustehen und in die Küche zu gehen.
"Du wirktest nicht so begeistert von dem Telefonat?" Serge sieht mich an, als ich aus der Küche komme mit einer Flasche Wasser und zwei Gläsern. Diese Stelle ich vor mir auf dem kleinen Tisch ab und lass mich wieder neben Serge plumpsen. "Jain. Ich mag meine Tante wirklich gern. Ich meine sie gehört zu den wenigen Teil Familie was ich noch habe. Aber sie kann ewig reden am Telefon." Ich lache leicht, während ich die Gläser mit Wasser befülle. "Weswegen habt ihr telefoniert?" Ich merke Serge hat wirklich Interesse daran und fragt nicht nur aus Anstand. "Wenn wir nächste Woche in Bochum sind, wollen wir sie besuchen." "Du und Manu?" Serge nimmt sich sein Glas und lehnt sich zurück. Ich nehme mir ebenfalls mein Glas und setze mich im Schneidersitz, in Richtung Serge gedreht, hin. "Ja, und Leon. Er will nächste Woche zu seiner Familie fahren, seine Nichte hat Geburtstag. Da hatte ich kurzerhand die Idee, dass Manu und ich ja mitfahren können." Serge nickt interessiert und sieht aus, als würde er seine nächste Frage überlegen. "Du hast sicherlich einen guten Draht zu Leons Familie, oder?" Jetzt bin ich diejenige die nickt. "Ja, den habe ich. Unsere Eltern waren wirklich gute Freunde. Also alle Geburtstage wurden zusammen gefeiert, auch Silvester oder so haben wir oft gemeinsam gefeiert. Also die Familie Neuer und die Familie Goretzka. Ich habe auch viel Zeit bei Leon Zuhause verbracht. Es wurde wie meine zweite Familie. Auch nach dem Scheiß mit meinen Eltern, war es schön zu wissen, dass man irgendwo noch etwas hat, was sich nach Familie anfühlt, wenn man selber keine wirkliche mehr hat." "Das heißt, du und Leon ihr habt wirklich viel Zeit miteinander verbracht?" Ich nicke erneut und nehme einen Schluck aus meinem Glas. "Leon und ich hingen ständig aufeinander. Immer wenn es die Zeit zugelassen hat, waren wir zusammen. Wir haben ja in unterschiedlichen Städten gelebt und daher brauchten wir ja immer wen der uns von A nach B fährt. Aber im Sommer waren wir immer Eis essen. Bei Giovanni gab es das beste Eis in Bochum. Es war nicht weit weg von Leons Zuhause. Also sind wir immer losgezogen um uns zwei Kugeln Eis zu kaufen. Leon hat immer mein Eis bezahlt, er hat es gehasst, wenn ich sowas selber gezahlt habe. Später hatten wir dann unseren gemeinsamen Freundeskreis. Ein Teil waren Leute von mir aus Gelsenkirchen, ein Teil von Leon aus Bochum. Wir sind dann irgendwann mit den öffentlichen Verkehrsmitteln immer in die jeweils andere Stadt gefahren. Ich hab Leon immer bei seinen Heimspielen unterstützt. Wir haben alles miteinander erlebt. Haben uns gegenseitig bei unserem ersten Liebeskummer getröstet, gemeinsam für Klassenarbeiten gepaukt und einfach alles gemacht. Als dann der ganze Scheiß passiert ist, war Leon meine Stütze, er hat mich aufgefangen. Auch wenn es manchmal schwer ist zurückzukommen, bedeutet mir Gelsenkirchen, aber auch Bochum, immer noch sehr viel. Vielleicht schaffen wir es mal zusammen hin, da kann ich dir alles zeigen." Ich lächle Serge an und lege meine Hand auf sein Knie. Diese greift er nun und sieht mich eindringlich an. Sofort weiß ich was als nächstes kommt. "Was genau ist eigentlich passiert? Du musst es natürlich nicht erzählen wenn du es nicht willst." Serges Daumen streichelt meinen Handrücken und ich atme tief durch. "Irgendwann muss ich es dir eh erzählen. Spätestens wenn ich mal einen schlechten Tag habe, will ich, dass du weißt was los ist." Ich lege eine kurze Pause ein uns sammle mich nochmal. Lange habe ich schon nicht mehr so ausführlich über das Thema gesprochen. "Ich war damals 16. Manu ist erst vor ein paar Monaten aus Gelsenkirchen weggezogen. Meine Eltern waren unterwegs, ein paar Besorgungen machen. Ich weiß gar nicht mehr genau, weswegen sie los sind. Ich saß gerade Zuhause über meinen Hausaufgaben. Es war ein Samstag, um genau zu sein, der 10.09.2011. Ich wollte Abends noch ausgehen mit meinen Freunden. Daher habe ich in