16 - Der Countdown läuft

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Nachdem sich Mile den Spaß erlaubt hat, mich auf einem alten Kinderfoto in eine Hexe zu verwandeln, beschließen wir, die letzten vorinstallierten Apps im Schnellverfahren zu durchlaufen. Einfach, damit wir den langweiligen Part möglichst schnell hinter uns bringen.

Wir schauen uns auf YouTube die sogenannten Shorts an, lesen uns in meinem Gmail-Postfach ein paar amüsante Spam-Nachrichten durch, tanzen im Radio zu einem Lied aus den 80ern und machen uns im Taschenrechner über unsere miserablen Mathefähigkeiten lustig.

Ich weiß, dass es komisch klingt, aber ich genieße es, Zeit mit Mile zu verbringen. Seit ich mich bei ihm entschuldigt habe, fühlt sich alles so schön locker, leicht und harmonisch an.

Das einzige Problem ist nach wie vor der Akkustand, der beinahe im Minutentakt sinkt. Das ist auch der Grund, weshalb die ganzen Google-Apps Chrome, Maps, Drive, Meet, Fotos und Google TV ein bisschen zu kurz kommen.

Na ja, Microsoft 365 (Office), OneDrive und Outlook können mit ihren 30 Sekunden ebenfalls keine sonderlich hohe Besuchszeit aufweisen.

„Hey, Eiskönigin! Guck mal!", reißt mich Miles euphorische Stimme aus meinen Gedanken in die Realität zurück. „Wir haben doch tatsächlich eins der besten Spiele übersehen ..." Er deutet auf eine Kachel, in der ein animierter Comic-Mann mit einem Jetpack im Hintergrund zu sehen ist. Wenn mich nicht alles täuscht, heißt diese Figur Barry Steakfries.

Und nein, den Namen habe ich mir nicht selbst ausgedacht!

Kopfschüttelnd konzentriere ich mich wieder auf Mile. Ich kann ihm ansehen, dass er voller Tatendrang ist und sich am liebsten sofort in das Spiel Jetpack Joyride stürzen würde, doch ich halte ihn vorsichtig mit meiner Hand an der Schulter zurück.

Auch wenn es mir leidtut, muss ich seine Euphorie bremsen. „Wir haben nur noch 13% Akku, Mile", sage ich ernst zu ihm. „Denk also daran, dass wir nicht lange bleiben können, okay?"

Ein missmutiges Funkeln breitet sich in seinen blauen Augen aus.

Ich weiß, dass er diese endlosen Runner-Spiele liebt, aber uns fehlt aktuell die Zeit, um die Apps ausgiebig zu testen. Wenn er seinen Kopf einschalten und nachdenken würde, würde er das auch verstehen.

„Nur eine Runde, Elsie. Bitte!", fleht mich Mile aus großen Ozeanaugen an. „Das geht auch ganz schnell. Versprochen!"

Da wir die App sowieso besuchen müssen und ich ebenfalls neugierig auf das Spiel bin, stimme ich seiner Bitte zu. „Na schön", seufze ich und fühle mich dabei wie eine Mutter, die erfolgreich von ihrem Kind manipuliert wurde, „aber wehe, du lässt mich wieder extra gegen irgendwelche Hindernisse laufen!"

Ich hebe mahnend meinen Zeigefinger, doch Mile lacht bloß. Bevor er auf die Kachel mit Barry Steakfries klickt, säuselt er noch frech: „Keine Sorge, Eiskönigin. Dieses Mal lasse ich dich nicht gegen die Hindernisse laufen, sondern fliegen!"

Na toll, das macht es nicht besser ...

Bevor ich zu einem Protest ansetzen kann, streckt die Dunkelheit ihre Arme nach mir aus und drückt mich behutsam gegen ihren Körper. Sie wiegt mich ein paar Mal von rechts nach links, bis ich wieder festen Boden unter meinen Füßen spüre und die Startseite von Jetpack Joyride zum Vorschein kommt.

Sofort erkenne ich das geheime Forschungslabor, das als Schauplatz dieses Spieles dient. Ich ignoriere die ganzen, blinkenden Kacheln um mich herum, die mich zu Shops oder Missionen weiterleiten möchten, und tippe stattdessen auf die tanzenden Wörter Zum Spielen irgendwo berühren!

Das Ziel von Jetpack Joyride ist es, so weit wie möglich mit einem Jetpack zu fliegen. Dabei muss man verschiedenen Gefahren wie Raketen, Laserstrahlen und elektrischen Barrieren ausweichen. Die Münzen, die man währenddessen sammelt, helfen dabei, Power-Ups zu kaufen, damit die Flugzeit und die zurückgelegte Strecke verlängert werden können.

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