Nach zwei Tagen hatte ich jedes einzelne Dokument im Navigationszimmer mehrmals studiert. Den Großteil der Texte kannte ich nun in und auswendig. Das meiste waren irgendwelche Briefe, die mir nicht egaler sein könnten. Ich hatte kein Interesse daran, mich mit diesen Dokumenten zu befassen. Ich wollte etwas Sinnvolles tun, was auch der Grund war, warum ich den vor meiner Tür abgestellten Piraten nach dem Captain gefragt hatte. Ich war nicht so dumm, ihn um ein wenig Freiheit zu bitten. Auf mich wirkte er wie jemand, der außer prügeln nicht viel konnte. Und ich konnte es mir auf keinen Fall leisten, Aiza zu verärgern. Nicht, wenn sie gerade so viel Macht über mich besaß. Nicht, wenn sie es war, die entschied, wie es mit mir weiterging.
Ich fühlte mich grauenhaft. Es war mir nicht einmal erlaubt worden, mich umzuziehen, beziehungsweise hatte ich keine Wechselkleidung. Deshalb steckte ich nun schon seit zwei Tagen in ein und demselben Korsett, von dem zerstörten Kleid ganz zu schweigen.
In diesem Moment vernahm ich laute Schritte auf dem Korridor vor der Kabine. Reflexartig wich ich einen Schritt zurück, um nicht von der dunklen Holztür erschlagen zu werden, falls diese aufgehen sollte. Es hieß zwar Navigationszimmer, war aber nichts weiter als eine etwas größere Kabine. Wie überall am Schiff war der Platz auch hier knapp.
„Du wolltest mich sehen?" Aizas Stimme klang kalt und geschäftig. So, als hätte sie tausend wichtigere Dinge zu tun, als mit mir eine Konversation zu führen, was vermutlich auch der Fall war.
Ich konnte nicht umhin, sie zu mustern. Erneut trug sie eine braune, weite Hose mit vielen Taschen und ihr ledernes Taillenkorsett. Der Gürtel mit den Waffen sah aus wie vor zwei Tagen, einzig ihr Hemd schien sie gewechselt zu haben. Dieses war deutlich sauberer als das andere, auch wenn es trotzdem ein paar Flecken aufwies. Als mein Blick ihr Gesicht erreichte, blieb mir für einen Moment der Atem weg. Sie hatte sich geschminkt. Nicht so, wie ich es schon oft getan hatte, mit weißem Puder und rotem Lippenstift, sondern ihre Augen. Trotz der Tatsache, dass diese im Schatten des Hutes lagen, welchen Aiza wieder trug, konnte ich sie gut erkennen. Ihre Augen waren schwarz umrandet. Zusätzlich dazu ging ein dünner schwarzer Strich in Verlängerung ihres Wimpernkranzes von ihnen aus. Hitze schoss mir in die Wangen und ich betete, dass ich nicht rot geworden war. Egal wie sehr ich es versuchte, ich konnte nicht leugnen, dass ich dieses Aussehen attraktiv fand.
Aiza räusperte sich. Ertappt zuckte ich zusammen und versuchte mich zu erinnern, was ich ihr sagen wollte.
„Ich wollte dich fragen, ob ich etwas tun kann. Irgendetwas Sinnvolles. Wenn ich noch einen Tag länger hier drin sein muss, drehe ich durch." Aizas Augenbrauen wanderten ein wenig nach oben, als mir noch etwas einfiel. „Und außerdem würde ich mich gerne umziehen."
Während sie mich prüfend musterte, schritt sie vor mir auf und ab, soweit es der begrenzte Platz zuließ. Eine ihrer Hände griff zu dem Gürtel und zog einen Dolch hervor, den sie wie aus Gewohnheit in ihrer Hand drehte. Mein Blick folgte ihr, bis sie schließlich stehen blieb.
„Wieso sollte ich dir vertrauen? Wieso sollte ich glauben, dass du nicht bei der erstbesten Gelegenheit etwas Dummes tust?" Ich zuckte mit den Schultern. Es gab keine Versicherung für sie, und somit kein rationales Argument, auf das ich mich stützen konnte. Ich konnte nur versuchen, sie zu überzeugen. Denn die einzige Sache, die ich mit Sicherheit wusste, war, dass ich durchdrehen würde, wenn ich auch nur einen Tag länger nichts als die Wände dieser Kammer zu sehen bekam.
Als ihr Blick schließlich den Meinen fand, nickte sie nach wenigen Sekunden. Überrascht hob ich den Kopf. Das alles gewesen? Hatte ich sie so leicht überzeugt? Ich hatte es noch nicht mal richtig probiert.
Meine neu erwachte Hoffnung schnell wieder in sich zusammen, als sie schließlich zu sprechen begann. „Du darfst dich umziehen gehen, wie es dann weitergeht, sehen wir."
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Pirate Princess
Ficción Históricaabgeschlossen *** Im Jahre 1706 reist Sorina von Ashton, Erbin eines englischen Adelsgeschlechts, mit ihrem Vater nach Amerika. Sie soll sich dort in der neuen Welt einen Namen machen und ihrer Familie Einfluss und Reichtum verschaffen. Jedoch verlä...