weiser Voraussicht meine Hausaufgaben da schon gemacht, da ich wusste, ich hätte am nächsten Tag keine Lust dazu. Ich war gerade in, ich glaube Mathe war es, vertieft, als es an der Tür klingelte. Genervt ging ich zu dieser, da ich dachte meine Eltern hätten einfach mal wieder keine Lust ihren Schlüssel raus zu holen. Als ich die Tür dann öffnete, standen da nicht meine Eltern, sondern zwei Beamte und eine weitere Person die augenscheinlich nicht von der Polizei war. In dem Moment wusste ich schon, irgendwas stimmt hier nicht, irgendwas ganz schlimmes ist passiert. Die zwei Beamten stellten sich vor und auch ihre Begleitung, welche eine Notfallseelsorgerin war. Sie fragten ob sie reinkommen könnten. In dem Moment konnte ich schon nichts mehr sagen, ich konnte nur nicken und ging ein Schritt zu Seite um Platz zu machen. Ab da an nahm ich alles nur noch wie in einem Tunnel war. Die Nachricht, dass meine Eltern einen Unfall hatten, jemand hatte auf der Landstraße einen LKW überholt, sie sind frontal aufeinander getroffen. Die zwei sind noch direkt am Unfallort verstorben. Ich brach zusammen, konnte nichts außer weinen. Irgendwie habe ich wohl noch mehrfach Leons Namen halbwegs verständlich raus gebracht, sodass die Beamten ihn über mein Handy kontaktiert haben. Leon war anscheinend in Rekordzeit in Gelsenkirchen, mit ihm seine Mama. Leons Mama hat alles geklärt für mich, während Leon mich einfach nur im Arm gehalten hat. Ich habe in dem Moment nichts gefühlt, nichts außer Leere. Die nächste Zeit wurde nicht besser. Manu kam am nächsten Tag nach Gelsenkirchen. Für ihn war es natürlich auch nicht einfach, er hat in dem Moment wahrscheinlich einfach nur funktioniert. Es musste dann ja so viel geklärt werden, Beerdigung, mein Sorgerecht, was passiert mit dem Haus unserer Eltern, was passiert mit mir und so weiter. Unsere Tante und unser Onkel, waren für Ihn eine große Stütze und Hilfe in dem Moment. Ich habe die zwei Woche danach einfach nur im Bett gelegen, ich wollte weder was essen noch irgendwas anderes tun. Diese Leere hat mich komplett eingenommen. In dem Moment wollte ich einfach nicht mehr da sein, einfach bei meinen Eltern sein. Leon hat in der Zeit mich nicht aus dem Auge gelassen. Er hat alles stehen und liegen gelassen und war einfach für mich da. Nach der Beerdigung hat Manu mich mit nach München genommen. Er wusste, dass es nicht gut für mich ist, von Leon weg zu gehen, aber er wollte, dass ich bei ihm bin. Also habe ich schweren Herzens Gelsenkirchen verlassen. In München wurde es nicht besser. Ich habe weiterhin nur vor mich hingelegt. Ich wurde vom Arzt damals bis auf weiteres aus der Schule genommen. Ich habe weder gegessen noch mich sonderlich aus meinem Bett bewegt. Manu musste mich regelrecht dazu zwingen, dass ich zwischendurch mal dusche, trinke und auch was kleines esse. Ich wollte einfach echt nichts mehr tun außer bei meinen Eltern zu sein. Manu hat in dieser Zeit eigentlich nur für mich gelebt. Auch Leon war trotz der Entfernung für mich da. Fast täglich haben wir telefoniert, besser gesagt er hat mit mir telefoniert und ich hab ihm einfach zugehört. Immer wenn es ging kam er nach München. Nach einem halben Jahr ungefähr ging es dann langsam Bergauf. Langsam habe ich wieder etwas ins Leben gefunden. Nach einem Jahr habe ich dann wieder sowas wie gelebt. Ich bin wieder zur Schule gegangen, habe auch nach der Schule etwas anderes gemacht als im Bett gelegen. Aber immer wieder kam es dazu, dass Rückfälle erlitt, dass es mir gar nicht gut ging, ich mich immer wieder zurückgezogen habe, nichts mehr essen wollte und nur bei meinen Eltern sein wollte. Leon und Manu haben mich dann immer wieder aus diesem Loch rausgeholt. Manu hat mich auch nie länger als ein paar Tage allein gelassen. Auch wenn er bei der Nationalmannschaft war, hat er mich mitgenommen. Am Anfang war das ein großes Diskussionsthema, aber als Manu dann sagte, dass er nur mitkommt, wenn er mich mitbringen darf, hat