Der Wind zerrte an den Leinen, leise klapperten sie gegen den Mast. Im Laufe des Tages hatte seine Stärke deutlich abgenommen, inzwischen war es kaum mehr als eine Briese. Trotzdem segelte die Juliet in angenehmem Tempo über den Ozean. Das Schiff war nicht mehr schnell, jedoch hatten auch die Wellen deutlich nachgelassen, weshalb es nun einfach gemütlich war, an Deck zu sein. Keine Gischt, die einem ins Gesicht spritze, keine Schieflage, bei der man befürchten musste, ins Wasser zu fallen. Einfach nur der sternenklare Himmel und das Meeresrauschen.
Ich saß auf einer der Sitzbänke, den Kopf in den Nacken gelegt und beobachtete die Sterne. Noch nie hatte ich so viele auf einmal gesehen, obwohl der Nachthimmel in England nicht gerade schlecht war. Es war etwas anderes, wenn es kein einziges Licht in der Nähe gab, wenn man wusste, dass man auf dem einzigen Schiff in einem Umkreis von vielen hunderten Meilen war, die gerade die Sterne beobachtete. Das Glitzern und Funkeln der vielen Punkte am Himmel spiegelten sich in der Meeresoberfläche, was für eine schummrige Beleuchtung sorgte.
Ein entspanntes Seufzen entwich mir, als ich meine Schultern bewusst lockerte. Durch die letzten Tage als mehr oder weniger Gefangene hatte sie sich ziemlich verspannt, und langsam aber sicher begann es zu schmerzen. Ich versuchte einige Male, so locker zu lassen, wie ich nur konnte, jedoch half es kaum. Eigentlich bräuchte ich jetzt eine meiner Zofen, um mich zu massieren. Sie hatten das mehrmals in der Woche getan, da ich durch das viele Sitzen ziemlich schnell verspannte. Hier saß ich nicht mehr so oft an Schreibtischen wie zu Hause, jedoch war die Kälte auch nicht gut für meine Muskeln.
Als ich eine Hand an meinem Oberarm spürte, zuckte ich zusammen. Mit einem Blick über die Schulter stellte ich fest, dass es nur Aiza war und entspannte mich augenblicklich wieder.
„Hallo", murmelte sie, während sie sich neben mich auf die Bank setzte. Automatisch rückte ich ein wenig zur Seite, um ihr genug Platz zu lassen. Ihr Blick folgte dem Meinen in den Nachthimmel, und wir saßen stumm nebeneinander. Niemand von uns wollte eine Konversation anfangen, und niemand wusste, wie sie es am besten sollte.
Verstohlen sah ich sie an. Ihr Profil mit den leuchtenden Sternen im Hintergrund glich einem Kunstwerk. Der perfekte Schwung ihrer Nase, die hohen Wangenknochen und die scharfe Kieferlinie. Ich könnte stundenlang so sitzen und sie anschauen.
Als sie sich ebenfalls ein wenig bewegte, richtete ich meinen Blick ertappt wieder nach vorne. Ich wusste nicht, ob sie mich anschaute, aber ich wollte nicht riskieren, von ihr dabei ertappt zu werden, wie ich sie anstarrte. Das war unheimlich. Jedoch hatte ich den starken Verdacht, dass sie genau das bei mir tat. Zu ihr passen würde es auf jeden Fall. Im Augenwinkel versuchte ich sie auszumachen, jedoch war es dafür zu dunkel, weshalb ich meinen Kopf doch wieder zu ihr drehte.
Sie schaute mich an.
Ich starrte ihr in die immer noch schwarz umrandeten Augen, in denen sich die Sterne als viele helle Punkte spiegelten. Obwohl es lächerlich war, würde ich lieber die ganze Nacht in ihre blauen Augen sehen, als den Sternenhimmel anzustarren.
Ein unterdrücktes Lachen von Aiza riss mich aus meinen Gedanken.
„Ich liebe es, wenn ich dich dabei erwische, wie du mich anschaust." Augenblicklich schoss mir Blut in die Wangen. Wenigstens konnte man in der Dunkelheit nicht sehen, wie rot ich wurde.
„Ich habe nicht...", setzte ich zu einem Versuch an, mich rauszureden, brach dann jedoch ab. Es hatte keinen Sinn, sie würde mir so oder so nicht glauben. Zurecht. Ich hatte sie angeschaut. Warum ich das nicht vor ihr zugab, konnte ich mir selbst nicht erklären. Vielleicht wollte ich ihr nicht die Genugtuung verschaffen, recht gehabt zu haben. Vielleicht wollte ich immer noch kein belangloses Gespräch mit ihr führen, ich wusste es nicht. Ich wusste nicht einmal, was ich in diesem Moment wollte. Weder von mir selbst noch von ihr. Alles überforderte mich maßlos. Ich könnte sie bitten zu gehen. Aber wollte ich das wirklich? Ich versuchte es mir vorzustellen, wieder allein hier zu sitzen. Ohne ihren warmen Körper an meinen gepresst. Ohne ihre Hand, die nebenbei meinen Arm streichelte, als wäre es nichts. Ohne ihre Anwesenheit, die mir das Gefühl von Sicherheit gab. Nein, das wollte ich definitiv nicht. Ich schluckte, bevor ich zum Sprechen ansetzte. Die Stimmung war nahezu... magisch. Abgesehen von dem Meeresrauschen war das einzige Geräusch der Wind. Ich gab keinen Mucks von mir, und Aiza blieb ebenfalls stumm. Schweigend sah ich auf das Meer, und obwohl wir kaum ein Wort miteinander gewechselt hatten, fühlte ich mich nicht allein. Ich wusste, dass ich in guter Gesellschaft war.
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Pirate Princess
Historical Fictionabgeschlossen *** Im Jahre 1706 reist Sorina von Ashton, Erbin eines englischen Adelsgeschlechts, mit ihrem Vater nach Amerika. Sie soll sich dort in der neuen Welt einen Namen machen und ihrer Familie Einfluss und Reichtum verschaffen. Jedoch verlä...