der DFB dann zugestimmt. Nach meinem Abitur 2015 habe ich dann beschlossen, dass ich einfach weg muss. Weg von Gelsenkirchen, weg von München, und so schwer es war, aber auch weg von Manu und Leon. Also bin ich nach Berlin gegangen und habe da Studiert. Die Jahre in München haben mich etwas geheilt, aber Berlin hat es nochmal richtig getan. Ich konnte irgendwie lernen damit umzugehen, mich ablenken und wurde nicht ständig an alles erinnert. Ich habe mit dem Studium meine Leidenschaft, das Fotografieren, vertieft und war irgendwann endlich mal wieder sowas wie glücklich. Klar, gibt es immer mal wieder schwierige Phasen, kleine Rückfälle, gerade rund um die Zeit des Todestages oder der Geburtstage meiner Eltern. Aber schon lange, war es nicht mehr so schlimm gewesen wie damals. Schon lange, schaffe ich es mich da selber irgendwie wieder raus zu bringen." Mit einem tiefen Atemzug beende ich meinen Monolog. Serge hat mich nicht einmal unterbrochen, hat mir aufmerksam zugehört und mir immer wieder den Handrücken mit seinem Daumen gestreichelt. Nun streicht sein Daumen über meine Wange um eine Träne weg zu wischen, bei der es mir gar nicht auffiel, dass sie den Weg nach draußen gefunden hat. "Das hört sich wirklich ganz schrecklich an. Es tut mir alles so leid für dich. Ich verstehe nun, warum Manu und auch Leon dir so viel bedeuten. Wenn es dir irgendwann mal nicht gut geht, rede mit mir, ich versuche dir gerne zu helfen, und wenn es nur ist, dass ich den beiden bescheid gebe." Serge lächelt mich aufmunternd an. "Das mache ich. Danke, Serge." Dieser lehnt sich nun zu mir und küsst mich, ganz sanft, ohne Hintergedanken, einfach nur als Zeichen, dass er für mich da ist.
Serge und ich liegen nun gemeinsam auf der Couch. Mein Kopf liegt auf seiner Brust und seine Hand streicht über meinen Rücken. Es ist still im Raum. Nicht unangenehm still, sondern entspannt still. Wir, oder eher ich, haben gerade so viel gesprochen, dass wir einfach nur die Stille genießen. "Du Serge?" Leicht hebe ich meinen Kopf an, um mein menschliches Kissen anzusehen. Serge sieht mich ebenfalls an und bringt nur einen zustimmenden Laut raus. "Was hälst du davon, wenn du nächste Woche einfach mit nach Bochum beziehungsweise Gelsenkirchen kommst? Also ich würde natürlich erstmal die anderen beiden Fragen, ob es für sie ok ist, aber dann könnte ich dir meine Heimat und alles zeigen, damit du das Erzählte besser verstehst." Sollte das hier wirklich etwas festes werden, ist es mir wichtig, dass Serge meine Vergangenheit und alles was dazu gehört versteht und kennt. Meine Vergangenheit ist nun mal nicht ''normal''. Und auch wenn ich Rückschläge bekomme, sollte er alles wissen. "Also Zeit hätte ich, wenn das für alle beteiligten Ok wäre, kann ich gerne mitkommen. Dann kann ich auch Leon etwas nerven." Ich merke wie Serges Brust vibriert, während er lacht. Egal was das ist, ich find es irgendwie schön, wie es gerade ist. Auch, wenn mich der Gedanke irgendwie nicht los wird, dass irgendwas fehlt.
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Hello, ein neues Kapitel von mir. Ich hab mich mit dem Kapitel ein wenig schwer getan. Noch nie hab ich dieses Thema so komplett beschrieben. Daher war es auch gar nicht so einfach gerade mit den Jahreszahlen und so. Aber ich denke ich habe es ganz gut hinbekommen.
Ich bin gerade auf dem Heimweg von meinen München Wochenende. Gestern war ich im Stadion und konnte die 4 Tore gegen Frankfurt live miterleben. Es war unglaublich. 😭😍
Ich wünsche euch einen starke Start in die Woche und passt gut auf euch auf. Bis zum nächsten Kapitel! 🖤
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Was wäre wenn? - Leon Goretzka / Serge Gnabry FF
FanfictionWas wäre wenn Vik und Leon nicht zu ihren Gefühlen stehen, die eigentlich weit über eine Freundschaft hinaus gehen? Was wäre, wenn Vik einem anderen Mann verfällt und Leon "nur" ihr bester Freund ist. Was wäre, wenn dieser Mann auch noch einer von L...